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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-09-25 · N° 39. (25.9.1878) · p. Seite 304

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 39. (25.9.1878)
Date
1878-09-25
Page
Seite 304 (sequence 2)
Language
German
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— 304 — tom der Besserung zu erkennen Es bemächtigen sich dieses Strebens nach einer Wiederherstellung der Religion zu viel unsaubere Elemente. Wir werden dies erkennen, wenn wir betrachten, was das abgelaufene Jahr in der Geschichte der Juden, zunächst der Deutschen, charakterisirt. Das Schüren des Hasses gegen Juden hat im verwichenen Jahre (hoffentlich) seinen Höhepunkt erreicht. Es wäre unnütz an Einzelheiten erinnern zu wollen. Ultramontane, Christlich-soziale, Racenfanatiker und Judenfeinde sans frace haben um die Wette an Bitterkeit, Gehässigkeit und Verlogenheit das Aeußerste geleistet. Nobiling, der Sprößling einer alt- und frommchristlichen Familie, soll ein Jude gewesen sein; ein evangelischer Landpfarrer schmäht Lasker, daß er sich überhaupt um Staatsangelegenheiten kümmere, Juden sollen nur mit Ziegenfellchen handeln; in ähnlicher Weise schmäht man die Juden, welche studiren, Referendare und Rechtsanwälte werden. Juden sollen nnr mit Lumpen trödeln oder Geld verleihen, damit man sie noch bequemer der Verachtung und dem Haffe preisgeben kann; Hofprediger entblöden sich nicht, sich mit den armseligsten Subjecten zu verbünden und zu verbrüdern und in der sogenannten Metropole der Intelligenz, Menschen wie Grüneberg als Reichstagskandidaten aufstellen zu lassen und so noch vieles Andere. Alles dieses entweder um angeblich die Jntereffen der Religion durch Judenhaß zu fördern oder durch Judenhaß Parteiinteressen zu verdecken. In diesem liegt nun freilich die Begründung unseres Satzes, daß zunächst für die Hebung des wahrhaft religiösen Lebens noch keine rechte Aussicht ist. Dagegen habenwir nach einer anderen Seite hin Ursache diesen Rückblick nicht mit trüben, eher mit erfreulichen Aussichten abzuschließen. Wie schon bemerkt, dürfte die Judenhetzerei in der That den Höhepunkt erreicht und überschritten haben; cs ist wirklich nicht abzusehen, was, so lange es eben bei schriftlichen Aeußerungen der Gehässigkeit bleibt, noch eben Schlimmres geleistet werden könnte. Das neue Gesetz gegen Untergrabung der staatlichen Ordnung lund Störung des öffentlichen Friedens, wie es sich auch immer im Einzelnen gestalten mag, wird für uns eine mächtige Schutzwehr bilden; denn es steht zu hoffen, daß die Strafandrohungen sich nicht nur nach einer Seite hin richten werden. Wenn dann ebenso manchen Namenjuden gewährt werden wird, andere Religionen in ihren Witzblättern zu verhöhnen, so kann uns dies in jeder Hinsicht nur sehr erwünscht sein. Das Fiasko, welches die christlich-soziale Partei gemacht hat, ist ein so vollständiges, daß sie das Haupt nicht wieder erheben wird, gegenüber 82,000 Stimmen, welche für die Liberalen und 55,000, welche für die Sozialdemokraten abgegeben wurden, brachten es jene Hofprediger mit ihrem ganzen Schweif und Anhang auf 1300. Das wirklich Erfreuliche, aber vielleicht das einzig Erfreuliche, was das Jahr gebracht hat, steht auch wieder mit der Geschichte der Juden in Verbindung. Mag das ganze Werk des Berliner Congreffes sich als eine taube Frucht zeigen, Eins wird nicht ganz verwelken und verwehen. Alle europäischen Mächte, selbst Rußland nicht ausgenommen, haben mit den unzweideutigsten Worten das Prinzip der Rechtsgleichheit der Bekenner aller Religionen als ein Grundgesetz in der europäischen Staatenfamilie anerkannt; sie haben ausgesprochen, daß sie den Eintritt in diese Staatenfamilie von der Anerkennung dieses Prinzips abhängig machen. Mag der Weg vom Prinzip zur vollen Thatsächlichkeit noch ziemlich weit sein; weit ist überall der Weg von dem Keim bis zu der reifen Frucht. Und wir haben hier doch einen lebensfähigen Keim, den das Jahr 5638 gelegt hat. Und so haben wir immerhin Ursache auch ihm ein freundliches Fahrewohl nachzurufen und dem kommenden hoffend entgegenzusehen. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin W., den 19. September. Zur Reorganisationsfrage der All. Jsr. Univ. muß ich zu meinem Bedauern in Folge der Entgegnung des Herrn Dr. Landsberg nochmals das Wort erbitten. Derselbe fühlt sich durch meine, lediglich mit Angabe feststehender Thatsachen unterstützte Wlderlegung einer falschen Berichterstattung in einem hiesigen Blatte, betreffend die Beschlußfassung der Alliance in der Organisationsfrage, provocirt. In wie weit Herr Or. L. dazu Veranlassung hat, ist mir unerfindlich; ihn für den Verfasser oder Veranlaffer jener Berichterstattung zu halten, das müßte mir schon die Achtung verbieten, die ich Herrn Dr. L. gerne zolle, wenn auch unsere Ansichten in Betreff der Allmnce- Organisation auseinander gehen. Eme Selbstberäucherung, wie sie dann in dem fraglichen Artikel sich darstellen würde, setze ich bei einem Ehrenmanne nicht voraus. Leider ist aber dem vr. L. bei seiner Widerlegung, nach dem Ausspruche unserer Weisen: bhzh X2bbzb xn mns» der Jrrthum passirt, die Memungsäußecungen in etiur privaten Vorbesprechung in der Wohnung des Herrn Prof. Dr. Graetz, an welcher Herr Rachod-Leipzig und Herr vr. Rippner Theil nahmen, auf die drei Tage später staltgefundene Sitzung der Alliance zu übertragen, von welcher allein nur in meiner Berichlung die Rede war. Daß Tausende seine Meinung theilen, ist möglich, aber nicht erwiesen; jedenfalls werden doch aber diejenigen — ich habe ja auch das Recht sie Tausende zu nennen — welche der Meinung sind, daß die bestehende, unter ganz anderen Verhältnissen geschaffene Organisation der Alliance, der Verbesserung bedürftig ist, wohl um so mehr fordern können, nicht mrl perfiden Anklagen, von Trennungsgelüsten verdächtigt zu werden, als die Mitglieder des Centrat-Comiläs zu Paris selbst die Nothwendigkeit einer Reorganisation anerkannt haben. Ich halte hiermit für meine Person die Discussion geschloffen und werde weitere Bemerkungen unbeachtet taffen. Ll. 6l. L. Leipzig. Aus dem Protocoll der Sitzungen des Ausschuffes des deutschsisraelit. Gemeindebundes im August und September theilen wir mit, daß Beschluß gefaßt wurde, behufs der Verbesserungen im Armenunterstützungswesen und in Betreff der Berücksichtigung des Sabbalhs rn den Volksschulen rc. eine Enquete einzuleiten. Zu Delegirten wurden ernannt die Herren Advocat Metz-Minden und L. S. Ros enbla t t -Stadt"Lengsfeldt. Einem Lehramtsaspiranten wurde ein Stipendium von M. 300 bewilligt, und von B. Hauje's Buch: „Die Aufnahme" eine Anzahl Exemplare zur Verbreitung übernommen. Dem Gemeindebunde sind neuerdings beigetreten: die Gemeinden Braun schweig, Dessau, Greifenbagen und Oberiugelheim. (Ueber eine vom Ausschuß soeben veröffentlichte „Ansprache" berichten wir in nächster Nr.) 0. W. Aus der Provinz Kassel. (Or Corr.) (Zum Kapitel der Schulbücher.) Neulich las ich in diesem gesch. Blatte einen Artikel über anstößige, gehässige Ausdrücke gegen Juden und Judemhum, die noch immer nicht aus Lehr- und Unterrichtsbüchern, die doch dem confessionellen Frieden dienen

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