Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 43. (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- Seite 338 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 338 — i y. ' ' M- I Diese Tradition aber ist in diesem Jahre, besonders von einem der hiesigen Schuldespoten, durch ein eigenthümliches Mittel durchbrochen worden. Er ließ die jüdischen Schüler bedeuten, daß ihm ein Fehlen derselben während der Verkündigung der Versetzung nicht angenehm wäre; wollte trotzdem Jemand fehlen, so stände ihm das frei, aber — er müsse sich das Zeugniß von dem gestrengen Herrn Director selber holend) Ich weiß nicht, soll ich die Engherzigkeit des Mannes oder die Naffinirtheit seines Mittels bewundern? Das Letztere schlug ausgezeichnet an, nur ein kleiner Procentsatz der jüdischen Jungen wagte es, dem Gewaltigen persönlich unter die Augen zu treten, und dieser kann nun thatsächlich aus der beträchtlichen Anzahl der an diesem Tage in der Schule erschienenen Schüler ein Argument für die Berechtigung seiner Forderung cherleiten. Zu seiner Entschuldigung will ich anführen, daß er durch Primaner in Erfahrung gebracht haben will, der Gottesdienst beginne erst um 9 Uhr, und um 9 Uhr sollte eben die Schule geschlossen werden. Aber an derselben Anstalt wirkt ein jüd. Religionslehrer,**) an den sich in einer so wichtigen Frage zu wenden doch wohl einigermaßen Pflicht gewesen wäre. Außerdem war Tags zuvor in den Zeitungen der Beginn des Gottesdienstes angezeigl. Trägt aber der gute Mann allein die Schuld? Zu einem rücksichtsvollen, humanen Wesen kann man bekanntlich Niemand zwingen, und es wäre rücksichtsvoll und human von ihm gewesen, hätte er anders gehandelt und seinen jüdischen Schülern die Andacht an ihrem wichtigsten Feiertage nicht verkümmert. Verpflichtet zu einem anderen Verfahren ist er nicht, und das ist es, was wir ernstlich beklagen und wofür wir die jüdischen Gemeindevorstände — und auch zum Theil die Geistlichen — verantwortlich machen dürfen. In den Reichslanden sind in Folge der Bemühungen von jüdischer Seite von der Behörde aus Verfügungen ergangen, durch welche nicht nur die Feier sämmtlicher Feiertage den jüdischen Schülern ermöglicht, sondern auch die Anordnung getroffen ist, daß bei Festsetzung des Stundenplans die religiösen Eigenthümlichkeiten der Juden thunlich zw berücksichtigen sind, Letzteres, wäre vielleicht ein zu weitgehendes Verlangen, aber ist es nicht wenigstens angesichts solcher Rücksichtslosigkeit, wie wir sie hier bei Gelegenheit des letzten Festes erlebt haben, Pflicht derjenigen, welche jüdisch-religiöse Jntereressen zu verwalten haben, den jüdischen Kindern für wenige Tage im Jahre die Möglichkeit des Synagogenbesuchs zu wahren? Frankfurt a. M., 16. October. (Or.-Corr.) Wir erfahren aus guter Quelle, daß mehrere der aus hiesiger israelitischen Gemeinde Ausgetretenen (sogenannten 8Ir) sich um Wiederaufnahme an den Gemeindevorstand gewandt haben. Da sie wissen, daß wieder für alle rel. Anstalten bestens Vorkehrungen getroffen sind, und ein der älteren Richtung zugethaner Rabbiner zu dem in der Hauptgemeinde bisher fungirenden Herrn Dr. Brüll hierher berufen worden ist, so sind auch ihre religiösen Bedenken hinfällig geworden. Große Bekümmerniß herrscht darob im Hirsch'schen Lager. — Nach mehrmonatlichem Leiden entschlief am Vorabends des Rosch-haschanah-Festes im kaum vollendeten 33. Lebensjahre Frau Selma Baerwald, die Gattin des Directors der hiesigen israelitischen Realschule. Ausgestattet mit allen Vorzügen des Geistes und des Herzens, waltete die Entschlafene im Kreise ihrer Familie, umgeben von ihren sechs blühenden Kinderchen, wie ein beglückender Engel. Dabei war sie die Zierde der Gesellschaft und zugleich der Trost der Armen. Sie suchte die Armnth auf und sammelte die Gaben für die Bedürftigen; sie gab mit aller Liebe und Huld, die ihr zu eigen war. Aber die Krone ihrer Tugenden blieb die Beschei- *) Hier in Magdeburg haben die jüd. Schüler, deren Eltern es wünschten, ihre Sensuren schon Tags zuvor nach Schulschluß durch den Ordinarius erhalten. Red. **) Vielleicht hätte der jüd. Religionslehrer unaufgefordert die nöthige Rücksprache mit dem Herrn Director rechtzeitig nehmen sollen; wir haben hier diesen Weg mit Erfolg eingeschlagen. Red. denheit, und darum erschien sie so lieb wie so gut, sie gut wie sie bescheiden war. Ihre zahlreichen Freunde und Freundinnen werden dieser trefflichen Frau stets ein liebevolles Andenken bewahren. Cölu, 14. Oct. Während der 32 Jahre, in welchem ich für das „Franks. Journ." correspondire, sahen wir in unserer Stadt noch keinen so langen Leichen Conduct, wie heute, als der Geh. Commercienrath und Banquier Frhr. Abraham v. Oppenheim auf dem israelischen Friedhofe zu Deutz begraben wurde; noch nie ist am Rhein ein Jsraelite beerdigt worden, dessen Sarg so viele Christen folgten, wie heute; ferner noch nie einer, dem die hohe Finanzwelt aus so großer Ferne die letzte Ehre erzeigte. Fould kam von Paris, Rothschild von Frankfurt; auch London, Wien, München und andere Städte sandten ihr Contigent. Die Kaiserin Augusta hatte einen Kranz geschickt, der auf das Grab niedergelegt wurde. Herzerhebend sprach der Rabbiner Dr. Frank, im Sterbehause und am Grabe. Der Zug wurde eröffnet durch eine unübersehbare Reihe von uniformirten Beamten der Rheinischen Bahn, deren Director der Heimgegangene fast 40 Jahre war. Dann kam der Leichenwagen ohne jeden Schmuck, der Rabbiner, die Familie des Dahingeschiedenen von Nah und Fern, die Directions'Mitglieder der verschiedenen Bahnen und Actien-Gesellschaften, der Stadt-Commandant, der Polizei- Präsident, der Ober-Bürgermeister, drei Beigeordnete, die Stadträthe, der Central-Dombau-Vorstand nebst dem Weihbischof vr. Baudri, Geistliche der anderen Confessionen, darunter auch der Pastor der Altkatholiken; die Spitzen aller Behörden und Bürger aus jedem Stande. Noch nie ist indeß auch ein Jsraelite gestorben, der so viel für die Christen gethan, wie Abr. vr-Oppenheim; denn außer seinen vielen anderen Stiftungen ließ er der Armen-Deputation ohne die bereits vertheilten 25,000 M. noch 150,000. M. übersenden. Wer könnte einen Christen nennen, der auch nur annähernd so freigebig gegen die Juden gewesen! (Franks. Journ.) Hanau, 10. Oct. (Or.-Corr.) Am 4., 5. und 6. Oct. war in dem hiesigen Altstädter Schloß eine landwirthschaftliche Ausstellung. An dieser Ausstellung hatten sich auch Juden betheiligt. Ein ehrsamer hiesiger Bürger durchwandelte die schönen Ausstellungsräume und ließ in spöttischer Weise ziemlich laut und deutlich die Aeußerung vernehmen: „Auch ein Jude hat ausgestellt." Ein „Eingesandt" der hiesigen Zeitung belehrt jenen geistvollen Kritiker zn „seinem gewiß lebhaften Bedauern, daß noch ein Jude ausgestellt hatte, der sogar auf Obst einen der ersten Preise erhielt, trotzdem wir im 19. Jahrhundert leben." Wir glaubten auch solchen wenig bedeutungsvollen mißliebigen Aeußerungen öffentlich entgegentreten zu müssen, wir müssen jene unsauberen Geister zu bannen suchen und der Verachtung preisgeben. Die Beendigung dieses unseres „Kulturkampfes" wird noch Zeit genug erfordern. Von der Antwort Mendelssohns an jenen Thorschreiber, der denselben fragte, womit er handele? — „Ich handle mit Vernunft!" — bis zu der liebevoll-christlichen Expectoration des Pastors, daß Lasker nicht Gesetze machen, sondern Ziegenfelle kaufen solle, ist ein volles Jahrhundert verflossen; daher kann unsere Thätigkeit in dieser Richtung noch nicht aufhören, unsere Opposition muß trotz der uns angedichteten Empfindlichkeit fortdauern, wir müssen immer noch kampfgerüstet ausharren, bis wir mit Ruhe die Feder niederlegen können. — Die am eben ververflossenen Versöhnungstag gesprochenen Worte in dem Mussaph-Gebete „bniD "prp*n u. s. w." Ich sehe dich dulden, schmerzendes Leid ertragen, ich höre dich klagen, doch wird einst Rettung und Befreiung kommen," finden immer noch ihre gewisse Berechtigung. Oesterreich. Pest. Dem „Pesti Naplo" schreibt man aus Serajewo: Die hiesige Cultusgemeinde wendete sich durch eine Deputation an den FZM. Philippovich mit der Bitte, daß er den jüdischen Soldaten gestatte, die Feiertage im Krerse der Ge- 4;