Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 44. (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- Seite 349 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 349 Alterohne Unterschied der Confesfion, statt. Im § 3 des Statutist auf die jüdischen und christlichen Hauptfeste die gebührende Rücksicht genommen. Leider hat der eine der Brüder (Samson) den Tag der Eröffnung nicht mehr erlebt, er starb im vergangenen Jahre, von der ganzen Stadt tief betrauert. Seine Stiftung sichert ihm ein ewiges segensreiches Gedächtniß! London. In einer am 14. Oct. abgehaltenen Versammlung der Anglo-Jewish Association wurde ein Schreiben des auswärtigen Amtes verlesen, welches in Erwiderung auf eine von der Association an den Marquis von Salisbury gerichtete Denkschrift eingegangen war. In derselben heißt es, daß „Ihrer Majestät Negierung unlängst von der rumänischen Negierung die positive Versicherung erhalten habe, daß sie beabsichtige, alle Anordnungen des Berliner Vertrages, sowohl in Betreff der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien als auch in Betreff anderer Fragen, vollständig und nach ihren besten Kräften zur Ausführung zu bringen." Es wurde ein weiteres Memorial an den Marquis von Salisbury gerichtet, worin Sr. Lordschaft Aufmerksamkeit auf die Befürchtungen gelenkt wird, welche durch den in der Phrase „nach ihren besten Kräften" involvirten Vorbehalt erzeugt worden sind. So berichtet „Jew. Chron.". Es wird Niemand in Abrede stellen können, daß Befürchtung und Mißtrauen nur allzusehr gerechtfertigt sind. Was ist auf die Versicherungen der Regierung eines Landes zu geben, in dem Geschworene Banden freisprechen, die an Hellem Tage, laut Aussage von hundert Zeugen, Raub, Mord, Plünderung begehen? Wenn eine solche Regierung „nach besten Kräften" etwas zu lhun verspricht, so ist's, wie wenn ein zehnfach bankerotter Schwindler zu zahlen verspricht, „sobald er Geld übrig hat." Kalisch. In dem Dorfe Sompolno (Gouvernement Kalisch in Russisch-Polen) lebt eine hundert Jahre alte israelitische Wittwe Namens Rajela Wiiczynoka. Dieselbe wohnt bei ihrer achtzigjährigen Tochter, welche Ur-Ur-Großmutter eines dreizehnjährigen Mädchens ist. Die Wittwe Wilczynoka geht trotz ihres hohen Alters allein spazieren, hat noch gute Augen, ein ausgezeichnetes Gehör und ein scharfes Auffassungsvermögen. Dieser Tage verehelichte sich dieselbe mit einem achtundachtzigjährigen Kaufmanne aus Kalisch, Namens Moses Nachmiel. Von der russischen Grenze erhält die „Th. O. Ztg." folgende Mittheilung: Vor circa 3 Wochen brachten einige jüdische Kaufleute ihre Maaren aus Preußen über die russische Zollkammer in Dobrzyn. Nachdem der Zoll erlegt war, sollten sie ihre Namen unterschreiben, was sie aber mit Hinweis auf den bereits eingetretenen Sabbath verweigerten. Der dortige Kammerdirektor ließ nun die beiden Kaufleute unter Schlägen und Schimpfworten hinauswerfen. Oxford. Eine kleine hübsche Synagoge wurde hier kurz vor den Feiertagen eingeweiht. Die Gemeinde ist nur klein, aber es ist von Wichtigkeit, daß das Judenthum in der Universitätsstadt würdig vertreten sei. Sehr bemerkenswerth ist, daß Oswald I. Simon, Sohn des Parlamentsmitglieds Serjeant Simon, Student in Oxford, am zweiten Tage des Laubhüttenfestes eine Predigt in der Synagoge hielt. Er sprach u. a. über die geschichtlichen Beziehungen zwischen Oxford und den Juden, von den Verfolgungen, die sie hier erlitten u. s. w. „Jew. Chron." will erfahren haben, daß der junge Mann sich dem geistlichen Stande widmen will. New-York. „Iewish Times and Reformer“ wird seit einiger Zeit von Dr. Fred, de Sola Mendes redigirt. Da auch „Jew. Mess." auf Dr. Abr. Jsaacs, den Sohn seines Begründers übergegangen ist, so erscheinen jetzt die beiden New-Yorker jüdischen Blätter, welche bisher schroffe Gegensätze bildeten, unter der Redaktion zweier ehemaligen Schüler des Breslauer Seminars. Feuilleton. B. Aus de» Pariser Weltausstellung. Jüdische Sehenswürdigkeiten. (Schluß.) VI. Der Act, welcher den Eintritt des neugebornen Israeliten in die Glaubensgemeinschaft bewirkt, ist auf zwei zu den ersteren in Beziehung stehenden Gegenständen dargestellt, auf dem silbernen, mit Rubinen besetzten Griff eines Beschneidungsmesiers, welches ein ziemlich hohes Alter verräth, und auf einer Schüssel von vergoldetem Silber. Die sehr elegant ausgeführte Arbeit der letzteren, welche auf ihrem Grunde den Act der Beschneidung in einer Gruppe von sechs Figuren darstellt, weist auf das sechzehnte Jahrhundert zurück. Nach der den Rand der Schüssel umkränzenden Inschrift arpDX DvfrK ins ms mpao nw riDw p un pnr nx haben wir uns in den auf dem Bilde dargestellten Personen die Be« schneidung Isaaks durch Abraham vorzustellen. In der Mitte der Gruppe befindet sich auf erhöhtem Sitze eine das Haupt mit einer Priestermütze bedeckte Gestalt — vielleicht Malkizedek, König von Salem — auf dem Schooße den kleinen Knaben — Isaak — haltend; zu seiner Rechten sitzt der Beschneidende, — Abraham — welcher sitzend den Act ausführt. — Ein Knabe — Jsmael? — beleuchtet die Scene durch eine hoch erhobene Fackel. Im Hintergründe befinden sich rechts hinter dem Beschneidenden eine stehende weibliche Figur — Sarah — , die einen Kranz über das Haupt des Mohel hält, links — wol der Symmetrie wegen — gleichfalls stehend eine den Vorgang betrachtende männliche Figur. Die Arbeit darf zu den Meisterwerken ihrer Art gezählt werden. An die jüdische Vermählung erinnert eine reichhaltige Sammlung von Trauringen aus den verschiedensten Metallen und von verschiedener Arbeit, die näher zu beschreiben mir meine Leser erlassen mögen. Der übliche Wunsch 2112 Sjö ist auf vielen derselben aus den verschiedensten Zeilen — der älteste stammt aus dem dreizehnten Jahrh. — zu lesen, hier und da noch andere Inschriften, die Namen der Vermählten oder einen Bibelvers enthaltend. — Zwei Ehecontrakte (D'iOn), deren einer die im Jahre 1756 zu Venedig geschloffene eheliche Verbindung eines Baron Sina zum Gegenstände hat, und auf Pergament besonders fein ausgeführt ist, verdienen gleichfalls Erwähnung. So sind wir denn an das Ende unserer Wanderung gelangt. Eine Wanderung eigentlich können wir das nicht gut nennen, sdenn alle die besprochenen Dinge sind — und das nicht zur Erhöhung des Eindrucks — auf einen unver« hältnißmäßig engen Raum zusammengedrängt; doch verdient der Weg, den der Leser mit mir durch die einzelnen Arten jüdischer Kunst gemacht hat, immerhin den Namen einer Wanderung. Ich danke ihm für die Geduld auf dem vielleicht nicht immer interessanten Wege und tröste mich über dies nicht immer zu vermeidende Mißgeschick mit der Hoffnung, daß unser Weg nicht ohne Nutzen und Anregung gewesen sein wird. Am meisten würde ich mich freuen, wenn diese Zeilen einen deutschen Inden oder deutsch - jüdische Gemeinden ermunterten, chem verdienten Mr. Strauß nachzueifern. Ich zweifle nicht daran, daß wir bei einigem Eifer in nicht langer Frist eine Sammlung zu Stande bringen könnten, welche, wenn auch nicht an reellem Werth, so doch an Alter und vielleicht auch an Mannigfaltigkeit einen Vergleich mit der Srauß'schen wol wagen könnte. Jedenfalls gebührt Herrn Strauß für feinen Eifer und die hingebende Ausdauer der Dank aller Freunde jüdischer Alterthümer, obwohl dis meisten der von ihm gesammelten Gegenstände aus den letzten drei bis vier Jahrhunderten stammen, ein Alter, das neben dem hohen Alter der jüdischen Religion sehr jung erscheint.