Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 38. (18.9.1878)
- Date
- 1878-09-18
- Page
- Seite 301 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 301 — Amerika. Das Hotel in dem Kurort Schooley Mountain, N. welches im vorigen Jahre 1a Hilton keine Juden zu beherbergen erklärte, wurde kürzlich schlechter Geschäfte und Schulden halber von Gerichtswegen gepfändet und wird wahrscheinlich unter den Hammer kommen. Jerusalem. (Or.'Corr.) Die Besitznahme der Insel Cypern von den Engländern ist auf die Preisverhältnisse unseres Victualienmarktes nicht ohne Einfluß. Eier, Hühner u. dgl., welche bislang aus Gaza hierher gebracht wurden, wandern nun maffenweise nach den cyprischen Städten, weil die Engländer sie natürlich viel besser bezahlen. Feuilleton. L. Aus der Pariser Weltausstellung.*) Jüdische Sehenswürdigkeiten. In dem großartigen, internationalen Raritätencabinet zu Paris, das sich „die Pariser Weltausstellung" benennt und in dem man tagelang, wochenlang schauend, bewundernd, lernend umherwandern kann, ohne mit dem Schauen, Bewundern. Lernen fertig zu werden, bildet die Ausstellung jüdischer Sehenswürdigkeiten im Trocadero in jenem Saale, der die Entwickelung menschlicher und besonders französischer Kunst von den ersten Anfängen bis auf die neueste Zeit zur Anschauung bringt, eine nicht wenig interessante Abtheilung. „Jüdische Sehenswürdigkeiten" sage ich nicht ohne Absicht; objets d’art religieux h^braiques „Gegenstände jüdisch-gottesdienstlicher Kunst" nennt sie nicht ganz mit Recht der Katalog, welcher gleichfalls ein Kunstwerk in seiner Art, eine ausführliche Schilderung der ausgestellten Gegenstände enthält, begleitet von den vortrefflichsten naturgetreuen Zeichnungen des Herrn Alfred G6rardin, die ihrerseits allein schon so sehenswerth sind, daß sie in die Ausstellung der Werke lebender Künstler ausgenommen worden sind. Die reichhaltige Sammlung von 82 Nummern, enthaltend alle Arten von allerhand auf das rein jüdische Leben im Gotleshause und in der Familie bezüglichen Gegenständen, von der heil. Lade ab bis zu den Verlobungsringen und dem Niechessenzbehälter am Jomkippur, ist das Product jahrelanger, opferfreudiger Thätigkeit eines Herrn Strauß, des Eigenthümers, wenn ich nicht irre, all der interessanten Dinge. Dieselben erregen nach manchen Richtungen hin die Aufmerksamkeit und das Nachdenken des Beobachters. Zunächst ist es, wie das Vorwort zum Katalog treffend hervorhebt, interessant zu beobachten, wie das Streben nach künstlerischer Gestaltung und Ausschmückung der Gegenstände des religiösen und häuslichen Bedürfnisses mit den biblischen Verbot „kein Bild und keinerlei Gestalt" zu schaffen, zuweilen sich abzufinden, zuweilen auch es ganz zu ignoriren verstanden hat. Der künstlerische Jnstinct wußte trotz der Strenge des Verbots sich Luft zu machen und brachte es, allerdings nicht ohne den Einfluß der Kuustthätigkeit der andersgläubigen Umgebung, zu einer ganz respectabeln Höhe. Zwar verwandte man in Folge der unsicheren, heimathlojen Lage der Juden, die jeden Tag bereit sein mußten, den Wanderstab zu ergreifen, um die liebgewordenen Siätten der Kindheit mit fremden zu vertauschen, den künstlerischen Eifer mehr auf leicht transportable Gegenstände, aber die „Alt-Neuschule in Prag**) und die Wormser Synagoge sind beredte Zeugen dafür, daß man den Gotteshäusern selbst auch in ihrem äußern Bau künstlerische Sorgfalt zuwandte. — Jndeß bezog sich die Kunstliebhaberei der Juden vorwiegend dennoch aus die leicht beweglichen Gegenstände des öffentlichen oder des häuslichen Cultus, besonders aber des letzteren. Jeder Israelit bewahrt wohl als theure *) Nachdruck verboten. **) Allen nach Prag reisenden Israeliten, die sich für die jüdischen Alterthümer dieser alten Stadt interessiren, können wir Podiebrad's „Alterthümer der Prager Josefsstadt" bestens empfehlen. Der Vers, schöpft aus den Quellen, die Darstellung ist zugleich unterhaltend. (Red.) Jugenderinnerung das Andenken an die Holzschnitte, welche an den Passah-Abenden, während der Vater mit den erwachsenen Geschwistern den Auszug aus Aegypten aus der sogenannten Hagada las, in demselben Buche die Phantasie des Kindes ebenso beschäftigten, wie das vor jedem der Tischgenossm stehende Weinglas und die mit allerhand seltsamen Dingen besetzte Seder-Schüffel des Vaters. Aus solchen mit Figuren bemalten Büchern zu lesen, nahm trotz des „zweiten Gebots" Niemand Anstoß, und auch die mit den wunderlichsten Karrikaturen Haman's, Ahasveros', Esther's und der anderen Helden der Esthergeschichte bedeckte Megilla las man nicht nur mit Behagen zu Hause den weiblichen Mitgliedern der Familie vor, sondern brachte sie auch ohne Scheu in die Synagoge und glaubte dem Gesetzte Genüge gethan zu haben, wenn das zur öffentlichen Vorlesung bestimmte Exemplar sich keusch solcher Bilder enthielt. Aber auch die Thora selbst, mit so streuger Aengstlichkeit man auch bis zum heutigen Tage sich bemüht, in ihrer Abschrift die althergebrachte Form der Schriftzüge mit allen Krönchen festzuhallen, auch sie blieb von Aeußernugen des Kunsttriebes nicht unberührt. Das Mäntelchen. in das sie gehüllt wird, die symbolische Krone, mit der sie geschmückt wird, die stlbernen und goldenen Schilder, mit denen sie behängen wird, der handförmige Zeiger, mit welchem dem Vorlesenden die vorzulesenden Zellen Wort für Wort vorgezeigt werden, die heilige Lade, der Aufbewahrungsort der Thora, der Vorhang derselben: alle diese Dinge bildeten eben so viel Gegenstände liebevoller, künstlerischer Pflege. Und man begnügte sich in der Wahl der Motive dieser Verzierungen nicht immer der hergebrachten symbolischen, oder sagen wir lieber jüdisch-heraldischen Zeichen, als da sind: die beiden Gesetzestafeln, die Gesetzeskroue, die Leuchter, die segnenden Hände des Priesters (als Zeichen für den Cohen, den Nachkommen Ahrons) Wasserkrug mit Becken, als Zeichen des Leviten (Symbol ihres Tempeldienstes), das geheimmßvolle Zeichen der beiden ineinander geschobenen Dreiecke (oas sogenannte Wappen David's); man schrak auch vor den bildlichen Darstellungen lebender Wesen nicht zurück. Anlaß dazu scheint seltener Weise der fromme Patriarch Jacob in seinem Segen gegeben zu haben, als er einzelne seiner Söhne mit Threren verglich. Das beweist noch der heutige Gebrauch, der Umwandlungen der weltlichen Namen Löd, Löbel, Löwe, Hirsch, Wolf in Jude, Naphtali, Benjamin u. A. Von der Benennung bis zur bildlichen Darstellung war nur ein Schritt. Noch ein Schritt weiter, und man war unvermerkt bei der Darstellung menschlicher Wesen angelangt. Die Opferung Isaaks war ein geeignetes Motiv, auch die Beschneidung Isaaks, letzteres besonders bei solchen Gegenständen, die auf diesen religiösen Act Bezug Hallen; nicht minder verwandte man die Gestalten Moses' und Ahron's zur Ausschmückung heiliger Gegenstände. Der gelehrte Verf. des Katalogs, Herr Georges Stenne, bemerkt mit Recht, daß mau bet solchen Darstellungen, um dem Buchstaben des Gesetzes zu genügen, es nreist vermied, das Antlitz deutlich auszuprägen, oder auch es vorzog, die Gestalten mit abgewendetem Antlitz darzustellen. __(Forts, folgt.) Hilferufe! Aus Ungarn. Durch den mit zerstörender Wnth in der Nacht zum 31. August uiedergegangenen Wolkenbruch haben mehrere Ungar. Gemeinden, besonders die zu Miskolez, Erlau und H.-Mad (Comit. Zemplin) unsäglich gelitten. Aus ersterev allein find 70 Israeliten in der Fluth umgekommen, 2Z0 find an den Bettelstab gebracht. Hülfeflehend wenden fich die schwerbetroffenen Gemeinden an die mildthatigen Glanbensgenoffen — sicherlich nicht vergebens. Auch Hr. Prediger Rfilf (Memel) kommt wieder mit einem „Aufruf" für drei abgebrannte Gemeinden. Glaubensgenossen helfet! 2^221 tPK2 '82 IW* Die Redaetion ist bereit, eingehende Gaben an die betr. Comite's zu befördern. *