Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 40. (2.10.1878)
- Date
- 1878-10-02
- Page
- Seite 313 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 313 — jetzt, wir haben jetzt alles besser erkannt, wir haben festg e st e l l t" u. f. ro Weiter sprach Prof. Aeby aus Bern über das Verhält- „iß der Mikrocephaiie zum Atavismus; er entwickelte daß der deduktive Schluß der Abstammung des Menschen von thierischen und zwar affenähnlichen Vorfahren aus Grund der Deszendenz-Theorie zwar von den meisten Naturforschern als richtig angenommen werde, materielle Beweise indeß noch vielfach fehlten, indem wirkliche Uebergangsformen bis jetzt weder fossil noch lebend aufgefunden seien. Die von Karl Vogt auf Grund unzureichenden Materials als Atavismus oder Rückschlag aufgefaßte Mikrocephalie gehöre lediglich in die Reihe pathologischer Erscheinungen. Der Mikrocep'hale ist das Mittelglied zwischen dem normalen Menschen und der gehirnlosen Mißgeburt, nicht aber dem Affen, eine Ansicht, die durch ähnliche Mikrocephalie bei Kalbsmißgeburten gestützt wird. Und so folgten noch zwei Vorträge von Vary über Symbiose und Prof. Klebs über Ansteckungskrankheiten; beide gipfeln für denjenigen, der den eigentlichen wissenschaftlichen Keim der Untersuchungen nicht prüfen kann, in dem Zurückweisen unbewiesener Theorien. Alle öffentlichen Vorträge bei der Kasseler Versammlung wenden sich sonach, zum Theil mit direkter Polemik gegen H ä ck e l, gegen die Ansprüche des Darwinismus auf Allgemeingültigkeit und Anerkennung als posttives Wissen. 2. Von der Oder, 15. Sept. (Or.-Corr.) Herr Gottschalk Lewy hat in Nr. 37 Ihres Blattes Diejenigen getadelt, welche, bevor der offizielle Bericht über die Sitzungen der Generalversammlung der Alliance erschienen ist, voreilig aus der Schule plaudern. Indeß die Reunion muß sich dieses Schicksal gefallen lassen, dem sogar der Berliner Congreß nicht entgehen konnte, und die Sünde muß nicht gar so groß sein, da sie — Hr. Lewy selbst begeht; freilich plaudert er nur den „einen Punkt" aus, der ihm genehm ist. Gestatten Sie mir Ihnen die Stimmung zu schildern, mit dem ein Theil der deutschen Delegirten nach Paris kam. „Es muß etwas geschehen" — diese gewiß sehr bedeutsame Phrase, der man so oft jungst in deutschen Blättern begegnete, war auch ihre Parole: ein großer Bund der Judenheit muß gegründet werden und wie dereinst Bismarck und Moltke in der Mitte Frankreichs das deutsche Kaiserreich konstiluirt haben, so wollten dietzerren in Paris den deutsch-israelitischen Bund gründen.*) Herr Prof. Grätz, zwar kein excellenter Diplomat, aber der Diplomat par exellence, der sich mit dem Ruhme glänzend jüdische Geschichte zu schreiben nicht begnügt, sondern gern auch jüdische Geschichte machen möchte, berief die deutschen Delegirten zu einer Vorversammlung, in der die Organisationsfrage zur Sprache kam. Grätz ist klug und will am wenigsten in Paris für unhöflich gelten. So hat er es geschickt ausgedacht, wie in Paris die Deutschen als eine gesonderte Landsmannschaft auftrete« und doch dabei als recht liebenswürdig gegen ihre französischen Wirthe sich zeigen könnten; er beantragte, „die Deutschen sollten in der ersten öffentlichen Sitzu g dem Centralcomitä ihren Dank aussprechen für die geschickte und erfolgreiche Führung der jüdischen Interessen beim Berliner Congreß. Aber aus der Versammlung, dizum Theil diese Finesse nicht begriff oder nicht begreifen wollte, erhob sich der Einwurf, warum denn gerade die Deutschen diesen Dank aussprechen sollten; es wurde für und wider geredet und endlich dem schon früher designirten Sprecher, Herr vr. Goldschmidt aus Leipzig, die ganze Angelegenheit vertrauensvoll anheimgegeben, und in der That hat er mit ausgezeichnetem Takte sich seiner Aufgabe entledigt. Nun kam die deutsche Alliance zur Sprache, in Nebel ) Wir lassen die witzige Darstellung unseres geistreichen Herrn Correspondenten hier und in dem Folgenden passiren, sind auch nicht m der Lage ihre Richtigkeit zu prüfen oder gar zu rectificiren: wir glauben jedoch bestimmt, daß Herrn Lewy die ihm hier zugetrauten etwas chauvinistischen ^deen ganz fern liegen, und ebenso wird Herr Prof. G>atz wohl mehr diplomatisches Talent zugeschrieben sein, als er beansprucht. (Red.) gehüllt war das ganze Projekt, die klugen Herren wollten wenigstens seine wahre Gestalt nicht verratben; da vernahm man die rührende Stimme des Mitleids über alle die Arbeit und Anstrengung des Pariser Centralkomil6s; man könne solche Last den Herren nicht aufbürden; zwar diese Herren selbst wußten dieses Mitleids gar nicht zu würdigen; indeß welcher Edelmuth denen zu helfen, die die Hilfe verschmähen!! Auf der anderen Seite sagte man wieder, das sei entwürdigend für Deutschland, zu zahlen und nur zu zahlen, und nicht mitzuleiten und zu verwalten, besonders bei der großen Zahl der Mitglieder der Alliance in Deutschland. Aber seltsam, gerade der Mann, der diese große Mitgliederzahl wesentlich als sein Verdienst in Anspruch nehmen darf, Dr. Landsberg in Liegnitz, sträubte sich mit Händen und Füßen gegen dieses Projekt; und entwürdigend für Deutschland! Gewiß, daS stete Schelten der religiösen Parteien innerhalb der deutschen Judenheit gegen einander, daß der Orthodoxe den Liberalen, und dieser wieder jenen verachtet und richtet, es ist ein häßliches Schauspiel; darum fehlt den deutschen Juden jedes Centralorgan, darum siecht der Gemeindebund, und darum ist eine wirkliche Allianz in Deutschland, die mehr als ein Parteibund ist, aussichtslos;*) aber solche Experimente, wie sie die Herren Prof. Grätz und Genossen Vorhaben, sind bedenklich, sie erschüttern die gegenwärtigen Institutionen, schon in dieser Vorversammlung ist genug gegen das Pariser Comitä losgezogen worden; dringt solches Gerede unter die Leute, so verliert die Allianz Autorität und Anhang. Entwürdigend für die deutschen Juden — Crsmieux, Derenburg, Oppert und die anderen Herren des Centralcomit6 sind für den Schreiber dieser Zeilen Juden und sehr würdige Juden, von denen vertreten zu sein eine Ehre ist; ihre französische Nationalität kommt in allen Fragen der Allianz gar nicht in Betracht. Besonders Herr Nachod aus Leipzig hat in klarer sachgemäßer Darstellung bas Unnütze und Gefährliche solcher Projektenmacherei nachgewiesen; ein Provinziale, der in der Versammlung anwesend war, schloß sich diesen Auseinandersetzungen an und hob die thatsächlichen Leistungen der gegenwärtigen Organisation hervor, aber da kam er schön an; es wurde ihm bedeutet, daß man solche Dinge überhaupt nur in Berlin zu beurtheilen verstehe; wer Himer Köpenik wohne und doch noch eine eigene Meinung haben wolle, das sei einfach anmaßend. Dabei war es interessant zu sehen, wie wohl alle Herren, die nicht in Berlin wohnen, bei aller Schwärmerei für eine deutsche Allianz, darüber eiuig waren, daß Berlin nicht der Vorort sein dürfe; sonst trüge sie den Keim des Todes in sich, ja sie käme dann überhaupt gar nicht zur Welt. Die Debatte ergab ein Tohu wabohu der Meinungen, und wenn wir die klaren Darlegungen des Herrn Nachod einen Augenblick bei Seite lassen, so war das Resultat sehr matt und große Ermattung. Dies das Vorspiel. Nun kamen die Sitzungen; da äußerte sich überhaupt nicht selten eine ganz unbegründete Animosität der deutschen gegen die Pariser Leitung, und der Ruf deutscher Höfltchkeit ist jedenfalls durch die Verhandlungen nicht gewachsen. In der Frage der Organisation wurde nichts erreicht als eine höfliche Redensart des Centralcomits's, und selbst diese mag nicht allen deutschen Mitgliedern — überraschend gekommen sein; „ein bisserl Falschheit ist alleweil dabei." Darüber bestand in Paris auch unter den deutschen Mitgliedern kein Zweifel, daß nichts Positives erreicht worden ist und Lewy wird sich erinnern, dies öfters selbst ausgesprochen zu haben. Für die Organisation der deutschen Judenheit lst der Gemeindebund der passende Boden; die Verfassung der Alliance soll nicht gestört und erschüttert *3 Das ist allerdings der Sitz des Nebels, und es ist schon bei dem ersten Auftauchen der Idee einer deutschen Allianz m dem Leitartikel „die Alliance Jsr. und der Gemeindetag" in Nr. 4—5 des ersten Jahrgangs (1870) der Jsr. Wochenschrift auseinander gesetzt worden, warum aus diesem Grunde wohl in Frankreich, aber nicht in Deutschland eine Centralisirung jüdischer Interessen möglich sei Red.