Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 39. (25.9.1878)
- Date
- 1878-09-25
- Page
- Seite 306 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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berechtigte sociale Stellung uns Schritt für Schritt mühsam zu erkämpsen und glaube ich deshalb diesen Fall nicht ».'erwähnt lassen zu sollen. Im Januar d. I. wurde ich von der hiesigen Stadtverordnetenversammlung zum Mitglied des Curatorinms des städtischen Progymnasiums gewählt, die Bestätigung der Wahl jedoch von dem Provinzial-Schulcollegium unter dem Hinweis darauf verweigert, daß die Schulanstalt eine christlich evangelische sei und demnach der Gewählte als Bekenner mosaischer Confession nicht für qualificirt erachtet werden könne, dem Schulvorstande anzugehören. Nachdem eine Neuwahl trotz vielen Drängens des Magistrats und der Minorität der Stadtverordnetenversammlung von der Majorität der Letzteren verweigert morden war, beschloß diese vielmehr gegen die Entscheidung des Provinzial Schulcollegiums Verwahrung einzulegen und in eingehender Erörterung des Falles beim Cullus- Minister behufs gegentheilige Entscheidung und Bestätigung der Wahl vorstellig zu werden. Auf die demzufolge von der Majorität der Versammlung an den Cultusminister gerichtete Eingabe ist nunmehr von Letzterem die Aufhebung der be treffenden Entscheidung des Provlrzial-Schulcollegiums erfolgt und die Bestätigung meiner Wahl angeordnet worden. Adolph Rosendorsf, Kaufmann. (Es ist schon oft vorgekommen, daß Juden, die zu Mitgliedern des Vorstandes einer öffentlichen Schule erwählt waren, nicht bestätigt wurden; solche Angelegenheiten haben auch den Landtag mehrfach beschäftigt. Seit Falk Minister ist, ist aber die Bestätigung immer erfolgt. Daß gerade das p o m m e r s che Provinzial-Schulcollegiuin den veralteten Standpunkt festzuhallen sucht, ist nicht auffallend. Red.) Aus Eisenach 15. Sept. (Or Corr.) Nach langer Unterbrechung läßt sich endlich aus dem Gemeindeleben der hie sigen Synagogengemeinde wieder Etwas berichten. , Z)as Schnlerzensklnd der Gemeinde, dieser Gegenstand mehrjährigen Hin- Herberichtens, Herüber- und Hinüberdispunrens. das neue Gemeindestatut, hat endlich Fleisch uiit> Blut bekommen; es ist die landesherrliche Genehmigung zu Theil geworden. Reisen ist oft ein Mittel, von manchen Gebrechen zu heilen. Man kann aber nicht behaupten, daß das viele Hinüber- und Herüberwandern diese Wirkung an diesem aus mehrfachen Gemeindeberalhungen hervorgegangenen Erzeugnisse v o l l - ständig geübt hätte; es hat sich einen Theil seiner Mängel trotz alledem bewahrt. So ist z B. die Bestimmung, daß Gottesdienst nur an Sabbath- und Festtagen, an Wochentagen aber nur bei Jahrzeitsällen staltfinben soll, für ein israel. Gemeindestatut sicher einzig in seiner Art; eben so der Passus, welcher den Unterricht in der Religionsschule aus Religionslehre, bibl. Geschichte, hebr. Lesen uild Gebelü''ersetzen beschränkt. Der langjährige Kampf des Landrabbiners gegen einzelne Bestimmungen dieses Statute läßt sich daher sehr leicht erklären. Indessen ist die Wahl der Repräsentanten durch gegenseitiges Entgegenkommen so ausgefallen, daß die gemäßigte Partei sich mit der gegenüberstehenden in Stimmengleichheit bestndet. Wenn dieses eine friedliche Richtung kennzeichnet, so darf man wohl hoffen, daß diese Sliömung vorherrschend bleiben und eine gedeihliche Entwickelung der Gemeindeverhältnisse, so wie ein harmonisches Zusammengehen mit dem Landrabbinate ermöglichen werde. Dann werden die in den Statuten enthaltenen, dem jüdischen Geiste nicht zusagenden Bestimmungen sich mit der Zeit auch abändern lassen. Die Intelligenz und Gewissenhaftigkeit der gewählten Repräsentanten berechtigen zu der Ueberzeugung, dieielben werben sich stets die Erkennlniß gegenwärtig halten, daß sie nicht die Vertreter einer Partei oder eines Einzelwillens, sondern die Gesammtgemeinbe sind. Das läßt uns hoffnungsvoll der Zukunft entgegengehn! Oesterreich. F. Wien, int Juli. (Or. Corr.) (Das israelitische Blindeninstitul.) Israelitischer Wohllhäligkeitssinn und israelitische Nächstenliebe sind so allgemein anerkannt, daß wir uns nur dann genölhigt sehen von ihnen zu sprechen, wo sie uils in durchaus überwältigender und wahrhaft rührender Form entgegentreten. Ern solch reines und erhabenes Denkmal menschlicher Tugenden ist aber das israelitische Blindeninstitut in Wien. Lassen Sie mich die Eindrücke, die ich dort empfing, in Kürze schildern, zur Ehre der Gesammlheit und vielleicht dem Einzelnen zum Segen. Das Institut wurde von dem Dichter Ludwig August Frankl ins L den gerufen und der menschenfieuubliche Baron Königswarter errichtete dem Uitglück einen Palast. Inmitten eines wundervollen Gartens erhebt sich das sch oßähnliche Gebäude, dessen sinnreiche Einrichtungen seinem Zwicke auf's Genaueste entsprechen. Frei, lich muß man zugestehen, daß sich nicht oft Männer findendie ihren Stolz darin setzen, solch einen Bau für solchen Zweck herzugeben Aber noch weit weniger wird man Männer finden, die ihr Genie in den Dienst der Unglücklichen stellen werden, das aber ist das größte Verdienst dieser Anstalt. Sle bat einen genialen Leiter in der Person ihres Directors, Herrn S. Heller gefunden, der jeder glänzenderen Laufbahn ein stilles, segensreiches Wirken, an dieser Stätte vorgezogen hat, und segensreich ist dieses Wirken. Er leitet, nur von einem Hülfslehrer und von einer Kindergärtnerin unterstützt, die Erziehung und den geistigen Unterricht der Kinder, mit denen er in inniger Gemeinschaft in wirklichem Familienverhältniß lebt. Dre Kinder werben gleich Seheiiden in allen nur wünschenswerthen Fächern unterwiesen. Der Lehrstoff giebl die Anleitung zu eigner Thätigkeit, selbstständigem Denken und Schiffen. Wie dies geschieht, will ich nur an einzelnen Beispielen zeigen. Die Kinder lernen die sogenannte lateinische Schrift und Brahil'sche Punktirschrift, eben so fließend schreiben als lesen Mit gleicher Geläufigkeit lernen die Kinder aber auch das Hebräische lesen und übersetzen. Dient also schon die Lektüre dazu, den Geist der Kinder zu befruchten, die Phantafie auzuregen und den Willen zu stärken, so werden auch die anderen Fächer, beispielsweise Naturgeschichte und Geographie, in gleichem Sinne gelehrt. Um den Kindern von dem Wachsthum und Gedeihen der Pflanzen ern, bis zur Augenscheinlrchkeit gehende Vorstellung zu geben, läßt der geistvolle Lehrer von den Kindern selbst Samenkörner von ein und derselben Pflanze in bestimmter Menge säen, die sie dann Tag um Tag nach einander wieder herausgraben; so verfolgen die Kinder den Entwicklungsprozeß vom ersten Keimb ättchen bis zur Blüthe und zum neuen Samen. Jeder neue Begriff, jede gewonnene Anschauung wird iu ihnen zur lebendigen Vorstellung, indem man sie anleitet, das Geschaute durch Modelliren selbstständig zu reproducireii. Fast ebenso überraschend wie die Erfolge, die diese anschauliche Methode in der Naturgeschichte erringt, sind die Kenutnisse in der Geographie und Geometrie. Jede hierzu nöthige Zeichnung wird von den Kindern selbstständig nach einer höchst genauen Angabe des Lehrers angeferligt. So giebt ein jeder Gegenstand Zeugiliß von dem regen Geiste des genialen Leiters dieser Anstalt; aber am schönsten und lichtigsten offenbart er sich in seinen Zöglingen. Es ist charakteristisch für Lehrer und Schüler, daß einer von diesen auf die Frage, woher er Dieses oder Jenrs wisfl, rasch und freudig zur Antwort gab: „seitdem ich hier bin, sehe ich ja." In der Thal, diese Kinder sehen, und zwar mit dem durch wahre Herzensgüte und seltene Fähigkeiten ausgezeichneten Geiste ihres Lehrers und Leiters. Sie sehen das Leben, wie er es ihnen zeigt, Natur und Menschen in schönster Vollkommenheit und Harmonie. Die soiistige Eintheilung in diesem Institute entspricht ebenfalls der best geordnetsten anderer. Jede Stunde ist einer bestimmten Beschäftigung gewidmet. Der Vormittag den Wissenschaften, der Nachmittag den Handarbeiten. Zu diesen letzteren gehölt außer Bürstenbinden, jeder Art Flechtwerk, auch Weben, Häkeln, Filiren, Maschinennähen. Die Kiilder haben Gelegenheit, bei fleißiger und sauberer Arbeit schon während des Aufenthaltes im Institute ein kleines Vermögen zu erwerben, so daß sie bei ihrem Austritt in jeder Beziehung in Stand geletzt siild, sich selbstständig zu ernähren. Em jeder, der das Glück gehabt hat, diese Stätte unaussprechlichen Se-