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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-23 · N° 43. (23.10.1878) · p. Seite 337

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 43. (23.10.1878)
Date
1878-10-23
Page
Seite 337 (sequence 3)
Language
German
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Opfer nicht erst bekränzen sollte, ehe er'S zur Schlachtbank führt. Niedergesäbelt, doch nein, das wäre zu ehrenvoll, verbrannt wird der Jude aber auch von ihm, wenn er auch mehr Umstände mit ihm macht. Daß er aber, wenn einmal unbewußt seine innerste Natur zum Durchbruch kommt, wie in der Denkungs-, so auch in der Ausdrucks- resp. Kampfesweise — insoweit wenigstens guter Wille dabei in Frage kommt — den Herren Paul Majunke, Rohling, Constantin Frantz rc. 2c. durchaus nicht nachsteht, dafür hier nur zwei Pröbchen. So apostrophirt er den Hinweis Schleidens gegen die bekannte Beschuldigung des Wuchers bei den Juden, daß sie erst, als ihnen kein anderer Ausweg mehr gelassen, „um sich vor Hunger zu schützen," „zu den berüchtigten Geldgeschäften gegriffen hätten" (vermuthlich, weil Herr R. die beschämende Wahrheit dieser traurigen Thatsache nicht ableugnen kann), mit der hämischen Bemerkung, „die ihnen ja immer recht leidlich bekommen sind." Wir fragen jeden nur halbwegs billig denkenden Menschen, ob das die Sprache eines wohlanständigen deutschen Gelehrten ist? ob sie eines sich als liberal gerirenden Herausgebers einer Zeitschrift für das deutsche Volk würdig und ob ein Mann solcher Gesinnung zur Beurtheilung der qu. Schleiden'schen Schrift berufen und befähigt ist? Ebenso bezeichnend ist die andere Stelle. Er tadelt die Art und Weise, wie Schleiden den Uebertritt vom Judenthum zum Christenthum und umgekehrt auffaßt und behandelt und fährt dann fort: „Lebten wir nun ein paar Jahrhunderte früher, so würde Herrn Schleiden die „peinliche Frage" kaum erspart werden, man würde ihn mit Papiermütze auf dem Kopf, umgekehrt, auf einen Esel setzen und dann schlankweg verbrennen." Daß er zur Ueberzuckerung, und um seine liberal schillernde Farbe zu wahren, den Nachsatz anhängt, „worüber wir und unsere Nachkommen allerdings uns arg zu schämen hätten", ist nach dem Vorhergehenden so selbstverständlich als werthlos. In seiner Wirkung kommt, um nichts Härteres zu sagen, solch Raisonnement einer Denunciation auf ein Haar gleich. Und da fragt Herr Dr. R. „wozu der Lärm?" Ist nicht, wenn wir von der Art und Weise absehen bei ihm wie bei der Partei der „Schl. Volksztg." das estoruai censco dasselbe: „Der Jude wird verbrannt?" Und welche Todesart uns da die liebste ist? Wir könnten an die Anekdote Mehemed Ali's erinnern, der unlängst, als man ihn gefragt, warum er gegen manchen sein Adoptivvaterland arg schädigenden Beschluß auf der Berliner Friedensconferenz nicht heftiger prolestirt habe, geantwortet haben soll: Es sei ihm dort mit dem Fürsten Bismarck ergangen, wie jenem Hahn, den der Koch vor die Alternative gestellt, ob er lieber gebraten oder gesotten werden wolle, gegen dessen Einwendung, daß er sich gegen Beides verwahre, der Koch sich völlig taub gestellt und immer seine erste Frage wiederholt habe. Auch wir könnten in dem vorliegenden Falle Herrn Dr. Reichard sagen: So oder so, Herr Dr., es läuft auf Eins hinaus. Doch will uns — genauer betrachtet — die Sache nicht ganz so erscheinen. Bei Paul Majunke und seinen Spießgenossen, da weiß man sofort, woran man ist, sie kämpfen mit offenem Visir von ihrer finsteren Klosterruine aus, während Herr Dr. Reichard sich in freundschaftliche Gewandung hüllt, sich mit dem Schein der Humanität und Toleranz umgiebt und darum sagen wir, wenn wir wählen müssen, wenn gesotten oder gebraten die einzige Alternative ist, so erscheinen uns . die Feinde stets die gefährlichsten, die uns recht freundlich hassen." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. , 6— Berlin, 16. Dct. (Or.-Corr.) Daß keine Räumlichkeit zu gut und zu schlecht war, um während der hohen Festtage zu Andachtsstälten umgewandelt zu werden, hat bei der so überaus angewachsenen Zahl der hiesigen jüdischen Bevölkerung nichts Ueberraschenbes, und wäre höchstens zu wünschen, daß die einzelnen Unternehmer ihre Veranstaltung unter Aufsicht bestehender Gemeinden stellten, um einerseits hinsichtlich der Locale und fungirenden Kräfte in Betreff der Würdigkeit eine bessere Wahl zu treffen und andererseits an Stelle ausschließlich selbstsüchtiger Spekulation den Gesammtzwecken förderlich und dienlich zu sein. Wie in diesem Punkte vieles verbesserungsbedürftig ist, so in dem der Gemeinde-Organisation. Warum sollte nicht die Hauptgemeinde das Centrum bieten, in welches die verschiedenen Zweige alle einmünden? Warum denn recht-und zusammenhanglose Gruppen, oder losgelöste Organisationen? Könnten denn die durch jahrelange Existenz und eigenartige religiöse Ausprägung berechtigten Gemeinschaften bei aller Selbstständigkeit ihrer inneren Entwickelung und Gestaltung nicht durch Pflicht und Recht einen konsolidirten Zusammenhang mit der Gesammtheit der Gemeinde bilden? Warum sollte denn die große deutsche Reichsorganisation mit ihrer auf dem Bunde noch ferner selbständiger Staaten beruhenden Einrichtung nicht der Gesammtgemeinde in ihrer auf selbstständigen Synagogen-Gemeinden begründeten Vereinigung ein mustergiltiges Vorbild bieten können? Es wäre dann Einheit und Freiheit, Gleichberechtigung aller Culte und Riten in der Gemeinde, der Fortschritt würde nicht in Schein-Concessionen sich zu verstüchtigen, der Conservatismus nicht todtgedrückt oder todtgeschwiegen zu werden brauchen. Eine wechselseitige Fluctuation der Prinzipien würde der traditionellen Richtung Schwung, der freiheitlichen Mäßigung zuführen. Es wäre dann Friede, Eintracht und Liebe in der Gemeinde und diese letztere die würdige Trägerin der Religion, deren Hellpunkt Humanität ist und der Humanität, deren Licht- und Brennpunkt — Religion ist. In der neuen Synagoge wetteifern die DDr. Ungerleider und Frankl um die Palme religiöser Beredsamkeit. Dr. Aub ist unstreitig zum Repräsentanten des geistlichen Amtes weit geeigneter, als für die Kanzel. Sein Charakter und seine Wissenschaftlichkeit werden weit mehr gelobt, als seine Eloquenz; obschon ich in dieser letzteren Richtung durchaus nicht so absprechend urtheilen möchte, wie dies diejenigen thun, welche nicht erwägen, wie viel leichter zu tadeln, als zu leisten ist und einem Manne gegenüber von der Vergangenheit und Stellung auch den Gegnern etwas Wohlanständigkeit (Derech Erez) in der Beurtheilung zu empfehlen wäre. — Die Achtung vor der religiösen Wissenschaft war von jeher im Judenthum solidarisch. Wenn jene schwindet, zeigt dies von tiefem sittlichen Verfall. Möge die heilige Zeit in dieser Richtung die Besserung der Einzelnen und Gesammtheit herbeiführen. Breslau, im October. (Or.-Corr.) Die verstoffenen hohen Feiertage haben wieder einmal recht lebhaft die Zerfahrenheit und Unsicherheit der hiesigen jüdischen Verhältnisse illustrirt. Am ersten Tag des Neujahrsfestes fand in den meisten hiesigen Schulen der Schluß des Semesters und die Verkündigung der Versetzungen statt. Die hiesigen Schulen weisen meist eine beträchtliche Zahl — manche Klassen beinahe c. 40—50 ®/0 — jüdischer Schüler auf. Was lag näher, als, da am letzten Schultage von einem besonderen Erfolge des Unterrichts wohl kaum die Rede sein dürfte, in Anbetracht der bevorstehenden Verhinderung eines so großen Theils der Schüler die Schule um einen Tag früher zu schließen, oder, wollte man den Juden trotz ihrer Zahl diese Concession nicht machen, ihnen wenigstens den Synagogenbesuch an diesem für sie hochheiligen Feste nicht zu erschweren? Im Interesse der Pädagogen sollte es, meine ich, liegen, daß der Jugend der kirchliche Sinn nicht ganz abhanden komme, und sie sollten, wenn sie anders verständig sind, es bedauerlich finden, daß ihre jüdischen Schüler durch die Ungunst der Verhältniffe so selten in der Lage sind, der Andacht im Gottes- Hause beizuwohnen. Daß ihnen dies wenigstens an den drei hohen Festtagen ermöglicht wurde, das war bisher Tradition.

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