Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 42. (16.10.1878)
- Date
- 1878-10-16
- Page
- Seite 329 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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329 — getroffen, daß er mit theilweise zerschmettertem Kopfe und von Blut über strömt, in hoffnungslosem Zustande for tges chaf t werden mußte und nach wenigen Stunden verstorben ist. Einer Frau aus einer der angesehensten hiesigen Familien, wurde durch herabsallende Deckernheile das Rückgrad gebrochen, eine andere erhielt eine tiefe Wunde an der Stirn rc. Viele im Innern der Synagoge anwesende Personen sprangen zu den in Manneshöhe befindlichen Fensiern hinaus, wobei sich die Meisten durch Glassplitter, einige nicht unerheblich, an Gesicht und Händen verletzten. Herzzerreißende Scenen spielten sich ab, als die ächzenden, schwer Verletzten aus dem Tempel getragen und auf dem Vorplatze von den Ihrigen, die sie kurz vorher gesund verlaßen hatten, in so entsetzlichem Zustande in Empfang genommen wurden. Ob Jemandem und event. wem die Schuld an diesem Unglücksfalle zur Last zu legen sein wird, hat bis jetzt nicht constatirt werden können." Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß dieser Bericht an einigen unter solchen Umständen nur zu natürlichen Uebertreibungen leidet. Soviel steht fest, daß G. s. D. kein Menschenleben zu beklagen ist. Die Frauen mußten, um vom Chore ins Freie zu gelangen, vermittelst Leitern, die von außen angestellt waren, durch die Fenster steigen, da die Eingänge verschüttet waren. Die Decke bestand aus Querbalken, an denen Latten unterwärts genagelt waren. Diese waren mit Lehm beworfen und mit Kalk beputzt. Nun hatten sich die Riegel gelöst und die Latten sammt Verputz fielen herunter. Stettin, 30. September. Die Correspondenz „Aus der Provinz Cassel" in Nr. 39 erhebt scharfen Protest gegen die in einem Schulbuch enthaltene Behauptung, daß die Tugend der Demuth ganz und gar der Religion Christi angehöre und daß die Völker vor Christus nicht einmal einen Namen dafür gehabt hätten. — Allerdings muß es einem Juden, der nur einigermaßen in seiner Bibel bewandert ist und dem die zahlreichen Stellen einfallen, in denen Demuth (Anawah) und die Demüthigen (Anawim) hoch gepriesen werden, die Galle erregen, wenn er sieht, wie uns unser Eigenthum gestohlen und abgesprochen wird, wie in unserer heiligen Schrift Stellen gleichsam überklebt werden, um nachher behaupten zu können, sie ständen gar nicht darin. Man denkt dabei alsbald an die Urlüge der Art, welche in Matth. 5, 43 steht: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen" — einen Satz, den Jesus selbst unmöglich ausgesprochen haben kann, weit seine Zuhörer ihm zugerufen haben würden, das sei nicht wahr, die letzte Hälfte des Satzes steht nicht in der Schrift, das sei Erfindung! Da ist also etwas in unsere Bibel hinein gefälscht, um nachher behaupten zu können, erst Christus habe Feindesliebe gelehrt und vor Haß und Rache gewarnt; hier sind Stellen unterdrückt, um sie dem Chrrstenthum vindiciren zu können. Jndeffen handelt es sich dort um einen Satz, bei der „Demuth" aber um zahlreiche Stellen; die Behauptung ist also so ungeheuerlich, baß man wohl nach einer Erklärung dafür suchen mag, und diese ist nicht schwer zu finden. Sommer, der Berfaffer des fraglichen Schulbuches, ist unschuldig, er hat die Behauptung Anderer nachgeschrieben, und die eigentliche Schulv fällt auf die Luther',che Uebersetzung. Diese ist ja überhaupt, weil Luther so viel wie nichts vom Hebräischen verstanden hat, höchst unzuverlässig und voll von sinnentstellenden Fehlern. Sie ist Schuld an so manchem Mißverständniß, und der Eigensinn, mit dem man sie mit ihren veralteten, den heutigen Geschmack und das ästhetische Gefühl verletzenden Ausdrücken festhält, trägt viel zu der Verspottung bei. welche die Bibel trifft. Wenn da (bei Luther) 1. B. Mos. 4, II „die Erde ihr Maul aufthut", so schreiben selbst die gebildetsten Christen solch plumpen Ausdruck nicht der Uebersetzung zu, sondern der Bibel, und wie nun erst bei an sich verfänglichen Stellen — anthropomorphischen, anthropropathischen rc., in denen Luther, wie gefliffentlich, die sinnlichsten, körperlichsten Ausdrücke gebraucht, weil es ihm darum zu thun ist, schon im A. T. die Vo stkllung von Gott und Mensch untereinander fließe" zu lasten. Hat er doch auch das Kunststück zu Wege gebracht, in 1. Sam. 7, 19 „den Menschen, der Gott der Herr ist", leibhaftig hineinzustellen, während im Texte davon gar nichts zu finden ist. So steht es nun auch um die „Demuth" und die „Demüthigen". Luther hat in seiner Uebersetzung diese Worte nicht gebraucht; da ist denn Jemand gekommen, hat in Lankisch Concordanz oder einer ähnlichen schweinsledernen Scharteke nachgeschlagen und er stimmt sein Triumphlied an: Demuth kannten die Juden, die Völker vor Christus überhaupt, nicht einmal dem Namen nach! — Der Correspondent in Nr. 39 hat ein paar Stellen über Demuth citirt, hätte er aber Luther nachgeschlagen, so würde er gefunden haben, daß in seiner Uebersetzung nichts von Demuth steht. So gleich 4. Mos. 13, 3 bei Luther: „MoseS war ein sehr geplagter (statt: demüthiger) Mensch". Daß dies an der Stelle keinen Sinn gibt, leuchtet ein, aber das christliche Volk kennt nur die Uebersetzung und „so steht's geschrieben". Wir führen noch ein paar andere Stellen nach Luther an, Ps. 25, 9: Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg, Ps. 37, 11: Die Elenden werden das Land erben. Ps. 76: 10: Daß er helfe allen Elenden auf Erden. Ps. 147, 6. Der Herr richtet auf die Elenden. Ps. 149, 4: Er hilft den Elenden herrlich. — An all diesen Stellen steht im Hebräischen statt „Elende" Ananim-Demüthige. Es mag indessen zugegeben werden, daß das Wort Elende da wenigstens einen Sinn gebe, weniger ist dies schon der Fall Jes. 11, 4: Er wird mit Gericht strafen die Elenden im Lande — und vollends Spr. Sal. 16, 19: Es ist beffer, niedrigen Gemüths sein mit den Elenden — wo der Gegensatz der „Hoffärtigen" (im zweiten Gliede des Verses) deutlich zeigt, daß es so heißen muß, wie es im Texte steht: „Beffer bescheiden sein mit den Demüthigen" u. s. w. Das Wort Aöawa Demuth in Spr. Sal. 15, 33; 18, 12. wo es im Texte heißt: „Vor dem Sturz kommt Hochmuth, aber vor der Ehre geht Demuth her" heißt bei Luther im zweiten Gliede: „Ehe man zu Ehren kommt, muß man zuvor leiden." Ebenso Spr. Sal. 22, 4 statt: Lohn der Demuth ist Gottesfurcht — hat Luther: wo man leidet in der Furcht des Herrn. So ist nur eine einzige Stelle geblieben, in der Luther beim besten Willen seine verschrobene Uebersetzung nicht anbringen konnte, Zephan. 2, 3: „Suchet Gerechtigkeit, suchet Demuth" An dieser einen Stelle hat auch Luther das Wort Demuth. weil es da unmöglich ist zu sagen: „suchet elend oder geplagt zu werden." Wie nun Luther auf diese Verkehrtheiten gekommen sein mag? In erster Linie hat er wohl so auslegen wollen denn ihn beherrschte der neutestamentliche Gedanke, daß die Reichen und Glücklichen an sich schlecht seien, die Armen, Elenden und Geplagten aber schlechthin den Himmel verdienen, jener Gedanke, der ja von jeher den Sozialisten, Communisten und allen ihren Vorläufern, den religiösffozialer Secten schon im tiefen Mittelalter so sehr zugesagt hat. Dann aber wechselt bekanntlich an ein paar Stellen auch im Hebräischen *3130 und in Keri und Ketib*); daher hat auch die Vulgata in verschiedenen Ausgaben wechselno mansuetus oder mitis bumilis und afflictus. Luther hat wohl aMatus u. s. w. vor sich gehabt oder vorgezogen. Die I,XX hat meist *p«u<; sanftmülhig, zuweilen auch oder das entsprechende Zeitwort, welches freilich auch „gedem ü t h i g t-leidend, elend" bedeuten kann. AuS Oberschlesien, 10. October. (Or.-Corr.) Vor mehreren Wochen erfolgte in G l e i w i tz plötzlich das Ableben des würdigen in Oberschlesien als Talmudgelehrten bestrenommirten Herrn Nehemias Guttnrann. Er war der befähigte und würdige Sohn des ihm vor Jahresfrist in den Tod vorangegangenen R. Hirsch Guttmann welcher zu Groß-Strehlitz im *) Siehe unter Andern Gr ätz in dem ersten Aufsatz seiner Monatsschrift von 1869.