Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 39. (25.9.1878)
- Date
- 1878-09-25
- Page
- Seite 305 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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305 — sollten, verschwinden wollen. An diesen Aufsatz nun wurde ich lebhaft eninnert, als ich dieser Tage zufällig in dem „Handu. Hülfsbuch für den Unterricht im deutschen Aussatze u. s. w. von Dr. W. Sommer, Director. des Lehrerinnen Seminars zu Paderborn. 6. vermehrte Auflage, Cöln 1876" blätternd, mein Auge auf eine Stelle fiel, die es wirklich verdient, zu Nutz u. Frommen aller Derer, die es angeht, mit dem entsprechenden Commentar natürlich reproducirt zu werden. Auf S 176 sieht die Ausgabe: „Die Temuth, der Weg aus der Tiefe in die HöheGleich in der Einleitung heißt es denn: „Es gibt eine Tugend, die so ganz und gar der Religion Jesu Christiangehört, daßdie Völker vor Christus nicht einmal einen Namen dafür hatten, die Demuth ..." Also, verehrter Herr Director, die Völker vor Christus hatten nicht einmal einen Namen für dieDemuth? Das ist doch wohl Ihr Ernst nicht? Sie, der Sie so bibelfest sind und bei jeder Gelegenheit die Bibel citiren, kennen beispielsweise doch wohl die Stelle Numeri XIl, 3: Und der Mann Moses war sehr demüthig, mehr als alle Menschen auf der Fläche des Erdbodens). Nach einem weit verbreiteten Vorurtheile aber soll der Pentateuch einige Zeit v. Ehr. entstanden sein. Oder, um noch mit einem zweiten Beispiele aufzuwarten, so sind Ihnen ja die Sprüche Salomonis (ebenfalls wie man sagt eine vorchristliche Production) auch nicht fremd. Darf ich Sie bitten. Kapitel 8, Vers 13 aufzuschlagen? Ich lese da in meinem Exemplar, das den Urtext mit lateinischer Jnterlinearversion enthält: Timor domini (est) habere odio malum: superbia in et elationem et mal am viam et os perversitatum odivi. Die Folgerung aus diesem Verse darf ich Ihnen wohl überlassen Oder wollen Sie eine direcie Empfehlung der Demuth? Auch damit kann Ihnen die Salomonische Weisheit dienen. Jbid. 18, 12 heißt es: Vor dem Bruche wird des Menschen Herz stolz, Der Ehre aber geht die Demuth voran, oder 22. 4: Der Lohn der Demuth ist Gottesfurcht, Reichthum, Ehre und Leben. Doch es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich mich noch länger mit der Widerlegung einer absurden Behauptung abgeben, die in der That von jedem Blatte des jüdischen Schriftthums zu Schanden gemacht wird Unverständlich bleibt nur, wie ein Mann wie der Verfasser des vorliegenden Buches sie hat thun können. Wir vermuthen beinahe, er habe sich unter seiner christl. Demuth etwas ganz Apartes, etwas ganz Anderes vorgestellt, als was durch anawah, humilitas etc bezeichnet wird. Vielleicht denkt er gar an die Vorschrift, welche dem Christen gebietet, „so dich Jemand auf die eine Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin." Das wäre allerdings eine Demuth, die hinaus ginge über das, was man mit anaw, humilis etc., und letzen wir hinzu, die deutsche Sprache im gewöhnlichen Leben mit „demüthig" ausdrückt. Es wäre denn von dieser Art Demuth, daß der Verfasser behauptete, „sie gehöre der Religion Je,u Christi an." „Der Religion I Chr.?" Doch wohl dem persönlichen Character des Religionsstifters allein? Oder hätte sie auch Wurzel gefaßt, unter den Bekmnern der Religion Christi: Ich muß gestehen, daß man heutigen Tags und auch in der verflossenen Geschichte der christl Rationen spottwenig davon merkt. Oder hat der Verfasser je die Erfahrung gemacht, daß z. B. in der ganzen preuß. Armee sich ein Officier befindet, der auf die geringste Verbalinjurie, geschweige denn auf einen Schlag in's Gesicht nicht sofort mit einer Herausforderung zum Zweikampf auf Tod und Leben antwortete? Oder kennt er einen Priester der christl Religion, der die Selbstverläugnung bis zu dem Grude der neuiestameutl. Vorschrift triebe? Wir glauben nein. Eine solche Demuth bleibt ein Ideal, das zwar eine gewisse Geltung haben kann, aber für das practische Leben nichts taugt. Auch der Talurud stellt ein ähnliches Ideal auf, das aber viel gemäßigter klingt und in dieser gemäßigten Form sicherlich schon von vielen unseres Volkes verwirklicht worden ist. „Die da geschmäht werden," heißt es an einer Stelle, „abernicht wieder schmähen, die ihre Schmach mit anhören, aber nichts erwiedern, die die göttliche, Gebote aus Liebe erfüllen und sich freuen mit den Züchtigungen, die Gott ihnen schickt, von diesen heißt es: „und seine (Gottes) Freunde werden dereinst strahlen wie die Sonne, wenn sie in aller Macht ausgeht." Das ist jüdisches Ideal, das ist anawah im edelsten u. weitesten Sinne, das ist jüdische Demuth, von welcher unser Verf. so unverfroren behauptet, daß sie nicht einmal dem Namen nach vor Jesus Auftreten bekannt gewesen sei. Ihr Eifer, Herr vr., hat Sie zu dieser unwahren Behauptung verleitet. Wir sind es zwar schon längst gewohnt, daß Viele unserer christl. Freunde alle menschlichen Tugenden für das Christenthum in Anspruch nehmen, daß sie fortwährend von christl. Liebe, christl. Erbarmen, christl. Milde u. s. w. reden, wobei sie sich denn denken müssen, daß diese Eigenschaften von Christen gepflegt, eine Maare von Prima-Qualität seien müssen, jüdische oder türkische Liebe hingegen schon mehr Schund oder Ramsch; aber daß Jemand eine so dreiste Behauptung in die Welt geschickt hätte, wie das unser Verf. gelhan hat, das ist nns in unserer Paxis noch nicht vorgekommen. Hannover, 15. September. (Or.-Corr.) Im vorigen Monat verstarb hiersetbst in seinem 65 Lebensjahre .der Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr Hartwig Alexander. Derselbe war ein angesehener Bürger hiesiger Stadt, geachtet und geehrt auch von seinen christlichen Mitbürgern. Für die Gemeinde war er fast ein viertel Jahrhundert überaus.thätig und verliert diese an ihm einen Mann, der für alle Gemeindeeinrichtungen, für ihre religiösen und wohlthätigen Institute sich mit echt jüdischem Herzen und mit ganzer Seele lebhaft interessirte, auch ihnen seine gewisienhafte Sorgfalt widmete. So war er auch als Vorsteher des Talmud-Thora- Vereins und hat ihm die Unterhaltung und Erziehung dreier armer' Knaben abgelegen, welchen er in Wahrheit ein Vater gewesen; denn er hat nicht allein für deren sorgfältigste Pflege und Erziehung in ihrer Kindheit Sorge getragen, sondern sich auch für dieselben in ihren späteren Jünglingsjahren interessirt. Der Dahingeschiedene war in jeder Beziehung in Gemeinschaft mit seiner Gattin überaus wohlthätig und so haben auch seine Söhne, dem Wunsche des Vaters nachkommend, den Wohlthätigkeits Verein der hiesigen Synagogen- Gemeinde mit einem Geschenk von 1200 Mark bedacht. Das große Gefolge beim Leicheubegängniß aus allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung zeugt von der hohen Achtung und Liebe, die der Heimgegangene sich erworben. Sanft ruhe seine Asche! — Herr Kusel, erster Procurist in dem Bankhause Ad. Meyer hier, feierte gestern sein 50jähriges Jubiläum als Mitglied des Personals dieser Firma, nachdem er kurz vorher seinen siebzigsten Geburtstag begangen hatte. Er hat zu jenem Feste den Kronenorden erhalten, der ihm vom Polizeipräsidenten v. Brandt mit einer sehr schönen Ansprache überreicht wurde; auch sonst sind dem ehrenwerthen Manne vielfache Ovationen von Corporatwnen und Privaten zu Theil geworden. An dem von den Inhabern der Firma Ad. Meyer zu Ehren des Jubilars veranstalteten Festmahle nahmen auch der Stadtkurector Rasch, der General v Slicher, der Geheime Negierungsrath Karinarsch, Professor Oesterley und andere hervorragende Persönlichkeiten Theil. Der erste Toast wurde von dem General v. Slicher auf Se. Majestät den Kaiser ausgebracht. Hieran reihete sich ein von Herrn Cowmerzienrath Siegmund Meyer dem Jubilar und von Herrn Emil Meyer der Familie deflelben gewidmetes Hoch. Auf Ersuchen dec Jubilars sprach alsdann im Namen desselben Dr. Wiener dessen Dank aus und toastete, an das Dichterwort: „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn" anknüpfend, auf die jetzigen Chefs der Firma Ad. Meyer. Gartz a/O., 15. September. (Or.-Corr.) Ein Vorfall, der sich hier ereignet hat, legt wiederum Zeugniß dafür ab, wie wir Juden gezwungen sind, das Terrain für die gleich-