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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-23 · N° 43. (23.10.1878) · p. Seite 340

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 43. (23.10.1878)
Date
1878-10-23
Page
Seite 340 (sequence 6)
Language
German
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— 340 — Rumänien. Bukarest. Sonnabend, 12. October. In der heutigen Sitzung der Depunirtenkammer erklärte der Minister des Auswärtigen, Cogalniceanu: Was die Judenfrage anbelange, so sei dieselbe von einer constituirenden Versammlung zu regeln. Der Deputirte Majorescu beantragte die sofortige Anberaumung einer constituirenden Versammlung, der Deputirte Holban bekämpfte diesen Antrag Majorescu's. Der Ministerpräsident Bratianu betonte, daß er erst das rumänische Gebiet von den Russen geräumt sehen wolle. Schließlich wurde der Antrag der Minorität mit 78 gegen 20 Stimmen abgelehnt und der Antrag der Majorität mit 83 gegen 17 Stimmen angenommen. Die Sitzung war eine sehr stürmische. Das „Berl. Tagebl." resümiert die ganzen Verhandlungen mit folgenden Worten: Die Herren Rumänien sind kluge Leute. Die Dobrudscha, welche ihnen der Berliner Kongreß zugewiesen, wollen sie wohl nehmen — aber die Gleichstellung der Juden — bleibt ihnen ein Greuel. Die Bukarester Deputirtenkammer hat in ihrer Sonntagssitzung den von der Negierung beantragten Kredit von einer Million zur Bestreitung der Kosten für die Okkupation und die Admistration der Dobrudscha bewilligt. Den Tag vorher hatte der Minister des Aeußern Cogalniceanu erklärt, man wolle die Regelung der Judenfrage vertagen, um sie einer konstituirenden Versammlung vorzulegcn. Wann diese Versammlung einzuberufen, darüber wurde, trotz lärmendster Debatte, ein festes Versprechen nicht gegeben, und so schweben auch hier die Congreßbeschlüsse einfach in der Luft. Die italienischen Blätter besprechen andauernd die italienischen Interessen an den Donaumündungen und das „Avvenire" verlangt eine rasche Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens durch die Negierung. Nach der früher abgegebenen Erklärung der Letzteren aber wird sie ihre Anerkennung von der Gleichstellung der Juden in Rumänien abhängig machen. Und sie hat zu dieser vorsichtigen Haltung um so mehr Veranlassung, als die Herren Rumänen sich eine Hinterthür offen zu halten scheinen. Die „Judenfrage", sagen sie,' „sei schwierig zu lösen, weil die Juden in Rumänien nicht als Nationale, sondern als Fremde betrachtet würden und demnach von der Wohlthat des gedachten Artikels ausgeschlossen seien. Wie gesagt, ein Recht wollen sie einheimsen, die Herren Rumänen, aber von den Pflichten wollen sie nichts hören. Palästina. Ob. Jerusalem, 4. September. (Or.-Corr.) Die Ungarn können noch innner nicht ruhen, und haben am rW") 'ttf'S wieder einen Scandal in der großen Synagoge ausgeübt, weil ein sehr religiöser Israelit an ca. 40 israel. junge Leute *) arabischen Unterricht gratis ertheilt. Wenngleich auch mehrere der hiesigen Scheinheiligen gegen den Unterricht nicht das Mindeste einzuwenden haben, so wollen sie sich doch nicht mit den Ungarn in Zänkereien einlassen, indem sonst manches Geheimniß an die Oeffentlichkeit gelangen könnte. Leider aber ist es sehr zu bedauren, daß das Geld, das unsere Glaubensgenossen in Europa für das Wohl der Israeliten in Palästina hinsenden, meist den hiesigen Rabbinern ausgeliefert wird, sodaß es diesen ermöglicht wird, mit drohender Macht gegen die hiesige, nach Bildung strebende israel. Jugend auftreten zu können. So sollte z. B. der Herr Oberrabbiner zu Preßburg die von ihm gesammelten Gelder nicht der Laune der hiesigen Ungarn überlassen, und statt daß ein ungarischer Ruhestörer eine jährliche Chaluka von 700—800 Gulden bezieht, einem solchen die Chaluka ganz zu entziehen, damit anderen Leuten keine Unannehmlichkeiten durch sie zugesührt werden. Ebenso sollten die Herren Pekidim und Amarkelim in Amsterdam viel vorsichtiger mit der Vertheilung der gesammelten Gelder sein und sie nicht als Prämien für „Unbildung und Rohheit" hingeben. Doch berichte ich demnächst ausführlicher über diesen Krebsschaden. *) Von der ungarischen Gemeinde ist kein Einziger darunter, und zwar nur aus Furcht, daß die Chaluka ihnen nicht entzogeu werde. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der verstorbene Freiherr Abraham von Oppenheim war der erste Jude, welcher in Preußen den Adels- und noch dazu den Freiherrn Titel von dem jetzigen Kaiser erhalten hat. Bis dahin war kein Präcedenzfall für eine solche Nobilitirung eines Israeliten in Preußen vorhanden, während in Oesterreich bereits seit Josef II. Israeliten geadelt worden sind. Der König Friedrich Wilhelm IV. bestätigte auch Israeliten Preußens von fremden Souveränen zu Theil gewordene Nobilitirungen nicht, und soll, als Meyerbeer's Nobili» tirung bei einem bestimmten Anlasse in Frage gekommen, dieselbe verweigert haben. Der jetzige Kaiser und König hat nicht nur die fremdherrliche Nobilitirung israelitischer Preußen bestätigt, sondern auch ferner noch denselben im Einzelsalle den erblichen preußischen Adel verliehen. Des Freiherrn Abraham von Oppenheim Bruder hat die Ernennung zum Freiherrn von einem auswärtigen Fürsten erhalten. König Friedrich Wilhelm IV. hatte mehrere Proselyten, die vom Judenthum zum Christenthum übergetreten waren, geadelt, während unter König Friedrich Wilhelm III. nur (1810) der eine Fall vorgekommen sein dürfte, daß ein Convertit, der damalige Banquier Ferdinand Moritz Levi Dslmar, zum Freiherrn ernannt worden ist, und auch diese Nobilitirung war auf eine Verwendung der damaligen Napoleonischen Regierung erfolgt. Delmar (ein geborener Berliner, früher Salomon Levy) ist vor etwa 18 Jahren in Paris, wo er lange gelebt, gestorben, und war mit einer Stieftochter Sir Sydney Smith's verheirathet. Die Ehe war kinderlos. Würzburg, 15. October. Das Judenthum hat einen schweren Schlag erlitten, es hat einen der Koryphäen der Orthodoxie, einen seiner bedeutendsten Talmudisten in Deutschland verloren, der mit einer aufrichtigen orthodoxen Gesinnung doch auch eine Milde des Urthejls und eine liebevolle Versöhnlichkeit gegen Andersdenkende zu verbinden wußte. Herr R a b b i n ejr B a m b e r g e r in Würzburg ist am zweiten Tage Succoih, als er aus Anlaß des Festes im Begriffe stand, vor der Bundeslade seines Amtes zu walten, vom Herzschlag getroffen, plötzlich tobt zusammengestürzt. Er erreichte ein Alter von 70 Jahren und stand während des langen Zeitraums von 40 Jahren der hiesigen israelitischen Gemeinde vor. Er war eine, seiner edlen Herzenseigenschaften und Gelehrsamkeit halber, hochgeschätzte Persönlichkeit nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern bei der ganzen Stadt und bei Allen, die seine Liebenswürdigkeit und seinen Biedersinn kennen zu lernen so reichlich Gelegenheit hatten. p"72£ “13? „Das Andenken dieses Frommen gereiche uns bleibend zum Segen!" Aus Endhoven wird folgender Mortara-Fall gemeldet: Der Sohn einer dortigen israelitischen Wittwe, der an Geistesschwäche litt, verschwand plötzlich und Niemand wußte, was aus ihm geworden war, bis er sich vor einiger Zeit von selbst wieder einstellte und erzählte, er wäre in ein bischöfliches Seminar in Roermunde entführt und dort getauft worden. Sobald es möglich geworden, sei er entwischt. Die ultramontanen Blätter läugnen die Sache, wahrscheinlich werden sich die Gerichte aber trotzdem in dieselbe mischen und sie klarstellen. Aus Baden bei Wien wird geschrieben: Samstag starb hier der Banquier und Ehrenbürger Leopold Herzl nach längerem Leiden im 76. Lebensjahre als Junggeselle. Derselbe schenkte vor drei Jahren sein in Leesdorf befindliches Haus der Stadt Baden mit der Widmung, daß dasselbe für bleibende Zeiten als Asyl für Obdachlose diene. Herzl hinterläßt ein Vermögen von einer halben Million in lauter Legalen. Er vermachte unter Anderm der Stadt Baden 100,000 fl., dem Veteranen-Verein 3000 fl. — Die Leiche wurde nach Mattersdorf in Ungarn gebracht, und auf dem dortigen israelitischen Friedhofe beigesetzt. Kolomea (Galizien), 27. Sept. Bei der am 24. vor-

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