Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 44. (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- Seite 345 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 345 — nen Juden, um den es sich eben handelt, durchaus nichts Böses uachsagen kann, in dem man sogar rühmen müßte und auch rühmen würde, wenn es sich nicht um einen Juden handelte. Man lobt dann aber nicht, man sucht vielmehr dem Juden nach Kräften eins anzuhängen, und da man ihn nicht schlecht machen kann, so macht man ihn möglichst lächerlich?) Diesist gerade die Art mancher liberaler Blätter, die sich und ihre Leser durch solche verhüllte Gehässigkeit dafür schadlos halten, daß sie sonst für die Sache der Juden einzutreten durch das Prinzip genöthigt sind. So berichtete die „Köln. Ztg." jüngst über die Versteigerung der Gemäldesammlung des verstorbenen Herrn Joel Jacob von Hirsch in Würzburg. Dieselbe bestehe lediglich aus Stücken, welche der Verstorbene bestellt oder nach seinem eigenen Geschmack erworben und zusammengestellt habe und es sei eine recht gute und zum Theil wirklich werthvolle Prioatsammlung. Es wird dann auch nebenher ganz leise angedeutet, daß I. I. von Hirsch ein Kunstfreund, auch ein nicht übler Kunstkenner gewesen und Künstler unterstützt habe. Soweit wäre alles gut. Man könnte allerdings erwarten, daß dem verstorbenen Kunstmäcen einige anerkennende Worte nachgerufen wären — indessen man kann ja die Thatsachen für sich selbst sprechen lasten. Aber dieser Joel Jacob von Hirsch ist ein Jude gewesen, ein geadelter jüdischer Banquier und Großgrundbesitzer, da kann man ihn doch nicht loben, man muß ihn vielmehr herunterreißen und zwar noch n a ch d e m T o d e. Ein Blatt des vulgären Judenhastes würde ein Lamento darüber anstimmen, daß es in unseren christlichen Staaten noch immer möglich sei, daß Juden nicht nur viele Staatspapiere erwerben, sondern auch altadeligen Grundbesitz an sich bringen, so daß dann christliche Künstler, sogar urgermanische, mit langer blonder Lockenfülle, genöthigt seien, solchen Juden die Cour zu machen. Da sei man im Mittelalter doch viel vernünftiger gewesen, da hätte man solche reiche Inden verbrannt, ihr Vermögen confiscirt und dafür eine Kirche bauen, einen Altar schnitzen, ein Fenster oder Gemälde für eine Kapelle machen lasten; da sei den Künstlern und der Kunst geholfen worden. Das sagt natürlich die „Köln. Ztg." nicht; sie fängt die Sache anders an. Zu allererst läßt sie einfließen, der verstorbene Hirsch sei der Vater des „Türke nbaron", d. h. wie sie erläuternd hinzufügt, des Barvn Moritz von Hirsch, welcher die türkischen Bahnen gebaut hat. Dieser ist in Wirklichkeit nicht der Sohn des Würzburger Hirsch, aber das ist gleichgültig. Also der „Türkenbaron". Das soll in dem Zusammenhangs das Gegentheil von einem Ehrentitel sein, aber wieso? Die „Köln. Ztg." wird sich hüten, auch nur anzudeuten, daß M. v. Hirsch bei seinen Unternehmungen in der Türkei unehrenhaft gehandelt habe, aber er hat bei dem ohne Zweifel sehr riskanten Geschäfte viel Geld verdient, dafür ist er Jude und darum ist er Türkenbaron; christliche Banquiers unternehmen Eisenbahnbauten rc. natürlich nur „um Gottes und der Menschheit willen." — Daß aber dieser Türkenbaron den edelsten Gebrauch von seinem Vermögen macht, daß er zur Gründung von Schulen in dem Lande, wo er Geld verdient hat, eine Million Francs gespendet hat, daß auf seine Kosten Tausenden, ja mehr als Zehntausend Christen, Juden und Muselmännern, die vor den Russen und Bulgaren geflohen waren, das Leben gefristet worden ist, daß er seine Niederlastung in Wien alsbald dadurch kundgegeben hat, daß er für die Verwundeten der bosnischen Occupationsarmee hunderttausend Gulden spendete, das alles ist der „Köln. Ztg.", einem Weltblatte, ebenso gut bekannt wie uns, sie erfährt das alles aus erster Hand, aber sie erwähnt hier davon keine Silbe. Run kehrt das Blatt zum (angeblich) Vater des Türkenbaron, *) Dies gilt auch von der albernen Anekdote über Laibusch Feigenbaum und das Georgskreuz, die lediglich die Aufwärmung einer alten Anekdote aus den Befreiungskriegen ist, durch welche man schon damals dre Auszeichnung, die sich einzelne jüdische Soldaten erworben hatten, dem Hohngelächter preisgeben wollte. seiner Gemäldesammlung, seinem Kunstsinn und Mäcenatenthun zurück. Daß sein Haus eine gastliche Stätte für Künstler von Ruf wie für strebsame Jünger gewesen ist, daß er viele, sehr viele Künstler, Studenten u. s. w. auf das liberalste unterstützt hat, davon weiß die „Köln. Ztg." nichts. Sie spöttelt über sein Kunststreben. Der alte Herr hat freilich in seiner Jugend keine Kunststudien gemacht, aber daß er doch Kennerschaft und Geschmack sich angeeignet hat, giebt die „Köln. Ztg." zu. Zum Anwalt des Kunstsinnes des Herrn von Hirsch fühlen mir uns durchaus nicht berufen, aber es haben bekanntlich christliche hohe Herren, g e f ü r st e t e und gekrönte Häupter oft recht verkehrte Geschmackrichtungen eingeschlagen, man rühmt sie trotzdem, warum hat man denn kein Wörtchen der Anerkennung für einen Juden? Nachdem nun durch derartige Bemerkungen das Terrain geebnet ist, ergießt sich eine Fluth ganz märchenhafter Verleumdungen und Verhöhnungen über den armen I. I. v. Hirsch. Derselbe ist weder je Pferdehändler gewesen, wie die „K. Z." wissen will, noch ist er in die Weise, wie sie es berichtet, ein Parvenü, da schon sein Vater (also der Großvater des Türkenbaron) in den erblichen bayerischen Adelstand erhoben worden war. Es wäre unnütz auch noch die weiteren Märchen, welche die „Kln. Ztg." über ihn auftischt, zu erwähnen; es handelt sich uns ja auch nicht um die Person, ihre Lebensgeschichte u. s. w., sondern um die Art, wie liberale Blätter über Juden zu sprechen lieben, gerade wenn sie rühmen sollten, aber tadeln wollen, ohne wirklich Tadelns« werthes finden zu können. Leipzig. In der Ausschußsitzung des Deutsch*Jsr. Gemeindebundes am 1. October kamen folgende Gegenstände zur Mittheilung resp. Verhandlung. 1, Registrandenvortrag, enthaltend u. a. Beitrittserklärungen der Gemeinden Greifenhagen, Sr. Lengsfeld, Alsheim, Lyck, Bielefeld, Gleicherwiesen und Bochum. 2) Bericht über die von den Gemeinden Cassel, Oldenburg, Potsdam, Alzey, Nordhausen, Stralsund, Allenstein, München, Liffa, Stettin, Worms, Brieg, Hamburg, Holzminden, Hannover, Emden, Bochum, eingegangenen Bestellungen auf Schleiden's „Romantik etc." 3) Definitive Feststellung der in Betreff der Bezirkslehrerfrage, der Berücksichtigung des Sabbaths in den Volksschulen und des Verfahrens gegen Hetzartike( ausgearbeiteten Circulare, resp. Fragebogen. (Wir kommen darauf noch zurück. Red.) 4) Berathung über Propaganda zu Gunsten der Alli-Cirance Jsraelite Universelle. 5) Berathung über Antrag des Ausschuß - Vorsitz. - Stellvertr. Adv. Lehmann, Dresden, auf Bildung von Moses Mendelssohn-Vereinen zur Feier der in das Jahr 1879 fallenden 150. G e b u r t s f e st e Mendelssohns und Lestings und des Verlaufs eines Jahrhunderts seit Erscheinen „Nathan des Weisen." Alzei, 23. Oct. (Or.-Corr.) Der internationale Congreß der Thierschutz-Vereine wurde in diesem Jahre in Paris abgehalten. Man discutirte auf demselben auch die Schlachtfrage. Bei einem Besuche der Schlachthäuser in Paris prüfte man die dort eingeführten verschiedenen Schlacht-Methoden: Bouterole, Schächten und Knicken (Genicken). Bruneau, Erfinder der Bouterole (Schlachtmaske), ist Vicepräsioent der Schlachthauscommission in Paris, und dennoch ist seine Methode nicht allgemein dort eingeführt, selbst für Diejenigen nicht, welche nicht wie die Israeliten, aus religiösen Gründen an die Methode des Schächtens gebunden sind. Der Congreß erkannte die Schlachtmaske im Prinzip zwar als die einzig (?) richtige Methode an, erklärte aber, daß vor der al,'lge* meinen Einführung derselben Verbesserungen (!) erforderlich feiert Dennoch beschloß der Congreß, den Behörden die allgemeine Einführung der B.'schen Schlachtmethode schon jetzt zu empfehlen und alle anderen Methoden auszuschließen (?!). Wir entnehmen dies dem Berichte des Abgeordneten des Hessischen Thierschutz-Vereins in dessen Zeitschrift Nr. 8. u. S.