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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-02 · N° 40. (2.10.1878) · p. Seite 315

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 40. (2.10.1878)
Date
1878-10-02
Page
Seite 315 (sequence 5)
Language
German
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-- 315 — zeichnete Comitemitglied Herrn H. Hirschberg gefälligst einsenden. Synagogenbau - Comitä. Dr S. D aukowicz, Nabdiner. H. Hirschberg. F. A. Engel. W. Segal l, Borsteher. S. I. Cohn. Jacob Litthauer. Louis Rosenthal. Nepräsentanlen. Belgien. Brüssel. (Or.Corr.) Am 20. September fand unter großer Beteiligung hiesiger Stabt und auswärtiger Theilnehmer die Einweihung der neuen Synagoge statt. Das Gebäude ist im romanisch-orientalischen Style aufgesührt und entspricht im hohen Grade den künstterischen Ansprüchen, die man an ein Gotteshaus in einer so kunstliebenden und mit so vielen, monumentalen Bauten geschmückten Stadt, wie Brüssel ist, zu stell« n berechtigt ist In einer der Hauptstraßen der Stadt, der Rue de la Regence gelegen, tu Mitte vieler Slaatsgebäude, ragt das Haus, an seinem orientalischen Baustyle leicht zu erkennen, über die andern hervor. Die Namen der zwölf Stämme und den bekannten Satz “ins 28 81?n 1^2^ in den zwei Landessprachen, Französisch und Vmmisch, an seiner Stirn tragend, weist auch bas Innere recht sinnige Sprüche, die Grundlehren des Judenthunts enthaltend, auf. Der Alchiteci, Herr Ke>zer, hat m diesem Werke sich ein ehrendes Denkmal gesetzt, worüber auch die Belgischen Zeitungen nur Lobendes zu sagen wußten. — Von auswärtigen euigeladenen Rabbinern waren erschienen, der Rabbiner von Cöln, Herr Dr Frank, von Luxemburg, Herr Dr. Blumenstein, von Aachen, Herr Dr. Jaulus; mehrere Rabbiner, die ihre Ankuiifl angemeldet, mußten wegen Anltspfllchien im letzten Augenblicke abschreiben. Außerdem waren jüd. Beamte und die Vorsteher der übrigen größeren Gemeinden Belgiens, von Lütich u. s. w. erschienen. Die Fe>er begann ichon am Donnerstag Nachmittag. Es wurde im alten Gotteshause der letzte Gottesdienst durch die Verrichtung deS Mincba- und Maeriwgebets abgehalten.^ Darauf hielt der Grand-Rabbiner Astruc ein: kurze Abschiedsrede, worauf die Thorarollen aus dem Hechal genommen, per Wagen in die Wochensynagoge oes neuen Tempels überbracht. Freitag Nachmittag 3 Uhr begann die Feier der Einweihung Unter Choral- und Musikbegleitung wurden die Thorarollen in das herrliche Gotteshaus gebracht und nach den üblichen Umgängen in den Hechal gebracht. Herr Grand- Rabbin Astruc hielt eine vortreff.iche Elnweihungsrede, der er die Einheit Gottes d. h. und das rnn D^PHp zu Grunde legte. Die Rede war vortrefflich in Form und Gedanken, und machte einen nachhaltigen Eindruck auf die Zuhörer. Nach der Feier wurde das Mincha-Gebet und danil nach kurzer Pause der Freitagabend-Gottesdienst abgehallen. Wir wollen hier nicht unterlassen zu erwähnen, daß die „Jndependance Belge" in ihrer Beschreibung der Feier und der Predigt es sich nicht versagen konnte, zu bemerken, daß das heutige Judentyum die hohen Ideen, die Herr Astruc in seiner Rede entwickelte, nicht zum Ausdruck bringe, aber, so Nielnt sie begütigend, man könne schon zufrieden sein, wenn solche Ideen in der Theorie entwickelt werden. Nur möge doch die Jndependance vor ihrer eigenen Thür kehren und vergleichen, ob je die Religion der Liebe, wie daS Christenthum sich nannte, Liebe und Eintracht gesäet, und nicht vielmehr durch Haß und Zwietracht die Menschen entzweit hat. Die Juden wissen ein Liedchen zu singen von der sogenannten „Religion der Liebe." Ein kleines Piövchen lieferte der bereis von Ihnen in vor. N. erwähnte Vorfall, daß das Consistorium einen Organisten und Chorsänger aus Paris verschreiben mußte, da sowohl dem Organisten der hiesigen Carmeliter Kirche, Herrn Mailly, Professor am königl. Conservatorium. als den Chorsängern der St. Gundula-Kirche von den betreffenden Kirchenvorständen eröffnet worden war, sie hätten zwischen der Synagoge und der katholischen Kirche zu wählen. Selbst der Ausnahmefall einer einmaligen Betheiligung am jüdischen Gottesdienst könnte nicht geduldet werden. Als der Pariser Organist dieses intolerante Austceten der Brüsseler Klerisei erfuhr, bestand er darauf, daß im Progamm der israelitischen Festfeier ausdrücklich seiner officiellen Eigenschaft als Organist der Dreifaltigkeits-Kirche zu Paris Erwähnung gethan werden sollte, was dann auch geschehen ist. Am Sabbath vor dem Mussafgebet predigte Rabbiner Dr. Frank aus Cöln und erbaute die Zuhörer, die fast alle die deutsche Sprache verstehen, im hohen Grade. Wenn man noch in Erwägung zieht, daß der größte Theil der Kosten der Synagoge (nahezu 700,000 Frcs.) vom Staate und der Stadt getragen wird, dann darf man, wenn man den Gegensatz, der in Deutschland vorherrscht, in Betracht z'.eht, wohl behaupten, daß alle Theilnehmer an der Synagogen Einweihung, die besten Eindrücke Mitnahmen von dem DEM irnTp in einer Stadt, die während der traurigen Jahrhunderte der Vergangenheit so oft der Schauplatz der schrecklichsten Grausamkeiten gegen unser Volk war. Darum schließen auch wir mit dem Danke gegen Gott, „der die Zetten ändert." Rußland. Aus Ruffisch-Polen referirt man uns über einen Akt des Vandalismus, der früher nur in Rumänien gang und gäbe war; der Bericht lautet: W a r s a n (Gouvernement Rjäsan), Äuguit 1878. Ein schreckliches Unglück hat mehrere jüdische Familien, die bis jetzt in relativ guten Verhältnissen lebten, betroffen. Ein plötzlich ausbrechendes Schadenfeuer könnte nicht verheerender wirken, wie die barbarische unerhörte Handlungsweise eines Gutsherrn v. Aginski gegen die armen Unglücklichen, die plötzlich ihres Familienwohlstandes, ihres Häuser- und Mobiliarbesitzes beraubt wurden, nun obdach-, besitz- und hilflos dem bittersteil Elend preisgegeben und auf kärgliche Unterstützung ihrer benachbarten Glaubensgenossen angewiesen sind! Der Sachverhalt war folgender: Von Alters her zahlten einige jüdische Häuserbesitzec hier dem Aginski einen Jahreszins als eine Art Ablösung des Grund und Bodens, auf dem sie ihre Häuser errichteten. Im vorigen Jahre aber siel es ernstlich dem A. ein, die Juden aus den Häusern forljagen zu wollen, mit der geltend gemachten Klage beim Gerichte in Rjäsan, daß der Grund und Boden sein unveräußerliches Eigenthum bleibt, und die Häuserbesitzer nur als M,ether das einzige Recht besäßen, das Material der Häuser beim Niederreißen derselben nach Belieben fortzunehmen! Richtig erwirkte sich A. beim erwähnten Gericht einen günstigen Bescheid, und die Eigenthümer der Häuser mußten an höhere Instanzen appelltren. Endlich am 23 April d. I. behielten Letztere Recht, und vermittels des Gerichts Kowno die Entscheidung des Appellationsgerlchts zu St. Petersburg, daß Kläger A. abgewiesen wurde. Trotzdem wußte sich A. nochmals beim Rjäsaner Gerichtsamte eine entgegengesetzte Entscheidung zu seinen Gunsten zu verschaffen. Die Häuserbeiitzer reisten mit dieser neuen Entscheidung zum Gerichtsamte Kowno, wo ihnen der Gerichtspräsident die beruhigendste Versicherung gab, daß nach höchsten gerichtlichem Entschluß zu Petersburg, A. keineswegs sich willkürlich die Befugniß anmaßen könne, sie aus ihrem Besitzthum zu vertreiben. Wie aber erschraken die Letzter,!, als eines Nachmittags (Freitags!) sie das Toben und Lärmen einer heranströmenden Kohorte von betrunkenen Bauern hörten, die, mit Beilen und Brechinstrumenten bewaffnet, zum D e m o l i r e n ihrer Häuser sich anschicklen. Der an ihrer Spitze vortretende Genchlsdiener (Mirowoi pristaw) las ihnen die Gerichlsvrdre vor, daß, weil sie nicht bisher ihre Wohnungen verlassen, sie daraus jetzt gewaltsam vertrieben und die Häuser sammt Hab und Gut dem Boden gleich gemacht werden. D>e Juden fleheten diesen Executor, Namens Schneskln, unter jämmerlichen Weinen an, mit der grausigen Cxecution wenigstens b,S kommenden Sonntag zu warten, aber vergebens; der Mann berief sich aus seinen Schein, um dem lebenden Leibe das Fleisch auszuschneiden. In der kurzen Zeit von einer halben Stunde wurden nicht nur die Häuser vollständig demolirt und dem Boden gleich gemacht, sondern auch mit bestialischer Wuth alles sich in denselben beftndliche Mobiliar

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