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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-23 · N° 43. (23.10.1878) · p. Seite 341

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 43. (23.10.1878)
Date
1878-10-23
Page
Seite 341 (sequence 7)
Language
German
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— 341 genommenen Constituirung des hiesigen Gemeinderathes wurde der Landesadvocat vr. Max Trachtenberg einstimmig zum Bürgermeister der Stadt gewählt. (Lemb. Jsr.) Aus Cherson wird geschrieben: „In den letzten Jahren -reisten viele junge Mädchen aus Cherson nach St. Petersburg ab, um dort in die Medico-chirurgische Akademie einzutreten. Etwa 60 Procent von diesen jungen wißbegierigen Damen sind jüdischer Religion. Da die Studentinnen in keinem guten Rufe stehen, so sehen es viele Eltern nicht gern, daß ihre Töchter fortziehen und suchen dieselben durch Zureden und zuweilen auch auf eine energischere Weise von ihrem Vorhaben abzuhalten. Zuweilen gelingt das auch, aber häufig greifen die wissensdurstigen Töchter, um ihren Wunsch durchzusetzen, zu Mitteln, gegen welche die Eltern machtlos sind. Ein solcher Fall wird dem „Nowosti" gemeldet: Die Tochter eines Juden aus Jelisawetgrad, welche sich zum Besuch bei ihren Verwandten in Cherson befand, hegte seit längerer Zeit den brennenden Wunsch, nach St. Petersburg zu gehen, um zu studiren, stieß aber auf einen unüberwindlichen Widerstand seitens ihrer Eltern. Die junge Dame fragte in ihrer Bedrängniß einen Primaner um Rath, wie sie wohl die Erfüllung ihres Wunsches erreichen könnte, und dieser machte ihr den Vorschlag, mit ihm eine Ehe einzugehen, weil sie auf diese Weise als verheirathete Frau sich der Vormundschaft ihrer Eltern entziehen würde. Der Dame sagte dieser Plan zu. Die beiden jungen Leute reisten nach Odessa und ließen sich dort nach jüdischem Ritus trauen. Die Eltern waren nicht wenig erschrocken, als die Tochter ihnen mittheilte, sie fei verheirathet und werde die ihr dadurch verliehene Stellung benutzen, um mit Einwilligung ihres Gemahls nach St. Petersburg auf die Universität zu gehen." Feuilleton. B. Aus der Pariser Weltausstellung. Jüdische Sehenswürdigkeiten. (Fortsetzung.) Die Species der Chanukaleuchter der Ausstellung sind im Verhältniß zu den übrigenGegenständen derselben am zahlreichsten vertreten. DieFormen derselben sind typisch, und nur das künstlerische Beiwerk giebt jedem Exemplar sein besonderes Anrecht auf nähere Betrachtung. Bekanntlich kann zur pflichtmäßigen Beleuchtung am Chanuka entweder Wachslicht oder Oel verwendet werden, und je nach der Art des Lichts unterscheidet man auch zwei Haupttypen, der Träger desselben, Leuchter und Lampen. Da jedoch mit Vorliebe, wie im Tempel, Oel gebraucht wurde, so waren auch die ersteren dazu eingerichtet. Sie sind mehr oder minder Abarten des biblischen heiligen Leuchters, die Form der letzteren hat, da ihr die biblische Tradition keinen Anhalt bot, der künstlerischen Phantasie einen freieren Spielraum geboten. Eine Form derselben, deren ich mich aus meiner Kindheit erinnere und für die ich in der Ausstellung kein Analogon gefunden, will ich hier erwähnen, um vielleicht dem Eifer des Herrn Strauß *) eine neue Fährte zu zeigen. Es waren dies acht kleine, zinnerne Stühlchen, deren Sitz in einer Vertiefung das Oel und in einer schräg aufwärts ragenden, länglichen Mulde die mit Oel getränkte Watte als Docht enthielt. Die acht Flämmchen auf den acht Stühlchen, und vor ihnen eine neunte auf einem größeren Stuhle, (? — des letzteren erinnere ich mich nicht mehr genau — ), versetzten mich in eine Welt von Märchen und Wunder, und selten verließ ich das Fenster, auf dessen *) Dre Frage der gesch. Redaction nach dem Wege, auf welchem die rn einer der früheren Nummern besprochene in die Sammlung des Herrn Strauß gelangt sei, wird dieser wohl selbst beantworten. Der Spender kann, da die Spende aus dem Jahre 1713 stammt, füglich mcht gut vor Kurzem gestorben sein. (Uns ist aber auch dieZahl 1713 sehr verdächtig, denn damals existirte hier noch gar keine Gemeinde, diese datirt ihr Entstehen erst aus den ersten Jahren dieses Jahrhunderts. Wir sind auf die Erklärung des Herrn Strauß sehr begierig. — Red.) P ' Brett die brennenden Prinzchen und Prinzessinnen mir von den Wundern einer andern Welt flüsternd und knisternd erzählten, ehe das letzte mit glühenden Augen wehmüthigen Abschied genommen. — Diese Stühlchen habe ich in der Ausstellung vergebens gesucht. Die Form der dort vorhandenen Lampen deutet das reellere Bestreben an, den Lichterglanz möglichst zu verstärken. Zu diesem Zwecke wird man wohl zunächst die Lämpchen an den untern Rand einer glänzenden Metallscheibe — einer Art Spiegel — angebracht haben. Aber die Neigung zu allerhand Zierrat machte dies Mittel illusorisch und lenkte gleich auf andere Bahnen. Die große glänzende Platte bot Spielraum für die, wie wir aus den anderen Gegenständen zu erkennen Gelegenheit hatten, so beliebte durchbrochene Arbeit, und nun machte man diese Platte nicht mehr um ihrer selbst willen, sondern der Verzierung wegen. Eine bronzene, dreieckige Platte mit einer Rosette aus durchbrochener Arbeit, welche die ganze obere Hälfte einnimmt und eine aus länglichen, rundbogigen Fenstern gebildete Galerie krönt, unter welcher sich die acht Schnäbelchen der Chanukalampen an einander reihen, bestätigt die eben gemachte Bemerkung. Sie erinnert an den Giebel einer romanischen Kirche, ist in Lyon bei Nachforschungen im alten Judenquartier gefunden worden und soll aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammen. Diese Lampe ist die einfachste; noch sind zu ihrem Schmuck nur mathematische Figuren verwendet. Andere bieten durch ihre Platten dem lebenden Wesen darstellenden Künstler ein geeignetes Feld. Jener, an die Kunst der italienischen Renaissance erinnernden Lampe, welche Delphine, eine Meduse, Centauren und Nymphen um die Wette in Bas-Relief aufweist — Bas-Relief hält man rituell für erlaubt — habe ich schon im Eingang erwähnt. Ihr Vater ist gewiß ein christlicher Meister. Auch andere Werke ähnlicher Art, wenn auch nicht von gleicher Verquickung mythologischer Gegenstände, weisen auf die italienische Renalssance hin. Aus dem jüdischen Kreise verwendet man die Gestalten Moses und Ahrons, jener hält die Gesetzestafeln, dieser trägt die Tracht des Hohenpriesters. Der noch öfter als sonst vorkommende Löwe soll wohl an Juda den Maccabäer erinnern. Eine Scene aus dem Kampf der Maccabäer selbst ist auf einem Exemplar dargestellt, das der sehenswertheste der Chanukaleuchter ist. Vier aufrechtstehende Löwen tragen die zweistöckige Basis, welche aus zwei mit gebrochener Arbeit kunstvoll geschmückten Platten von verschiedener Größe besteht. Aus der oberen, fieineu steigt der Schaft auf, der in mäßiger Höhe aus vier in gleichen Entfernungen über einander stehenden runden Knoten je zwei Arme, die mit einander einen Halbkreis bilden, entsendet, dergestalt, daß die acht Arme des Leuchters vier concentrische Halbkreise darstellen, über deren gemeinsamen Durchmesier in gleicher Höhe sich die acht Lämpchen in Form muschelartiger Becken als Ausläufer der Arme des Leuchters an einander reihen. Diese selbst sind durch regelmäßig mit einander abwechselnde glockenförmige Kelche und Kugeln von durchbrochener Arbeit verziert. Die Becken sind durch symbolische Gestalten geschmückt, welche auf beiden Seiten des Schaftes in symmetrischer Ordnung wiederkehren^ i Zu beiden Seiten des verlängerten Schaftes auf gleicher Höhe mit dem Becken und dieselben überragend erblickt man zwei speerbewaffnele Kriegergestalten, welche mit je einer Hand das am Schaft befestigte Gefäß für den hoch zu halten scheinen. Die Fortsetzung des Schaftes mündet in eine Krone, über welcher stolz sich die Figur des Maccabäers Juda erhebt, in der Linken den vom Rumpf getrennten Kopf des Lysias haltend und mit der Rechten das Schwert über seinem Haupte schwingend. Im Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden, zeigt die Arbeit nicht nur an sich einen gebildeten Geschmack, sondern auch in der Wahl der Motive zur Ausschmückung Vertrautheit mit dem zu feiernden geschichtlichen Ereignisse und man geht wohl nicht fehl, wenn man. in dem Meister oder wenigstens dem intellectuellen Urheber des Werkes einen Juden vermuthet. (Forts, folgt.)

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