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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-16 · N° 42. (16.10.1878) · p. Seite 330

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 42. (16.10.1878)
Date
1878-10-16
Page
Seite 330 (sequence 4)
Language
German
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— 330 — r 1 v i! ' i I'! 14 i:V* (! Alter von 108 Jahren starb. So viel wir wissen, war Herr Nehemias Guttinann vor Jahren in Berun. In Gleiwitz wirkte er zur Zufriedenheit der ihn hoch schätzenden Gemeinde in der Eigenschaft des ersten Schächters und Hilfsvorbeters gegen 20 Jahre. Eine gewisse Tragik liegt in seinem plötzlichen Hinscheiden, wenn man erfährt, daß ihn nur etwa 14 Tage vom Feste seines 5Ojährigen Ehejubiläums und seines 70. Geburtstages trennten n"D2£ 3"n. Die Gemeinde Gleiwitz denkt nun ernstlich daran, die Stelle eines Schächters wieder zu besetzen. Als Signatur der Zeit mag hervorgehoben werden, daß bereits vor einigen Wochen gegen 90 Meldungen (sogar aus Dänemark und dem Elsaß) eingelaufen waren. Die jüdischen Gemeindevertreter in Gleiwitz werden jetzt sicherlich ein Verständniß bekommen für den Say: „Wer die Wahl hat, hat die Qual." — Langendorf, welche? in früheren Zeiten eine ansehnliche jüdische Gemeinde aufzuweisen hatte, geht daran, eine neue Synagoge zu bauen. Es haben reichlich zu diesem edlen Zwecke gespendet Viele, die, in Langendorf geboren, nunmehr auswärts leben. — Auch die Gemeinde Bunzlau in Schlesien hat kurz vordem Neujahrsfeste ihre neuerbaute schöne Synagoge eingeweiht. Herr Cantor Tintner executirte die üblichen liturgischen Festgesänge. Herr Rabbiner Dr. Freund aus Görlitz war zur Abhaltung der Festpredigt nach Bunzlau berufen. — Ein peinliches Aufsehen erregt in den jüdischen Kreisen Oberschlesiens der Dispens vom Fasten am Versöhnungstage, welchen der Rabbiner Dr. Wiener zu Oppeln öffentlich in seiner Predigt promulgirt haben soll. Wie Oppelner Gemeindemitgliedsr colportiren, soll er das Werlhlose des Fastens am Versöhnungstage sehr prononcirt angekündigt und namentlich Greise, Frauen und erwachsene Kinder von dieser Peinigung befreit haben. Es läßt sich aber annehmen, daß auch viele starke Jünglinge und kräftige Männer diesem Erlösungsrufe Folge geleistet haben dürften. — Daß die jüdischen Stadtverordneten zu Leobschütz die Verlegung des auf den 1. Neujahrstag fallenden Wochenmarktes in diesem Jahre durchzusetzen gewußt haben, ist in diesem Blatte bereits berichtet. Für die Le obs chütz er fiel also in diesem Jahre — wie der jüdische Vokswitz sagt — am 1. Neujahrstage der Sabbath wirklich — auf Sabbath. Hannover, 11. October. (Or-Corr.) Die in Nr. 41 der Wochenschrift bereits erwähnte Ernennung des Herrn Medicinalraths Dr. Cohen Hierselbst zum Geheimen Sanitätsrath ist demselben bei der Feier seines 50jährigen Doctorjubiläums zu Theil geworden, bei welcher Gelegenheit die Universität Göttingen das ihm vor 50 Jahren ertheilte Doctordiplom erneute und der hiesige ärztliche Verein, welcher dem Jubilar zu Ehren auch ein Festesten veranstaltete, demselben eine auch in künstlerischer Hinsicht werthvolle Adresse überreichte. Daß die große Anzahl der von dem Herrn Medicinalrathe während eines halben Jahrhunderts behandelten Patienten im Vereine mit anderen Verehrern es sich nicht nehmen ließ, dem hochgeachteten Arzte in passenden Angebinden den Tribut ihrer Dankbarkeit und Hochschätzung darzubringen, versteht sich von selbst und waren in der That die Wohnräume des Jubilars von Geschenken fast überfüllt. Seit einigen Jahren als erster Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde fungirend, wurde derselbe an seinem Ehrentage auch von seinen Collegen im Vorstande, einer Deputation des Repräsentanten-Collegiums und dem Landrabbiner begrüßt, wobei ihm in feierlicher Ansprache eine seine Verdienste um das Gemeindewohl würdigende Adresse überreicht wurde, die derselbe tief ergriffen und verbindlichst dankend entgegen nahm. Paderborn. Der 19. Jahresbericht über die isr. Waisen-Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen aus Rheinland und Westfalen ist der erste, der nach dem Tode der unergeßlichen Stifterin der Anstalt, Frl. Nathan, erscheint. Es "st ihm daher ein Lebensbild der Verewigten, aus der Feder hrer Nichte und Nachfolgerin, Frau Johanna Marcs-Nathan, voraufgeschickt. Die seltenen Verdienste der Verstorbenen rechtfertigen es, wenn wir diesen Theil des Berichts in nächster Nr. weiteren Kreisen zugänglich machen. Dem Berichte selbst entnehmen wir für heute nur Folgendes: „Das Waisenhaus, das am 1. März 1856 mit 2 Waisenknaben eröffnet wurde, zählte im abgelaufenen Jahre 41 Zöglings und zwar: 26 Knaben und 15 Mädchen, die alle mit elterlicher Liebe gepflegt und zu gottesfürchtigen, tüchtigen Menschen erzogen wurden. Seit dem zweiundzwanzigjährigen Bestehen der Anstalt haben hundert Waisen Pflege und Erziehung gefunden. Die Einnahmen betrugen im verflossenen Jahre 67,212 Mark, die Ausgaben 65,174 Mark. Aus dem Großherzogthnm Hessen, 4. October. Gleichzeitig mit dem Gesetze über die bürgerlichen Wirkungen des Austrittes aus einer Kirche, ist das Gesetz über den Austritt aus den israelitischen Religionsgemeinden erschienen. Hiernach kann jeder Israelit, ohne zugleich auS dem Judenthum auszutreten, aus der israelitischen R4igionsgemeinde ausscheiden, welcher er vermöge seines Wohnens in deren Bezirk angehört. Ein Israelit, der von dieser Befugniß Gebrauch macht, wird bei Verlegung seines Wohnsitzes tn einen anderen Bezirk hier nicht Mitglied der Religwnsgemeinde, wenn er dies nicht bei seinem Einzüge schriftlich erklärt. Alle Austrittserklärungen haben erst dann Wirkung, wenn sie, nach Notifikation an den Vorstand der Religionsgemeinde gerichtlich protokollirt worden. Hinsichtlich des Austrittes aus dem Judenthum gelten die Vorschrifren des Gesetzes über den Austritt aus einer Kirche oder Religionsgemeinschaft. Oesterreich-Ungarn. Pest, 7. October. Heute Morgen hat im isr. Tempe (Tabakgasse) ein aufregender Vorfall stattgefunden. Bei Beginn des Seelenheilgebetes, während besten diejenigen Andächtigen, deren Eltern noch am Leben sind, dem Brauche (?) gemäß das Gotteshaus verlassen, entstand dadurch, daß nur eine Seitenthür als Ein- und Ausgang diente, ein arges Gedränge, indem Viele hinauseilten, Andere wieder eintreten wollten. Bei diesem Gedränge sollen mehrere Personen derart gedrückt worden sein, daß Ohnmächten und verschiedene Verletzungen vorkamen. — „Magy Hir." berichtet über den traurigen Vorfall Folgendes: „Ein junger Mensch, dem im großen Gedränge sehr übel wurde, schrie in seiner Verzwetflung „Feuer!". Hierauf entstand ein solches Gedränge, daß das Geländer der zur Galerie führenden Stiege zertrümmert wurde und die flüchtenden Frauen niederfielen und übereinander stürzten; 40—50 Frauen lagen so zu Häuf und jammerten entsetzlich. Es währte lange, bis die hierüber entstandene Panik sich legte, auch die Polizei war erst spät in genügender Anzahl am Platze. Viele Frauen wurden in ohnmächtigem Zustande in die benachbarten Häuser getragen, wo ihnen ärztlicher Beistand geleistet wurde." Von anderer Seite wird uns über diesen Unglückfall Folgendes gemeldet: „Um halb 12 Uhr Vormittags wurde eine Dame auf der Frauengalerie ohnmächtig, worauf mehrere Frauen um Wasser riefen. Dieses Verlangen erweckte den Glauben, daß es brenne, und sofort entstanden die Rufe „Feuer!" Diese Rufe gaben das Signal zu einer entsetzlichen Verwirrung. Die Frauen sprangen hilferufend von ihren Sitzen auf und stürmten der Treppe zu, auf welcher sich eine Masse Menschen zusammendrängte. Bald wurden die Grenzen dieser Treppe zu eng und in Folge des ungeheuren Andranges der Hinabstürmenden brach plötzlich das Eisengeländer der Treppe und zwanzig Frauen stürzten von einer Höhe von circa 1—2 Klafter hinab. Ein entsetzlicher Aufschrei der Stürzenden und der in der Nähe der Katastrophe angesammelten Menge erscholl und Tausende drängten sich an die Stelle des Unglücksfalles. Nur mühsam konnten die jammernden hinabgestürzten Frauen auS dem Gedränge gebracht werden. Verletzungen erlitten 5 Frauen, einem Kurve wurde die Kinnlade zerschmettert. Die übrigen Frauen kamen mit

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