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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-02 · N° 40. (2.10.1878) · p. Seite 314

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 40. (2.10.1878)
Date
1878-10-02
Page
Seite 314 (sequence 4)
Language
German
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— 314 — werden,(am wenigsten, wenn der Zweck solcher Neubildungen gar nicht erkennbar ist. Wir sind nicht französisch, weil wir unser Deutschthum nicht in Dinge mischen, in die es nicht gehört. Herr Lewy selbst verfügt, wie er und seine Freunde in Paris oftmals ausgesprochen haben, über kein klares Projekt.*) Gnesen, 24. Septbr. (Stadtältester Nussak; — Rabbinats-Vacanz.) (Or.-Corr.) Der Nestor unserer Gemeinde, der Stadtälteste Moritz Nussak, ist am 20. ds. im 84 Lebensjahre gestorben und vorgestern unter allgemeiner Theilnahme zu Grabe getragen morden. Rabbiner vr. G ebhardt aus Bromberg, der in frühern Jahren das hiesige Rabbinat bekleidete und dem Verstorbenen ein besonderer Freund war, kam herbeigeeilt, um die Leichenrede zu halten, von der alle Zuhörer sich tief ergriffen fühlten. — Das Leben des Dahingeschiedenen war mit der Geschichte unserer Stadt und der jüd. Gemeinde während der letzten 50. Jahre innig verflochten; für die Entwickeluna der Letzteren insbesondere, war seine Wirksamkeit geradezu epochemachend und beteutungsvoll. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts in einem nahe,n kleinen Städtchen geboren, fiel seine Jugend in eine Zeit wo in den jüd. Gemeinden unsere Gegend noch Alles in einem geistigen Dunkel lag; trotzdem erwachte schon frühzeitig in dem Verblichenen der Drang nach höherem Wissen. Unter den schwierigsten Verhältniffen suchte er nun seine Ausbildung in Lffsa, Breslau und Berlin (hier besuchte er das graue Kloster) zu bewirken, um sich dann dem höheren Lehrfach zu widmen. In Folge des Umschwunges, der nach den Freiheitskriegen, in Bezug auf die dem aeademischen Lehrfach sich widmenden jüd. Staatsbürger eintrat, sah sich der Verstorbene gezwungen, der eingeschlagenen Carriere zu entsagen und die Stelle eines Erziehers in einem angesehenen jüd. Hause (Banquier Rosen) in Warschau anzunehmen. Nachdem er in dreser Stellung eine Reihe von Jahren gewirkt und dort Zugang in die gebiltetsten Gesellschaftskreise hatte, kehrte er, dem Drängen seiner Eltern nachgebend, im Jahre 1827 in die Heimath zurück und gründete hier die erste deutsche Buchhandlung. Sein Haus wurde dadurch zum Sammelpunkt für alle Gebildeten, namentlich der vielen preuß. Beamten und Richter, die nach der Reoccupation der Provinz hierher versetzt wurden und die sich in der vorherrschend polnischen Umgebung ganz vereinsamt fühlten. — Unser hiesiges jüd. Geiueindewesen befand sich damals auf einem sehr niedrigen Standpunkte; zwar wurde hier schon im Jahre 1824 eine besondere jüd. Schule eingerichtet, doch konnte dieselbe keinen gedeihlichen Aufschwung nehmen, da die Leitung in den Händen ganz ungebildeter Parnassim lag, denen die Erforoerniffe eines geregelten Schulwesens eine terra iueoboita war. Glücklicherweise brachte aber die Verordnung vom Jahre 1833, in Betreff des Judenwesens im Großherzogthum Posen, einen Umschwung in der jüd. Gemeinde hervor. Es mußten ein Vorstand und Repräsentanten gewählt werden; Ruffak trat mit noch einigen einsichtsvollen Männern an die Spitze der Verwaltung. Ihr erstes Werk war die Reorganisation der Schule; tüchtige Lehrkräfte wurden berufen, als Dirigent der seel. Stenzel, dessen unglückliches, tragisches Ende wohl noch Manchem rn Erinnerung sein wird. Dann ging's an die Erbauung eines neuen, prächtigen Gotteshauses, das im Jahre 1841 eingeweiht wurde; ein deutscher Prediger, ebenso ern tüchtiger Cantor wurden angestellt, ein Synagogen - Chor eingerichtet und einige mäßige Reformen, die nur die Ordnung während des Gottesdienstes bezweckten, eingeführt. Diese zeitgemäßen Einrichtungen, die heul zu Tage schon Jedermann als etwas Selbstverständliches ansieht, erregten aber damals den Zorn der Zeloten, die dem überall Widerstand entgegensetzten und Unfrieden in der Gemeinde hervorriefen, wodurch sie es schließlich dahin brachten, daß bei der nächsten Wahl im Jahre 1849 Männer ganz entgegengesetzter Richtung in die *) Der französische Bericht über die Pariser Reunion geht uns soeben zu. Die Verhandlungen der Sectionen, von denen die erste sich mit der Organisation beschäftigt hat, sind nicht ausgenommen. (Red.) Verwaltung kamen. Zwar wurde der Verstorbene später noch wiederholt an die Spitze der Verwaltung berufen, doch gelang es ihm hinfort nicht mehr, dieselbe ganz nach seiner erleuchteten Einsicht zu führen, weil er nur zu sehr mit widerstrebenden Elementen zu kämpfen hatte. Er trat daher im Jahre 1868 von der Verwaltung gänzlich zurück, um dieselbe jüngeren Kräften anzuoertrauen; sein Interesse für die Gemeinde blieb aber nach wie vor stets ein sehr reges. — Wenn auch dem Verblichenen auf der einen Seite seine jüd. Aemter nur wenig Freude gebracht haben, hat er anderseits für seine fast 40jährige Wirksamkeit in oer städtischen Verwaltung um so größere Anerkennung gefunden. Er wurde mit dem seltenen Titel „Stadtältester" beehrt und bei der Feier seines 25jährigen Stadtraths - Jubiläums von des Königs Majestät mit dem Ritterkreuze des rothm Adlerordens belohnt. — Der Dahingeschiedene gehörte unbedingt zu den intereffantesten und gebildetsten Personen unserer Stadt, daher sein Umgang von Allen gesucht wurde, trotzdem er mit der derben Wahrheit gegen Niemanden zurückhielt. lieber alle seine Verdienste müssen wir aber seine große Opferfähigkeit, die er immer gegen seine Nebenmenschen bewiesen und wodurch er vielen, trotzdem seine eigenen Verhältnisse nicht allemal glänzend waren, ein Retter und Helfer war, stellen. Sein Andenken wird dadurch hier noch lange Zeit in Ehren gehalten werden. — Wie schon früher in diesen Blättern berichtet worden, ist die hiesige Rabbinerstelle seit dem Abgang unseres bisherigen Rabbiners vr. Horonitz nach Frankfurt a. M. erledigt. Eine Concurrenz ist zwar wieder ausgeschrieben und sind auch bereits mehrere Canditaten zur Probepredigt berufen worden, doch hat noch keiner derselben einen so durchschlagenden Beifall gefunden, daß zur definitiven Wahl geschritten werden konnte. Es wird daher Seitens des Vorstandes noch immer nach geeigneten Canditaten Umschau gehalten; einstweilen ist Or. Gordon aus Breslau zu einigen Festprediglen während der hohen Festtage eingeladen worden. Schwetz (Westpreußen.) Die hiesige Gemeinde ist ge» nöthigt, ihre alte Synagoge, der die Gefahr des Einsturzes droht, abtragen zu lasten und eine neue an einem höher gelegenen Orte aufzuführen. Unsere kleine, zudem verarmte Gemeinde ist aber nicht in der Lage, diesen Umbau aus eigenen Mitteln auszuführen; sie sieht sich daher in die traurige Nothwendigkeit versetzt, zu der Mildthätigkeit der Glaubensgenossen lhre Zuflucht zu nehmen. Zu diesem Zwecke versendet das Syuagogenbau - Comite das nachfolgende Circular: „Die Altstadt Schwetz, die von den häufigen, fast periodisch wiederkehrenden Ueberschwemmungen, denen sie durch ihre tiefe Lage im Weichselthale ausgesetzt ist, so unsäglich viel zu leiden hat, soll laut Beschluß der Behörden nach der höher gelegenen sogenannten Neustadt verlegt werden Auch unsere in der Altstadt gelegene Synagoge hat durch diese Ueberschwemmungen stark gelitten und ist in Folge besten so sehr unterwühlt, daß ihr, nach dem Urtheile Sachverständiger bei einer etwa wieder eintretenden Ueberschwemmung ein Einsturz droht, und ist die Gemeinde daher gezwungen, dieselbe abzutragen und ein neues Gotteshaus in der Neustadt auf zusühren. Da jedoch unsere kleine Gemeinde, welcher zudem durch die Verlegung der Stadt in jeder Beziehung bedeutende Auslagen erwachsen sind, trotz der größten Opferwilligkeit, leider nicht im Stande ist, die nicht unerheblichen Ausgaben für den Umbau aus eigenen Mitteln zu erschwingen, so sehen wir uns genöthigt, uns an Euch, theure Glaubensgenosten, mit der dringenden Bitte zu wenden, uns in unserem Vornehmen durch milde Beiträge zu unterstützen. Wir hegen die Zuversicht, daß das deutsche Israel, das immer bereit ist, jedes gute Wer! zu fördern, uns seine Theilnahme nicht versagen und uns in den Standsetzen wird, unser heiliges Werk, welches wir zur Ehre Gottes vornehmen, baldigst auszuführen. Etwaige Spenden, über welche seiner Zeit öffentlich Bericht erstattet werden soll, wolle man au das mitunter-

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