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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-02 · N° 40. (2.10.1878) · p. Seite 312

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 40. (2.10.1878)
Date
1878-10-02
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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— 312 — Wir glauben, daß es nur dieser Anregung bedarf, um Sie zum Anschluß an den Bund zu veranlaßen und hoffen in naher Zeit Ihre Beitrittserklärung entweder direkt oder durch einen unserer hier unten*) verzeichneten Herrn Delegirten zu erhalten. Der Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes. Jacob Nachod." Wir stimmen diesen Ausführungen aus ganzem Herzen zu. Der neuorganisirte Gemeindebund resp. sein Ausschuß hat gezeigt, daß er es recht wohl versteht, mit vorsichtiger Vermeidung aller religiösen Differenzpunkte eine Menge hochwichtiger gemeinsamer Gemeindeangelegenheiten in Angriff zu nehmen, um sie einer praktischen Lösung entgegenzuführen. Wenn Letzteres aber mit größerem Erfolg geschehen soll, dann muß der Gemeindebund auf breiterer Grundlage dastehen, dann müssen viel mehr Gemeinden sich ihm anschließen, ob orthodox oder neolog, ist hierbei ganz gleichgültig, dieses Partei» schibolet hat mit den Aufgaben des Gemeindebundes gar nichts zu schaffen, denn diese letzteren umfaßen das Ver w altungs-, Pensions» und Unterstützungswesen, die Vertretung nach Außen, das Eintreten für das gute Recht und die Gleichberechtigung des Judenthums, die Abwehr von Angriffen u. dgl. m., lauter Angelegenheiten, die viel wirksamer durch eine Verbindung vieler Gemeinden durchgeführt werden können, als von einer einzelnen. Das bedarf doch wahrlich nicht erst eines besonder« Beweises. Nur der hochgradige Jndiffirentismus oder der blinde Fanatismus sieht das nicht ein, will es nicht einsehen. Der letztere wühlt gegen den Gemeindebund, weil Spaltung und Zerklüftung der Gemeinden seine Parole ist. Gerade darin sollten die Gemeinden einen Sporn mehr erblicken, zur Verfolgung gemeinsamer Interessen sich enger aneinander zu schließen. Mögen die schönen und erhabenen Worte, die wir an unseren hohen Feiertagen inbrünstig beten: riPIK rHUK üb"0 Wl „daß sie alle einen Bund bilden" von den israelitischen Gemeinden in Deutschland in Bezug auf den „Gemeindebund" beherzigt werden und obige „Ansprache" des wohlgemeinten Zweckes nicht verfehlen. *) Verzeichniß der bis jetzt ernannten Delegirten: 1) Landrabbiner vr. Adler in Cassel. 2) Rabbiner vr. Bäck in Lissa. 3) Rabbiner vr. Bamberger in Königsberg. 4) Obergerichtsanwalt vr. Benfey in Hannover. 5) Prediger Blumenau in Bielefeld. 6) Prediger Blumenfeld in Essen. 7) Gemeindevorsteher H. Bernhard in Colberg. 8) Rabbiner vr. Frank in Cöln. 9) Kaufmann Moritz Frankel in Würzburg. 10) Gemeindevorsteher A. Isen st ein in Hildesheim. 11) Oberlehrer I. Klingenstein in Ober-Ingelheim. 12) Rabbiner vr. Landsberg in Liegnitz. 13) Gemeindevorsteher L. Löwenbach in Paderborn. 14) Gemeindevorsteher Menke in Münster. 15) Rechtsanwalt Metz in Pr. Minden. 16) Repiäsent.-Vorsitzender W. Oppenheimer in Nordhausen. 1?) Rabbiner vr. Rahme r in Magdeburg. 18) Hr. S. L. Rosenblatt in Stadt-Lengsfeldt. 19) Rabbiner vr. Rothschild in Alzey. 20) Gemeindevorsteher E. Rothschild in St. Oldendorf. 21) Gemeindevorsteher Spanier-Herford in Braunschweig. 22) Rabbiner vr. Werner in Danzig. 23) Gemeindevorsteher Moritz Wolfs in Bernburg. Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Stettin, 24. September. Im vorigen Jahre habe ich der 50. Versammlung der deutschen Naturforscher einen Leitartikel gewidmet (Nr. 40 vom 3. Octob. v. I.) und darin die Vermukhung ausgesprochen, daß di: Verhandlungen in München wohl einen Wendepunkt in der mächtigen Strömung des Geistes nach der Richtung des Materialismus und des Darwinismus hier bezeichnen würden. Es lagen uns damals nur die kurzen Berichte der politischen Zeitungen vor; seitdem ist namentlich die Rede Virchows viel gelesen und besprochen worden, sie! hat weit über Deutschlands Grenzen hinaus Beachtung gel funden und tiefen Eindruck gemacht; wir glauben uns iu unsrer Prognose nicht getäuscht zu haben. Der apodiktische Ton, mit dem die Descendenztheorie als unumstößliche Wahrheit vorgetragen wurde, ist herabgestimmt, das Verlangen, sie in der Schule zu lehren, als Grundlage alles Erkennens, Wissens und — Lebens in die Praxis einzuführen, ist ziemlich verstummt. Es ist ein Rückschlag eingetreten. Einige Vorträge bei der eben beendeten Kaff eler Naturforscher-Versammlung bahnen in anderer Weise ebenfalls eine Umkehr an. Professor Oscar Schmidt aus Straßburg sprach über das Verhältniß des Darwinismuszur Sozialdemokratie, wies nach, daß die Sozialdemokratie die darwinistischen Lehren, wo sie sich auf dieselben berufen, nicht verstanden habe, und demnach die Feinde der Deszendenzlehre keinen Grund hätten, über den Virchow'- schen Hinweis auf den Zusammenhang beider zu frohlocken. Als Schlußglied der gesellschaftlichen Entwickelung, vom ersten thierischen Einzelleben bis zur Epoche des die arbeitende Klaffe ihrer Selbstständigkeit beraubenden Maschinenbaues, wird von den Sozialdeinokraten der sozialistische Staat hiugestellt, während ein Blick auf die Tdierwelt lehrt, daß hier sozialistische und kommunistische Zustände, in den Stockbildungen der Pstanzenthiere gipfelnd, gradeindenallerniedrigstenEntwicklungsstufen am ausgbildetsten sich vorsinden. Die sozialistische Ansicht, welche einen logischen Zusammenhang zwischen dem Entwickelungsgange in der Natur und den socialdemokratischen Lehrgebäude zu finden behaupte, würde durch die Klarlegung des Entwickelungsganges in der Natur in ihrer ganzen Unzuverlässigkeit dargestellt. Dieser Entwick^- lungsgang ziele auf eine Auslese des Besten, und zeigt einen steten Kampf, in welchem viele der Kämpfer sich fügen und gänzlich umprägen u. s. w. — Wir lassen diese Erörterungen auf sich beruhen, aber wie fragen: soll nun die Bildung oder Umbildung, bzw. der Umsturz unsres ganzen bisherigen gesellschaftlichen, sittlichen, staattlichen, und bürgerlichenLedens,unsrerEriverbs-, Eigenthums-, Besitzverhältnisse, der Bejahung oder Vsrneinung solcher subtilen, abstrusen, d. h. dem Jde-m- und Jnterreffenkreise der ungeheuren Mehrzahl der Menschen fern liegenden wissenschaftlichen Dlsquisitionen abhängig gemicht werden? wir sollen unsere bisherige Moral und Sozialpolitik, wir sollen Kirchen und Schulen belaßen, wie sie sind, oder radikal umstoßen, je nachdem die Gelehrten sich über die Slockbildungen der Pfllanzenthiere schlüssig gemacht haben werden? Dann sprach weiter Prof. Hüter. Er glaubt auch die Forderung Virchows und der Münchener Versammlung, es sollte sich der wissenschaftliche Lehrer möglichst entsubjektivisiren und uur das lehren, was allgemein anerkannte'Wahrheiten seien, als undurchführbar zurückweiseu zu müssen. Vi r - chow scheine ihm auch die Menge der objektiven Wahrheiten als viel zu bedeutend anzusehen, indem er als Kriterium für solche die Menge der dasselbe Lehrenden ansehe. Denn oft wäre etwas als unumstößliche Wahrheit gelevrt worden, was bald darauf von Neuem diskutirt und schließlich ganz verworfen sei. — Das Bekenntniß nimmt dem Werthe und der Würde der Wissenschaft nichts; aber es ist ein weiterer Rückschlag gegen dies überquellende Selbstgefühl des „wir wis sen

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