Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 42. (16.10.1878)
- Date
- 1878-10-16
- Page
- Seite 328 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583232--3781-9583234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 328 — mag, bei dem seine Einkäufe besorgt, der ihm Garantie da» für bietet, daß ihm nicht Chomez in's Haus geschmuggelt wird, ist so selbstverständlich, wie, daß Niemand da kauft, wo er betrogen zu werden fürchtet. Aber der Heuchelei, meint Herr vr. Adler, wird hier« durch Vorschub geleistet! „(S. 43.) Genug das ist unter allen Confessionen als thatsächlich feststehend: Wer in der Verrichtung seiner Gebete, der Ausübung ritueller Handlungen, asketischer Kasteiungen u. dgl. an und für sich schon ein rerligiöses Thun erblickt, oder gar alles dieses von den Vertretern seines Glaubens als das Höhere, das Wichtigere bezeichnen hört, wird kaum der Versuchung widerstehen können, zur Beschwichtigung seines Gewissens, bei allenfallsiger laxer! Moral, sich ihrer zu bedienen." Genug — das ist mehr, als hinreichend die Forderung zu begründen: Alles Ritual, alle Ceremonie, alle Religionsgebräuche sind zu abrogiren, denn durch sie kann Heuchelei hervorgerufen werden. In's Herz kann nur Gott sehen, ob die Formen veredelnd wirken, nur er erkunden. Ihr Schaden aber ist alldeutlich — darum fort mit ihnen! Damit wären wir aber bei der sogenannten Herzensreligion angelangt, welche nichts weiter rst, als ein schöner Name für Nichts! Als Vorkämpfer dieser will Herr vr. Adler sicherlich nicht eintreten. Denn die conservative Reform verbrennt nicht das Haus, weil einzelne Schäden sich daran zeigen. Sie confiscirt nicht das Eigenthum, weil Viele dadurch zum Diebstahl verleitet werden. Suchen wir an unsere Gegenparteien lieber das Achtenswerthe, erkunden wir vor Allem, was uns eint, und nicht, was uns trennt — und wir werden sicher zu dem Resultat gelangen D'Ti dt6x nn*r iSki „Dieses und Jenes sind die Worte des lebendigen Gottes", wir werden mit „Friedensstimme" reden zu Allisrael. Maßlose Verdächtigung aber führt über das Ziel hinaus, das man sich selbst gesteckt, verleitet zu Folgerungen, die man selbst als unberechtigt erklären muß. Das gedenken wir in einem weiteren Artikel zu erweisen, der sich der Frage zuwenden soll: Was ist conservative Reform? Ferdinand Laffalle und seine Stellung zum Judenthum. Von Max Weinberg. (Schluß.) ES ist wohl nicht zu leugnen, daß bei aller Härte und Ungerechtigkeit des UrtheilS ihm dennoch ein gewisser Enthusiasmus, ein tiefer Respect vor der historischen Aufgabe dev JudenthumS und der civilisatorischen Arbeit, die es im Laufe der Jahrhunderte vollbracht hat, mit unterläuft. Namentlich wenn er gelegentlich des Bedenkens, ihre Landsleute würden sie wegen der Heirath mit einem Juden verachten, der Geliebten sagt: „Sie, Abkömmling von Fürsten, einen Menschen heirathen, welcher — eS ist wahr, wenn die Abstammung ein Recht zum Stolz gäbe, stolzer sein könnte, wie ihr alle, da er von einem Volke abstammt, welches älter ist als alle Fürsten und Edelleute, die nur etliche Jahrhunderte existiren; vom ersten civilisatorischen Volke, welches in der Geschichte, austritl, und von den alten Königen Syriens." Freilich fährt er bald darauf fort: „Ich liebe die Juden durchaus nicht... Ich sehe in ihnen nur die sehr entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit." Immerhin wird aber dadurch das vorher Gesagte nicht ganz aufgehoben. Vielleicht haben auch sein blinder einseitiger Haß gegen den bekannten jüdischen Fabrikanten und Fortschritts-Abgeordneten Leonor Reichenheim, als dem besonderen Freund und Mitarbeiter seines erbittertsten Gegners auf dem Felde der National-Oekonomie — Dchulze-Delitzsch — oder andere rein persönliche Momente ihn zu dieser ungerechten Urlheüshärte gegen die Juden seiner Zeit verleitet. Wie dem indeß auch sei. so liegt jedenfalls ein himmelweiter Unterschied zwischen diesen —• wenngleich ungerechten und lieblosen — Bemerkungen Lassalle's, hingeworfen in einem leidenschaftlichen billst-ckoux, in dem Heirathsantrag an eine, in tausend Vorurtheilen gegen Juden und Judenthum ausgewachsene junge russische Aristokratin, gleichsam um ihr die vorangeschickte Entdeckung, daß er Jude sei, verdaulicher zu machen und jener frivolen, unmolivicten Art, wie Heinrich Heine das Judenthum in seine Discurse zieht, der die angeborene Religion vielfach nur als Nagel benutzt, um seine Witze und Sarcasmen daran hängen zu können. In seinen Schriften hat sich Lassalle, soweit uns bekannt, niemals Angriffe gegen das Judenthum erlaubt. Daß er hier aber in einem Privatbriefe an die Dame seines Herzens, um die etwa aus Religionsrücksichten in ihr rege werdenden Bedenken im Voraus abzuschwächeu, die Farbe etwas grell aufträgt, ist bei Lassalle's Naturell leicht begreiflich. Noch auch mag hier darauf hingewiesen sein, daß Lassalle's hervorragende Stellung zu seiner Partei wie nach außen — wenn es überhaupt zulässig erschiene — ihm weit mehr Anlaß geboten hätte, sich vom Judenthum loszusagen, als das bei Heine und anderen Conoertiten der Fall war. Dagegen aber sträubte sich der ganze Ernst und die innere Wahrheit seiner Natur, die ganze Consiquenz seines Denkens. Wenn wir endlich aus dem mehrerwähnten Briefwechselnoch die nachstehende Aeugerung Lassalle's über sein Verhältniß zu seinen Eltern registriren: „Ich will Ihnen die genaue Ziffer meines Vemögens nennen. Ich habe 4000 Thaler Rente als ganz unabhängiges Vermögen. Nach dem Tode meiner Eltern werde ich allerdings 2000—3000 Thlr. mehr Einkünfte haben. Da ich aber Vater und Mutter auf's Zärtlichste liebe, so hoffe ich, daß dies so spät als möglich eintreten werde", und darin jenen von den Vätern ererbten, selbst von Heine nicht verleugneten Charakterzug innigster Familienliebe wiederfinden und daneben die haarscharfe, schneidige Dialektik, welche ihm in so seltenem Grade eigen war, als jüdischem Quell entsprungen, für uns in Anspruch nehmen, so dürften alle Beziehungen erschöpft sein, die Laffalle mit dem Judenthum verbunden halten. Lassalle liegt auf dem jüdischen Friedhofe seiner Vaterstadt Breslau begraben. Sein Grabstein trägt die von seinem Busenfreunde, dem nunmehr auch verstorbenen Professor vr. Prietzel in Berlin verfaßte Inschrift: „Hier ruht, was sterblich war an Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer!" (Wie sich das Judenthum als solches zu dem von ihm vertretenen Socialismus stellt, wird demnächst in besonderer Abhandlung an dieser Stelle einer Besprechung unterzogen werden. Red.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Strelno (Prov. Posen), 8. Oktober. Die Leser dieses Bl. werden bereits durch die Tageblätter von dem Unglücksfall unterrichtet sein, der in der hies. Gemeinde am Jom Kippur sich ereignet hat. Wir geben den Bericht nach der „Pop Ztg." Dieser ward am 7. geschrieben: „Ein schreckliches Unglück hat sich heute gegen 11'/, Uhr Bormittags in unserer Stadt zugetragen. Die Decke der Synagoge stürzte herab, während grade der Tempel des heutigen Festgottesdienstes wegen mit Andächtigen gefüllt war. Gegen dreißig Personen, zum Theil Frauen, und unter diesen einzelne in gesegneten Umständen, wurden mehr oder minder schwer verletzt. Ein Handlungscommis wurde durch die herabfallenden Trümmer so stark