Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 40. (2.10.1878)
- Date
- 1878-10-02
- Page
- Seite 316 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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vernichtet; ein tiefes Gefühl des Mitleids für die Betroffenen ergreif: uns, gepaart mit demjenigen des Abscheues und Ekels ob der Grausamkeit und Rohheit des Unmenschen von einem ruffificirten Polen A., der diese jammervolle Scene arrangirte!" Ein uns vorliegendes späteres Schreiben aus dem der Unglücksstätte naheliegenden Garsden, vom 29. August, bestätigt diesen Bericht in allen Einzelheiten, und der Berichterstatter versichert, aus dem Munde der Unglücklichen selbst dieselben vernommen zu haben, und daß sie auch dringend die Veröffentlichung dieser traurigen Thatsache wünschen, und erwarten davon Heil und Hilfe für sich und die A. möglichst bald zu ereilende Nemesis. Die russische Preffe aber wird wahrscheinlich die Sache todtzuschweigen suchen oder durch übliche Censurstriche dieselbe dem Publikum unleserlich zu machen suchen. — Facta odiosa laquuntur! M. Numänren. Bukarest. Aus Bukarest schreibt man der »Politischen Korrespondenz": Daß die sogenannte Juden - Frage — obschon die Sache durchaus keine Frage mehr ist — alle Kreise nach wie vor im höchsten Grade beschäftigt, ist leicht begreiflich. Es handelt sich ja um einen Schritt, den Rumänien jetzt thun muß, der nicht nur von hoher socialer, sondern nach den Anschauungen selbst der besonnensten hiesigen Politiker von eminent nationaler Bedeutung ist. Wegen dieses letzteren Standpunktes hat er ein Gewicht, wie es hier nicht schwerer mehr in die Wäagschale fallen kann. Daß die Regierung der einheimischen Bevölkerung gegenüber sich in einer höchst schwierigen Situation befindet, ist zu notorisch. Hierbei muß jedoch betont und hervorgehoben werden, daß irgend eine religiöse Abneigung oder wohl gar religiöser Fanatismus durchaus nicht im Spiele sind. Der Rumäne ist in Glaubenssachen geradezu indifferent, aber das nationale Selbstbewußtsein ist hier ein unendlich starkes, ja mitunter gar zu expansiv ausgeprägtes, und das ist es, was sich so sträubt und bäumt, jetzt plötzlich und noch dazu durch einen Druck von Außen her, Elemente in sich aufzunehmen, die man als tief unter dem Niveau der so hochgehaltenen eigenen Nationalität stehend seit Jahrhunderten zu betrachten gewohnt war. Gegen den Strom kann keine hiesige Regierung schwimmen. Die Lösung dieses Problems dürfte sich daher nach der Anschauungsweise sehr ruhig denkender, der heutigen Regierung nicht fernstehender Staatsmänner wohl in folgender Weise vollziehen. Man wird die Israeliten als „Ausländer" betrachten und es jeder einzelnen Persönlichkeit des jüdischen Glaubensbekenntnisses überlassen, im geietzlich vorgezeichneten Wege um das rumänische Bürgerrecht sich zu bewerben. Jndigenatsgesuche sind bekanntlich bei den Kammern einzubringen, die über jede einzelne solcher Petitionen in öffentlicher Sitzung votirend entscheiden, worauf das angenommene Specialgesetz, die Person betreffend, von der Krone sanclionirt wird. Vermischte und neueste Nachrichten. Leobschütz, 21. Sept. (Or.-Corr.) Meinen Bericht, das Hollaender'iche Jubiläum betreffend, muß ich dahin berichtigen, daß dasselbe nicht am 15., sondern erst am 16. October gefeiert werden wird. Frankfurt a. M-, Sept. (Or.-Corr.) Ueber den verstorbenen Salomon Geiger gestatteten Sie mir noch folgende Bemerkungen. Der durch seine talmudischen und liturgischen Schriften bekannte Greis erfreute sich der größten Hochachtung und Verehrung des größten Theils unserer Gemeinde. Er war ein Mann von ausgezeichneter jüdischer Gelehrsamkeit und Gründlichkeit, dabei voll seltener Herzensgüte und Liebenswürdigkeit gegen Alle, die sich ihm näherten. Er schätzte in Jedem nur den Menschen und verkehrte in freundlichster und einnehmendster Weise mit jedem Andersdenkenden. Mit dieser rühmen:werthen Toleranz gegen Andere verband er die größte Strenge gegen sich selbst; sein lebensfrohes Gemüth vergnügte sich mit jeder kleinen Aufmerksamkeit und jedem erlaubten Genuffe. An Rabbi Salomon Geiger bewährte sich das Wort: „Schön ist das Studium der Lehre mit weltlichem Anstand und wiffenschaftlichem Sinne gepaart." S. Geiger war der Lehrer vieler bedeutender Männer gewesen, wie seines verstorbenen jüngeren Bruders Dr Abraham Geiger, der gleichfalls Heimgegangenen: Banquier B. H. Goldschnudt und Lehrer Leopold Beer dahier, sowie des Profeffors Dr. Moritz Stern in Göttingen. Er war der Vater des vor acht Jahren in der Blüthe des Mannesalters verstorbenen, durch seine sprachwissenschaftlichen und philosophischen Werke rühmlichst bekannten Gelehrten Lazar Geiger, Lehrers an der Realschule der hiesigen israelitischen Gemeinde. „Sein Leben war Dienst der Wahrheit, Seine Seele Odem der Liebe. —" Wien, 23. September. Der Berichterstatter der „Polit. Corresp." in Sarajewo constatirt, daß nach den Erfahrungen sämmtlicher Heereskörper die israelitische Bevölkerung Bosniens den kaiserlichen Truppen nicht entgegengelreten ist. Krakau, 27. September. (Or.-Corr.) Nach der Beerdigung des berühmten Literaten Goldstoff verbreitete sich hier das Gerücht von einer gewissen Mißachtung, welche diesem gefeierten Manne bei seiner Beerdigung widerfuhr, der Indignation hierüber entsprang mein erster Bericht in dies. Bl. Im „Hamagid" wird nun berichtet, daß beim Leichenbegängnisse Tausende unserer Glaubensgenossen betheiligt waren. Daß zwei solche verschiedene Berichte auftauchen, darf aus einer so großen Gemeinde nicht Wunder nehmen. Die Wahrheit liegt wie ich erfahre in der Mitte. Die Partei der Chaffidim, welche hier die Mehrzahl bildet, nahm am Leichenbegängmffe nicht Antheil. Der Leiche folgten eine kleine Anzahl seiner Literarischen Freunde. Amsterdam. (Or.-Eorr.) Der Kriegsminister ordnete an, daß die jüdischen Militärs wäyrend der Festtage (Neujahr Versöhnungstag, Hüttenfest) von jedwedem Dienste frei seien Haag. Die Jury, die hier zur Beurtheilung des Entwurfs für das Spinoza-Denkmal zusammengetreten war, hat das Urtheil über die ihr vorgelegten Zeichnungen nun veröffentlicht. Die Concurrenz war eine internationale, und von den von Künstlern der verschiedensten Nationalitäten eingesandten Sclzzen sind nur zwei von der Jury in Erwägung gezogen worden: Die des Düsseldorfer Bildhauers Tushaus und des Pariser Bildhauers Hexamer Die Ausführung des Denkmals für den berühmten Philosophen ist schließlich nach dem Modell Hexamer's beschlossen worden. Rom. Ein neuer Skandal in der italienischen Diplomatie macht gegenwärtig viel von sich reden und hat den allgemeinen Unwillen gegen Graf Barral, den italienischen Gesandten am Brüsseler Hofe gekehrt. Derselbe hat nämlich einen jungen jüdischen Secretair, den Baron Oscar Hierschel aus Triest aus dem Dienst durch gänzliche Mißachtung herauszumaßregeln gesucht und die Gräfin Barral hat die Naivität gehabt, der Frau des Baron Hierschel zu gestehen, baß es die jüdische Religion sei, welche verhindern würde, daß ihr Mann trotz aller seiner vorzüglichen Qualitäten sich je die Neigung ihres Mannes erwerben würde. Baron Hierschel hat seine Entlassung gegeben, die aber nicht angenommen worden ist. Er hat einen dreimonatlichen Urlaub erhalten. Bukarest. Die Mittheilungen, welche das statistische Amt des Fürstenthums Rumänien seit dessen staatlicher Etnigung namentlich über die Bewegung der Bevö kerung. den Ackerbau und Handel veröffentllcht hat, vereinigte vor einiger Zeit der frühere Minister Aineliauu zu einer Landeskunde, und dieses Werk wurde jüngst von der wlss-nschaftUchen Vereinigung zu Bukarest nnt dem Preise gekrönt. Nach demselben unterscheidet man die Bewohner nach ihrem Neligionsoekenntniffe wie folgt: Es sind 1874