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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-09-18 · N° 38. (18.9.1878) · p. Seite 298

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 38. (18.9.1878)
Date
1878-09-18
Page
Seite 298 (sequence 4)
Language
German
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— 298 düng, die er sich seit 30 Jahren angeeignet hat. Jahrhunderte lang hat man dem Juden alle Existenz- und Berufsarten abgesperrt und ihn in den Engpaß der Handelswege hineingedrängt. In der letzten Zeit, da die Christen ihm das Wuchern und Pfandleihen schon abgelernt haben, und der Großhandel bei der zunehmenden Konkurrenz einer- und der Unsicherheit der Kreditbedürstigen andererseits immer unlohnender wird, hat er sich einen neuen Erwerbszweig herausgesucht. Er will nicht mehr schachern, — er studirt. Und zwar, was am wenigsten Mühe macht und am meisten einbringt: Jura, d. h. — Rechtsanwalt. Mit diesen wenigen Worten habe ich angedeutet, daß ich weit entfernt davon bin, der „Wissenschaftsliebe" der Juden einen besonders hohen Werth beizulegen. Die Juden studiren zu neun Zehnteln nicht aus Liebe zur Wissenschaft, sondern wegen der geachteten sozialen Stellung, die in unserer Erwerbsperiode der höhere Beamte und Gelehrte (welcher im Kampfe ums Dasein nicht wie der Kaufmann die Hände in Schmutz zu tauchen braucht) einnimmt?) In zweiter Linie winkt den um das materielle Wohl ihrer Kinder besorgten Ellern die Aussicht auf eine „reiche Parthie", durch welche die Kosten der Studienjahre reichlich wieder herausgeschlagen werden. Die einzigen Träger des Idealismus unter den jüdischen Gelehrten sind: zumeist die Angehörigen des Lehrerstandes, ferner diejenigen Theologen, die nicht reich geheirathet haben, und in dritter Reihe ein Bruchtheil von Aerzten, die sich außer ihrer Geschäftspraxis mit wissenschaftlichen Forschungen abgeben (ausgenommen die von Traube gekennzeichneten „Schidduch-Dozenten", d. h. Privatdozenten, die sich nur habilitiren, um eine größere Mitgift zu erlangen) Ist nun dieses Motiv des Sludirens, wie ich es bei der großen Mehrzahl der Juden angenommen habe, ethisch zu vertheidigen, und in unserem speziellen Falle, gegenüber der nichtswürdigen Weise, wie der „jüdische Referendarius" besudelt wird, in die Waagschale zu legen? Ja! — Wie Jemand, der um zu prahlen, dem Armen ein Brod giebt, allental dem Sittenstrengen vorzuziehen ist, der „aus Prinzip keinen Bummler unterstützt", sondern jeden Bettler rundwegs abweist, so ist mir das Prinzip des Juden, feinen Jungen auf die hohe Schule zu schicken, damit er nicht blos an Kenntnissen, sondern durch die Kenntnisse reich werden soll, immer noch viel respektabler, als das christliche Vorrecht auf die Offiziersepaulelten, wenn der Herr Sohn in der Schule keine Fortschritte macht. Ich erinnere mich dabei aus meiner Jugendzert eines in den jüdischen Gebeten vorkommenden weisen Spruches, dahinlautend: „Wer sich mit dem Gesetzstudium selbst aus nicht idealen Gründen befaßt, wird durch die höhre Gewalt, die das Studium auf Jeden ausübt schließlich doch dahin gebracht werden, daß er sich aus Liebe zur Forschung ihr hingiebt." Dieser Satz, der dort vom Studium des „göttlichen Gesetzes" speciell gesagt ist, kann füglich auf bte Wissenschaft überhaupt ausgedehnt werden und erhält damit für unseren vorliegenden Fall eine inhaltsvolle Bedeutung. Im Groben und Ganzen haben sich die jüdischen Referendare als ganz gewissenhafte und tüchtige Beamten erwiesen — selbst in den Fällen, daß sie einen „Wucherer" zum Verwandten hatten, wofür sie doch nichts können, da noch Niemand seinen Onkel erzeugt hat." — Liegnitz, 11. Sept. (Or.-Corr.) Ich bitte Sie hierdurch ganz ergebenst, nachstehende Erklärung als Erwiderung auf den in Nr. 37 Ihrer Wochenschrift enthaltenen Artikel des H. Gottschalk Lewy aus Berlin, in welchem auf mich persönlich provocirt wird, gefälligst in die nächste Nummer derselben aufnehmen zu wollen. 1) Ich habe über die Pariser Delegirten-Versämmlung der Alliance Jsr. Univ. vom August c. keinerlei Bericht oder Notiz, weder direct noch indirect, an irgend eine Zeitung gelangen lassen. Der mir noch heute völlig unbekannte Artikel der „Jüdischen Presse", den Hr. Lewy mir zuschreiben zu *) Studiren die christlichen Juristen etwa «ur um deS Staatswohles willen? wollen scheint, ist in keiner Weise von mir veranlaßt oder inspirirt worden und also, da er dennoch meine Ansicht in Betreff der Alliance wiederzugeben scheint, ein Beweis mehr, daß ich mit dieser meiner Ansicht nicht vereinzelt in Deutschland dastehe. 2) Ich habe auch in Paris unter den deutschen Delegirten nicht allein gestanden; ich erlaube mir Hrn. Lewy namentlich an die Vota der beiden Delegirten Herren Jacob Nachod aus Leipzig und Rabb. Dr. Rippner aus Gr. Glogau zu erinnern, welche beide vollkominen unparteiisch in überzeugendster Weise auseinandergesetzt haben, wie grundlos und unzweckmäßig diese auf eine Reorganisation der Alliance in Deutschland gerichteten Bestrebungen seien, die überall den ernsten Widerspruch erfahren würden. 3) Wenn Hr. Lewy meint, daß wir „päpstlicher als der Papst, oder besser, französischer als die Franzosen sein wollen", womit derselbe hoffentlich keinen Angriff auf unseren guten Patriotismus beabsichtigt hat, so erwidre ich ihm zugleich im Namen von vielen tausend deutschen Mitgliedern der Alliance, daß für uns die Alliance weder eine französische noch eine deutsche, sondern lediglich eine jüdische Institution ist, die gerade in ihrer gegenwärtigen Organisation uns am besten den internationalen Character des Judenthums ausdrückt und daher in dieser Beziehung auch unserem religiösen Bedürfniß entspricht. Um deutsche Interessen handelt es sich bei der Alliance überhaupt nicht, so wenig, wie um französische; aber wir haben als deutsche Juden ein tiefes Interesse daran, uns mit unseren jüdischen Brüdern in der ganzen Welt in Beziehung auf das, was uns als Juden gemeinsam ist, durch die Alliance verbunden zu wissen, und widersetzen uns daher allen den Bestrebungen, welche eine Zerstörung oder auch nur Schwächung der Einheit und Universalität der Alliance zur Folge haben können. Wir halten diese Bestrebungen für doppelt unrecht angesichts der großen Erfolge, die von der Alliance soeben erst errungen worden sind; es scheint uns schon ein Gebot der Dankbarkeit zu sein, nicht zuzugeben, daß auch an dieser großartigen Schöpfung des Judenthums, auf welche unsere Zeit stolz sein kann, aus Gründen, die wir als sachliche nicht anerkennen können, gerüttelt werde. Wenn man uns entgegenhält, daß wir als Comit6s der Alliance bei der jetzigen Organisation derselben nichts weiter seien, als „die Caffirer des Central-Comit6s", oder als die ^misera contribuens plebs“, so ficht uns dies wenig an, zumal da man Aehnliches von jeder Vereins-Organisation wird behaupten können, wenn sie überhaupt eine geordnete Verwaltung ermöglichen soll. Für uns ist die Hauptsache, daß wir die segensreiche Wirksamkeit der Alliance, auf welche ein großer Theil unserer, der Selbsthilfe unfähigen Glaubensgenossen thatsächlich angewiesen ist, unterstützen und das Pflichtgefühl hierfür in unseren Kreisen wach erhalten. Es fehlt im klebrigen auch Deutschland nicht an einer respectablen Vertretung im Central-Comu6, die sicher nicht ohne Einfluß auf den Gang und die Leitung der Alliance ist. Wir halten fest an dieser Alliance, die sich bisher so wunderbar bewährt hat, und an dem Vertrauen, das wir zu dem Central-Comits derselben haben und das wir als ein in jeder Beziehung wohlverdientes bezeichnen. vr. Landsberg, Rabbiner. * Leipzig, Anfang Septbr. In den letzten Tagen hat eine Notiz über die von dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde an den Reichskanzler gerichtete Petition, betreffend den Jom Kippur, die Runde durch die Zeitungen geinacht. Wenn auch der von dem Reichskanzler abschlüglich erlheilte Bescheid zum Theil wörtlich wiedergegeben ist, so ist doch die ganze Fassung jener Notiz geeignet, die Petition in ein falsches Licht zu stellen. Manche Leser werden nach der Angabe der Journale sicherlich geglaubt haben, der Gemeindebund habe das Ansinnen gestellt, daß der jüdische Versöhnungstag reich-- gesetzlich als ein allgemeiner Feiertag („auch für Christen") anerkannt werden falle. In dieser Voraussetzung würde man die Benrerkung mehrerer Zeitungen, daß der abschlägige Be-

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