Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 44. (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- Seite 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 344 — das auf die Jugendbildung gerichtete Streben in Polen bei der jüd. Bevölkerung selber begegnet und mit welchen Schmierigkeiten dasselbe noch überdies wegen der leidigen Sprachen und Nationalitätenfrage zu kämpfen hat. In ersterer Beziehung wird es die Aufgabe sein, den Uebergang von der verrotteten Cheder-Wirthschuft zur obligatorischen Volksschule dadurch zu erleichtern, daß dem Betreiben des hebräischen u. Bibelstudiums genügende Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt, daß Lehrer wie Schüler vor Uebertretung der religiösen Gebote ängstlich gehütet werden. Obwohl man nicht hoffen darf, die religiös-fanatifirte untere Schichte der jüdischen Bevölkerung dadurch mit dem Schulwesen alsbald zu versöhnen, so wird man doch mindestens die wohlhabende Klasse dafür gewinnen und diese gegen Anfechtungen der Stockfrommen schützen. Die staatliche Unterstützung betreffend, so ist auf diese in Galizien leider nur dann zu rechnen, wenn dem polnischen Elemente beim Unterrichte eine hervorragende Stellung eingeräumt wird. Das Schulwesen ist in dieser Provinz fast ganz dem national-polnischen Landesschulrathe ausgeliefert und die deutsche Sprache wird allmälich aus jedem Schulwinkel hinausbugsirt. Doch sei es darum — wenn nur jedes polnisch-jüdische Kind lesen, schreiben und rechnen erlernt und damit die Handhaben zu seiner Fortbildung erlangt, wenn nur jeder polnische Jude den Zusammenhang von Ursache und Wirkung im Getriebe der täglichen Naturanschauungen begreifen lernt: es ist damit der Aufklärung und Bildung eine genug breite Gasse in das Düster der Ghetti eröffnet, daß man von der Zukunft unserer Glaubensbrüder bessere Erwartungen zu hegen berechtigt sein wird. Dann werden auch alle jene betrübenden Erscheinungen von selber verschwinden, die jüngst bei dem sog. jüd. Gemeindetage ihren Ausdruck fanden. Es ist wahr, die Gemeinde-Verwaltung ist in den meisten Gemeinden die ungeregelteste, in vielen ein wahrer Scandal. Unter einer mündig gewordenen Bevölkerung wird solches Unwesen nicht möglich sein. Was helfen da Statuten und Paragraphe, wo es an Männern fehlt, die sich darauf verstehen und der Vorsteher dem in doppeltem Sinne „fingerfertigen" Gemeindeschreiber verkauft ist?! Was nun gar den Gemeindetag und seine Zukunft betrifft, so wolle man doch damit gedulden, bis wir eine größere Anzahl von Gemeinden haben, die im Besitze einer geordneten Verwaltung bereits sind und noch andere, die sich darnach sehnen, nach dem Muster der ersteren eine solche zu erlangen. Die Parlament-Spielerei, die. eine echt polnische Nationaltugend ist, kann füglich für spätere Zeiten reservirt bleiben. Die Herren Advocaten und sonstigen Veranstalter solcher Zusammenkünfte, ob von hüben oder drüben, ob polnisch, ob österreichisch, krakauerischer oder lemberger Parteistellung sollten allesammt weniger auf's Pvlitisiren und Parlamentiren sich verlegen, als vielmehr auf eine wahrhaft ersprießliche gemeinnützige Arbeit: das ist die Verbreitung von Wiffen und Bildung unter ihren Glaubensbrüdern durch Begründung und Förderung von Volksschulen. Das sei das Losungswort für alle Parteien und dadurch allein wird allem Elend und Jammer zu steuern sein! —m—m. Berichte und Correspondenzen. respondenz aus Jerusalem im vorigen Blatte, dürfte es an gezeigt sein zu constatiren, daß auch die „Jüd. Pr." in ihrer jüngsten Nummer sich gegen die Scandalscenen wendet, welche „die Ungarn" in Jerusalem aufgeführt haben. Das genannte Blatt berichtet jetzt über die wüsten Ausbrüche des finstern Fanatismus, der im Winter vorigen Jahres erregt wurde, als Montefiore zur Förderung des Unterrichtim Arabischen Geld nach Jerusalem gesendet hatte. Auch das Schreiben und Treiben des ehemaligen Rabbiners zu Ada wird jetzt in der „Jüd. Pr." ans Licht gezogen. Es wird alles dieses als das bezeichnet, was es in der That ist, als Chiliul haschem von der gröbsten Sorte. Der ausführliche Artikel schließt mit folgender Mahnung: „Solchen Ungestümen kann nur dadurch das Handwerk gelegt werden, wenn die zugehörigen in Europa den Muth haben, solchen Verwilderungen jede freie Entfaltung zu entziehen und die Zuertheilung der Chaluka weit mehr von dem anständigen, das heiligeLand in Ehren haltenden Verhalten abhängig zu machen, alsdies bisher d e r F all w ar." Die letzten Worte sind in der „Jüd. Pr." mit Fettschrift gedruckt. Wir wollen hoffen, daß diese energische Absage an die „Ungarn" nicht bloß eine Antwort und gewissermaßen Revanche für die grobe Manier sein soll, mit der das in Pest erscheinende Blatt „Schewes Achim“ über Herrn Dr. Hildesheimer, der in Ungarn Beiträge für sein Seminar collectirte, herfiel, indem es einfach erklärte, es sei längst ausgemachte Sache, daß ein Seminar in jeder Weise der Welt ein vollständiger Jssur und „jener Mann" längst allen Gottesfürchtigen ein Greuel sei. Wir citiren dergleichen nur, um zu zeigen, wie dem orthodoxen Berliner Rabbinerseminar seitens der ung. Hyperorthodoxen jetzt ebenso zugesetzt wird, wie vor nun bald 25 Jahren dem Bresllyler Seminar seitens der deutschen Orthodoxen und Fanatiker: Hirsch und Consorten. — Man erinnert sich, daß Herr Benjamin Hirsch in Halberstadt schon vor Jahren öffentlich für eine Umgestaltung des bisherigen Palästina-Unterstützungswesens aufgetreten ist. Es ist allerdings Zeit dazu. Kaum ist Herr Pines im Aufträge der Montefiore-Stiftung in Jerusalem erschienen, so haben die Fanatiker schon wieder einen neuen wüthenden Bann ’ und Fluch gegen Jeden geschleudert, der irgend eine „fremde Sprache" lernen, lehren oder dazu behülflich sein werde. Man kann solchen Leuten nicht wehren, man kann auch nicht hindern, daß ihre Gesinnungsgenossen sie unterstützen, aber stnnlos ist es, wenn die in Deutschland u. s. w. collectirten Gelder solch wüstem Treiben zu Nutze kommen; das ist wahrlich keine „Mizwa". Nur eine gründliche Reorganisation kann helfen. Da hatte sich z. B. ein Handwerkerverein in Jerusalem gebildet, um Unterstützung gebeten und auch solche erhalten. Nun ist in diesem Verein wieder eine Spaltung entstanden. Ein gedrucktes Circular bittet, Gaben für den Verein in Zukunft nur an den Verleger des „Schaare Zion" zu senden, ein geschriebenes Circular folgte alsbald, erklärte das Erstere für Lug und Trug und bittet G a b e n wie vorher nur an Herrn Dr. Schwarz zu senden. Muß bei solchen Zuständen nicht der Wohlwollendste an der Zweckmäßigkeit seines Wohlthuns irre werden? daß Herr Dr. Schwarz persönlich volles Vertrauen verdient, auch außerhalb jedes Palästina-Treibens steht, ist gewiß, aber das unaufhörliche gegenseitige Verdächtigen schadet doch der Sache ungemein. Stettin, 17. Oct. (Or.-Corr.) Abneigung, Widerwillen und Gehässigkeit gegen Juden äußern sich bekanntlich in sehr verschiedener Weise. Wir möchten die etwas paradoxe Behauptung aufstellen: Der Judenhaß zeigt sich als das, was er ist, oft am unverhülltesten da, wo er verhüllt auftritt; d. h. nicht da, wo Fanatismus, Racenbornirtheit, Neid u. s. w. bis an die Aufforoerung zur Niedermetzelung, Austreibung, Aechtung und Knechtung der Juden sich versteigert, sondern da, wo man bei einem bloßen Bemängeln, Bekritteln, und Bespötteln stehen bleibt. Dies zeigt sich z. B. in einem Falle, in dem man den Juden überhaupt, oder dem einzel- Deutschlarrd. Magdeburg, 25. Okt. (Or.-Corr.) Anläßlich der Cor-