Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 38. (18.9.1878)
- Date
- 1878-09-18
- Page
- Seite 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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300 — Bcrmischtc mit) neueste Nachrichte». Berlin. lieber den neu in den Reichstag gewählten Socialdemokraten Kays er gibt die A. Z. d. I. folgende Notizen. „Max K., der bei der Stichwahl in Fretberg in Sachsen die Mehrheit erhielt, ist der Sohn eines angesehenen jüdischen Hauses in Schlesien. Er ist jetzt 26 Jahr alt, und deshalb das jüngste Mitglied des Reichstages. Erzogen ward er zur kausniännischen Laufbahn, wandte aber dem Ladentische den Rücken und warf sich auf die Journalistik. Er hat weder Gymnasialnoch akademische Bildung, erwarb sich aber ein reichlich zusamnlengewürfeltes Wissen, nanientlich in der vokswirthschaftlichen Literatur und in der parlamentarischen Geschichte der letzten zehn Jahre. Er gehört also zu jener Klasse Literaten gewordener Commis, gegen welche neulichst Carl Gutzkow in seiner Broschüre „Dionysius Longinus" so scharfe Pfeile versendet hat. Er wurde zuerst in der entschlafenen „Demokratischen Zeitung" von Guido Weiß beschäftigt, kam dann zum „Dresdener Volksboten", der sich zur heutigen socialdemokratischen „Dresdener Volkszeitung" umwandelte. Schriftsteller ist Kayser nicht, aber gewandt im Styl und als Redner. Er kleidet sich gut, steht im Rufe eines Gourmands und sein Aussehen zeigt nichts vom „Elend des Volkes". Sein Emporkommen verdankt er nur dem großen Mangel an geistigen Kräften im Lager der Socialdemokraten. Sein Ideal ist Lassalle, dem er aber weder an wissenschaftlicher Begabung, noch ein Genie gleichkommt." — Wir wüßten übrigens nicht, warum wir über diesen Kayser ein Lamento anstellen sollten? — Warum denn so thun, als ob es uns Juden wirklich compromitliren könnte, daß unter einer Viertel-Million sich auch ein Socialdemokraten-Führer findet? Fühlen denn Ka- Iboltken und Protestanten sich blamirt, weil aus ihrer Schaar die übrigen Agitatoren u. s. w. hervorgegangen sind? Frankfurt a/M., 8 Septbr. Heute traf, empfangen an der Bahn von einer Deputation des israelitischen Gemeindevorstandes und der Ritualcommifiion, der neu ernannte Rabbiner der zweiten (orthodoxen) Gemeindesynagoge, Herr Dr. M. Horowitz. hier ein und wurde in seine festlich decorirte und erleuchtete Amtswohnung geleitet. Erfurt, 12. September. Der neue Friedhof der hiesigen Jsraelitengemeinde wurde vorgestern eingeweiht, die städtischen und die königlichen Behörden waren vertreten. Halberstadt, 12. September. Der Kaufmann M. S. Meyer (in Berlin, früher in Magdeburg) hat zum Andenken und zu Ehren seiner hier verstorbenen Eltern der hiesigen Stadt ein Capital von 15,000 M. zn einer Meyer'schen Stiftung vermacht, deren Zinsen alljährlich zur Hälfte jüdischen und zur anderen Hälfte christlichen hiesigen Einwohnern zugewendet werden sollen. Der Stifter hat die Bestimmung getroffen, daß zuerst vier unbescholtene Männer im 50. Lebensjahre je hundert Mark in vierteljährlichen Raten erhalten, der Zinsüberschuß soll angesammelt und das Capital so lange vermehrt werden, bis nach und nach 40 Einwohner eine Unterstützung erhalten können. Die städtischen Behörden haben die Schenkung angenommen. D. Aus dem Hannoverschen, 26. August. (Or.-Corr.) Die in einer Wahlversammlung zu Berlin gemachte Stöcker'sche Aeußerung in Betreff der Juden und Heiden veranlaßle mich, folgende Worte dem „Kladderadatsch" zuzusenden: Glück aus denn, ihr Juden und Heiden, Es harret ja eurer als Lohn, Müßt Himmel und Höll' ihr auch meiden, Zur Besserung — 'ne Zwischenstation! — Die Erwiderung an Herrn Prof. Du BoisReymond betreffend (Nr. 33 der Wochenschrift), so hätte ich den Herrn nicht so zart und mit Glacs-Handschuhen angefaßt. Man darf die Judenhetzerei, wie wir sie gegewärtig wieder erleben, nicht so ruhig hinnehmen. Ein altes Sprichwort sagt: man soll nicht warten und gleich bei dem Ales daraufschlagen. Przemysl (Galizien). Die Frage, ob die Bezeichnung „G oj" eine Ehrenbeleidigung involvire wurde jüngst vor dem hies. Bezirksgericht verhandelt. Der Schneider Salomo Flamm begrüßte den Bäcker Moses Ente an einem Sabbath mit den Worten: „Gut Schabbes, Mausche Goj." Der Bäcker der als „Scholet-Setzer" den zweifelhaften Ehrentiltel sich nicht gefallen lassen konnte, klagte. Der Angeklagte berief sich auf den Bibelvers (1 B. M.) (Verheißung an Abraham: „ich werde Dich zu einem großen Volke machen.") Das Gericht sprach den Schneider Flamm demzufolge frei. Budapest. Der erste „Jahresbericht der Landes- Rabbinerschule" ist erschienen; voran geht eine gediegene wissenschaftliche Arbeit des Prof. vr. W. Bacher: „Die Agada der babylonischen Amoräer." (Aus ersterem werden wir in nächster Nr. Mittheilungen bringen, letztere z. Z. im Literalurbl. eingehend besprechen ) Bombay. In Folge einer an die Richter gerichtete Petition sind die Jude n daselbst dispensirt worden, an jüdischen Sabbath- und Festtagen als Geschworene zu fungiren. Rom, 8. September. Gestern begab sich eine aus den Herren Alatri, Or. Zevi und Dr. Della Setta zusammengesetzte Deputation der italienischen Jsraeliten-Comitss zu Herrn Cairoli, dem Conseilspräsidenten, um demselben vor allem für die seitens der italienischen Regierung auf dem Berliner Congreffe zu Gunsten der rumänischen Israeliten gethanen Schritte zu danken und sodann eine Adresse puncto der von der rumänischen Negierung, nunmehr da es sich um die Ausführung der Berliner Beschlüsse handelt, erhobenen Schwierigkeiten zn überreichen. Der Ministerpräsident empfing die Deputation in der wohlwollensten Weise und machte derselben die Mittheilung, wie dem Anscheine nach Herr Cogalniceano, dessen Besuch den Mächten angekündigt worden war, auf die Durchführung der ihm zugedacht gewesenen Mission verzichtet habe. Haag. Das Haus, in welchem Baruch Spinoza 30 Jahre hier gewohnt (von 1652 bis zu seinem Tode) ist nach mühevollen Forschungen ermittelt und von Berthold Auerbach als zweifellos festgestellt worden; es ist Nr. 28 Pavillonsgracht an der Dublerstraat. Eine Gedenktafel wird demnächst daselbst angebracht werden. Rumänien. Cogalniceano weilt jetzt in Wien, er will dahin wtrken, daß den Juden vorläufig nur „Civilrechte" eingeräumt werden. — Eine Deputation vornehmer Israeliten führte vor einigen Tagen Beschwerde beim Minister Rosetti über diverse Hetzartikel der rum. Zeitungen, welche leicht zu Judenverfolgungen führen könnten. Der Mintster versicherte, daß er den Juden für die Sicherheit von Person und Eigenthum garanttre. Er erklärte bei dieser Gelegenheit, daß den Kammern ein Gesetz wegen Ertheilung der Civilrechte an die einheimischen und fremden Juden vorgelegt werden würde. Zur Erlheilung der polit. Rechte müsse jedoch eine Volksversammlung einberufen werden und zwar erst, wenn die Russen Rumänien ganz geräumt haben würden, etwa in 7—8 Monaten. Serajewo. Die lange Zeit gesperrten jüd. Bethäuser sind fett Elnzug der Oesterreicher wieder geöffnet und werden auch von jüd. Soldaten zahlreich besucht; die zur Thora aufgerufenen Krieger haben sümmtlich „gomel gebenscht" (den Dankspruch für Errettung aus Lebensgefahr gesagt) Der Rabbiner trägt allsabbathlich das Gebet für das österr. Kaiserhaus vor. Asien. Der General-Gouverneur von Samarkand hat die seit langer Zeit daselbst als Bankiers und Geldverleiher lebenden Indier, meist mosaischen Glaubens, ausgewiesen. Die» selben wollen nun nach Kaschgar übersiedeln, welches sich jetzt in chinesischen Händen befindet.