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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-23 · N° 43. (23.10.1878) · p. Seite 339

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 43. (23.10.1878)
Date
1878-10-23
Page
Seite 339 (sequence 5)
Language
German
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339 — meittbc zu verleben. Der Feldzeugmeister gab der Bitte Folge. Am 87. Morgens machte ich mich von der Nomanja-Planina aus auf den Weg nach Serajewo, und es begann schon zu dunkeln, als ich hier anlangte. Durchnäßt und beschmutzt, wie ich war, eilte ich in den Tempel, wo der Gottesdienst bereits im Gange war. Kaum war ich eingetreten, als zehn, zwanzig Juden mich umringten. Jeder flüsterte mir zu, ich möge sein Gast sein. Ich entschied mich für einen neben mir stehenden jungen Mann. Wir betraten ein Haus von altersgrauem Aussehen. ' Ich gestehe, daß ich mich auf orientalischen Schmutz gefaßt machte und nicht wenig erstaunt war, in dem geräumigen Hofe des alten Hauses die größte Reinlichkeit wahrzunehmen. Wir steigen die teppichbelegte Treppe empor; mein Wirth läßt auf dem Estrich die Schuhe zurück und geleitet mich in den Speisesaal der Familie. Für mich, der ich seit acht Wochen in Bosnien nichts als Schmutz und Unflath gesehen, war das geräumige, nette, mit kostbaren Teppichen belegte Zimmer ein feenhafter Anblick. Ein Greis kommt mir entgegen, legt grüßend die Hände an die Stirn und drückt mir mit den Worten: „Salem aleikum!“ die Hand. Dann kommen die übrigen Männer an die Reihe, und schließlich begrüßten mich drei Frauen in gleicher Weise. Die Männer waren in lange, weite orientalische Kleider von Sammt und Seide gehüllt. Die Frauen bildeten eine wahrhaft malerische Gruppe; das Haupt ziert eine mit Gold und Edelsteinen reich besetzte spanische Kappe, von welcher eine breite, schwarze Flechte auf den Nacken herabhängt; das Halsband besteht aus fünfzig oder noch mehr Goldstücken; der Brustlatz ist mit einer handbreiten Goldstickerei besetzt, das kostbare Seidenkleid nach türkischer Art unten an den Knöcheln befestigt. Eine der Damen fiel mir besonders auf; ich hielt sie für das Hausfräulein, denn sie schien kaum älter als vierzehn Jahre. Ihre frischen rothen Lippen umspielt ein ständiges Lächeln, ihre schwarzen Augen brennen in Feuergluth. Mein Wirth ist kaum neunzehn Jahre alt, aber schon seit drei Jahren verehlicht; das junge Weib, welches ich für das Hausfiüulein hielt, war seine Gattin. Mit zehn Jahren war sie seine Braut, damals „löste er sie aus". Vor einem Jahre hat die Hochzeit stattgefunden. Die Conversation ging anfangs etwas langsam von statten, da ich nur wenig Serbisch spreche; ich merkte aber, daß die Muttersprache der Hausleute die spanische sei, und so konnte ich mich mittelst der serbischen, italienischen, lateinischen und hebräischen Sprache ihnen doch verständlich machen. Das Nachtmahl dauerte fast eine Stunde. Die Speisekarte war fast ganz türkisch. Ich brauche wol kaum zu sagen, daß man mich auch über Nacht dort festhielt, und wie wohl es mir that, nach achtwöchentlichem Lagern im Freien eine Nacht unter zwei seidenen Bettdecken verbringen zu können. Ich erwähne hier, daß während der zwei Feiertage mehr als zweihundert Soldaten in gleicher Weise von den Serajewoer Juden bewirthet wurden. In heiteren Gesprächen verbrachten wir den Abend; meine schöne junge Hausfrau, als echtes Judenweibchen, wollte mich schon dazu bereden, ein zwölfjähriges Mädchen, eine Verwandte von ihr, zu heirathen, dann sollte ich mich in Serajewo niederlassen und sie ungarisch und deutsch lehren. Am andern Tage zeigte sie mir auch das Mädchen, das sie für mich ausgesucht hatte. Wenn mir Gott nicht bald nach Hause verhilft, kann es noch geschehen, daß ich ein Serajewoer Hausherr werde. — Gestern Abends sah ich eine jüdische Hochzeit. Ich schreibe keine ethnographische Studie und will nur einigermaßen die Serajewoer Juden charakterisiren. Die Männer und die Frauen unterhielten sich abgesondert, denn der Brautvater ist schon etwas vertürkt. Vom Hofe aus konnte ich indefien doch einen Blick ins Frauengemach werfen; zum Tamburin und zur Guzla sangen sie spanische und türkische Weisen; dre vielen Goldstickereien, die kostbaren Seidenkleider, die feurigen Augen der jungen Mädchen und Frauen bildeten ein so glänzendes Schaustück, daß Rakosi damit im Volkstheater gewiß Furore machen würde. . . ." Rußland. 8. Warschau, 27. September. (Or.-Corr.) Gestern Abend 7 Uhr fand unter großer Betheiligung der isr. Bevölkerung die Einweihung der neuen Synagoge statt. Seine Excellenz der Generalgouverneur Kotzev ue, der mit noch vielen andern Würdenträgern der Stadt erschienen war, öffnete das Hauptportal, worauf Cantor und Chor das mah towu. anstimmten. Nach Anzünden der „ewigen Lampe" folgten die üblichen Umzüge mit den Gesetzrollen. Die Weihrede (in polnischer Sprache) hielt der Prediger Dr. Cylkow. Der Herr Generalgouverneur blieb bis zur Beendigung der ganzen Feierlichkeit im Tempel. Bemerkenswerth ist, daß, obwohl die hiesige jüd. Bevölkerung meist aus Orthodoxen und Chaffidim besteht, dennoch sämmtliche Plätze in dieser „neuen" Synagoge — sie hat 1110 Männer- und mehr noch Frauensitze — bereits vergriffen sind. Am meisten verdient um das Zustandekommen der Synagoge haben sich die Herren Heinrich und Jacob Nathansohn gemacht; Letzterer ist Arzt und Vorsitzender des Vorstandes.*) — Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch noch von zwei andern hiesigen jüd. Anstalten schreiben, deren Einweihung im Laufe des Sommers stattftndet: 1) das neue Leichenhaus auf dem jüd. Friedhof. Daffelbe hat auch eine Synagoge, sowie eine besondere Halle für Leichen, die bis zum dritten Tage aufgebahrt liegen sollen; auch ist durch besondere Zimmer für den Aufenthalt der Leidtragenden und für das Lelchengefolge gesorgt. Das Gebäude, in welchem — besonders auch bezüglich der Leichenwaschungsstuben — sämmtliche sanitärische Vorsichtsmaßregeln beobachtet lind, kostete über 30,000 Silberrubel, die durch reich; Gaben der Gemeindemitglieder rasch aufgebracht wurden. Nach statistischer Feststellung kommen hier jährlich ca. 3000 jüd. Leichen zur Beerdigung. 2) Das Hospital für kranke jüd. Kinder. Dieses Institut, welches hier für arme jüd. Eltern eine wahre Wohlthat ist, ist durch die Munifizenz einer Familie errichtet worden. Es ist die edle Familie Versöhn, welche auf ihre eigenen Kosten — sie übersteigen 100,000 S.-R. — dieses Kinderhospitalnicht nur bauen ließ, sondern auch mit einem Fonds zur beständigen Existenz versah. Die Initiative hierzu hatte bereits der Bankier und Philanthrop Meier Versöhn und dessen Schwiegersohn Salomon Baumann — Beide bereits in der Seligkeit — ergriffen, indem Elfterer 50,000 R., Letzterer 30,000 R. zu diesem Zwecke testirten. Nunmehr haben die edelmüthigen Söhne, die Herren Mathias und Jean Versöhn in Gemeinschaft mit ihrer verwittweten Schwester, Madame P e t r o n e l l a Baumann, die nöthigen Fonds zur Ausführung des Ganzen zur Verfügung gestellt. Daß der Bau allen Anforderungen, die an eine solche Anstalt zu stellen, auf's Beste entspricht, ist selbstverständlich; 30 kranke Kinder können darin Aufnahme finden. Außer der genannten Familie bewiesen auch noch die Herren Bankiers Wawelberg und Goldstamm, sowie Frau Felicia Wawelberg für diese Anstalt ihre wohlwollende Theilnahme. Während es so — wie sie sehen — hier viele reiche jüd. Familien giebt, die den Reichthuni, womit Gott sie gesegnet, zu echtjüdischen und Humanitären Zwecken verwenden, giebt es leider hier auch Söhne von ehemals frommen und wohlthäugen Vätern, — deren Munifizenz die Gemeinde das Armenhaus, Waisenasyl, Friedhof, allgem. jüd. Hospital, die frühere Synagoge u. a. verdankt, — die dem Glauben ihrer Väter untreu geworden, und das ererbte Geld in judenfein^licher Weise gebrauchen. Ein solcher Apostat (Adolf I . . . .) ist der erfrigste Proselytenmacher in Polen geworden, und er wendet viel Geld darauf an, Missions - schriften drucken zu lassen, um jüdische Kinder zu taufen. Ja noch mehr. Dieses abtrünnige Individuum, das keine Idee vom Talmud hat, gab vor einigen Jahren eine Broschüre in polnischer Sprache: »Nc^zesz i Zydzi“ (Moses und die Juden) als Pamphlet gegen den Talmud heraus, natürlich Eisenmenger'sche und Pfefferkorn'sche Citate. *) Leuchter und Vorhänge spendeten die Herren Lewinberg, Gold« stand, Reichmann, Lesser u. A.

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