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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-09-11 · N° 37. (11.9.1878) · p. Seite 291

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 37. (11.9.1878)
Date
1878-09-11
Page
Seite 291 (sequence 5)
Language
German
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— 291 — Orthodoxen herrschte. wurde nach vielen Bemühungen ein modus vivendi geschossen, indem der Almemor in der neuen Synagoge in die Mitte verlegt wurde, die Frauengallerie wurde erhöht, Chorgesang und Predigt abgeschasst; das alles aber sollte nicht genügen, eine neue Partei betrat den Schauplatz, sie nennt sich Sefardimgemeinde, fordert neue Einrichtungen, hält besonderen Gottesdienst, und die Folge ist, Zank und Zwietracht feiern wieder ihr Auferstehen. Solche Früchte haben die Saaten, welche die sogenannten Gesetzestreuen ausgestreut haben, getragen, die Zustände, wie ich sie in meinen Cmrespomenzen „Aus Ungarn" in diesen Blättern vor Jahren gezeichnet habe, nahmen keinen Umschwung zum Bessern, die böse Thal kann Unheil nur gebären. In den fortschrittlichen Gemeinden sieht es aber auch wenig brillant aus, der Jndisserentismus hat sogar seitdem an Boden viel gewonnen, davon zeigt, daß der Unterricht der Schuljugend im Hebräischen, welcher früher in Ungarn sehr in Blüthe stand, jetzt vernachlässigt wird, und besonders auch die Nichlbesetzung der vacant gewordenen Rabbinerstellen. Viele Gemeinden fortschrittlicher Richtung sind seit Jahren ohne Rabbiner, es giebt sich überhaupt bei ihnen nicht das Bedürfniß nach Predigt u. s. w. kund; hierin stehen sie den orthodoxen Gemeinden weit nach. Diese haben, das sei zu ihrem Lobe gesagt, wahrhaftes Bedürfniß nach dem Gotteswort, begnügen sich nicht mit den Derascha's in den Synagogen, sie haben auch Sabbathnachmittagvorträge, in größeren Gemeinden sogar tägliche Schiurim, namentlich an den Winterabenden. Die Errichtung der Rabbinerschule in Pest ist unstreitig ein segensreiches Werk, aber der Einwand der Orthodoxen: „wozu habt ihr diese Airstalt gegründet, da ihr keine Rabbiner braucht, und selbst viele größere Gemeinden eurer Richtung die Rabbinatsstellen unbesetzt lassen?" ist nicht leicht zurückzuweisen; was nützt die beste Rabbinerschule, wenn man hinterdrein keine Rabbiner braucht? Ich habe hier die Zustände, wie ich sie gelegentlich einer Reise durch Ungarn wahrgenommen, dargestellt, und, um meinen Bericht kurz zusammenzufassen, ich habe gesunden, daß es ui den Gemeinden beider Richtungen beim Alten geblieben ist. vr. R. Grün. N. Gr. Prag, 22. August. (Or.'Corr.) Unsere Gemeinde erlitt qm 14. d. M. einen herben Verlust durch das Hinscheiden eines in allen Kreisen hochgeachteten Biedermannes, des Herrn Leopold Wolf. Die Trauerkunde verbreitete sich rasch durch die Stadt, und erregte große Theilnahme bei den vielen Freunden und Verehrern des Verstorbenen. Es war in der Thal ein ausgezeichneter Mann, der uns in voller Manneskraft, er stand erst im 47. Lebensjahre, durch den Tod entrissen wurde. Mit seltenem Edelsinn ausgestattet, kannte seine Wohlthätigkeit keine Grenzen, den zahlreichen Wohlthätigkeilsvereinen in unserer Gemeinde gehörte er als Mitglied an, in diesen Vereinen entfaltete er eine unermüdliche segensreiche Thätigkeit, und es dürfte nicht zuviel gesagt sein, daß es in unserer Gemeinde keinen zweiten gibt, der so viele Ehrenstellen bekleidete, wie der Verewigte. Und wie ernst nahm er es mit den Pflichten, welche er mit diesen Ehrenstellen übernommen! Oowohl ein vielbeschäftigter Kaufmann war ihm nicht nur jedes Geldopfer, sondern auch jedes Zeitopfer nicht groß genug, wo es galt, das allgemeine Wohl, das Beste der Gemeinde zu fördern. Aber nicht nur durch seine Wohlthätigkeit und durch sein gemeinnütziges Wirken hat sich der Verewigte ein segensreiches Andenken in unserer Gemeinde gesicherl, auch als kenntnißreicher Mann erwarb er sich viele Verdienste um die wissenschaftlichen Vereine in unserer Stadt, und es erfüllte mit Bewunderung, wie er, als Kaufmann, zu jeder Zeit bereit war, in den verschiedenen Vereinen wissenschaftliche Vorträge zu halten. An dieser Stelle will ich nur die gediegenen Vorträge, welche er im Afike Jehuda-Vereine gehalten, hervorheben. In diesen Vorträgen gab sich nebst einer ausgebreiteten Kenntniß der jüdischen Literatur auch eine unbegrenzte Liebe für die jüdische Wissenschaft kund, und würde der Verewigte mehr mit Glücksgütern gesegnet gewesen sein, er hätte dann in großartigem Maße als Mäcen der jüdischen Wissenschaft gewirkt. Seine zahlreichen Freunde werden dem theuren Manne stets ein segensreiches Andenken bewahren, durch sein Hinscheiden ist eine Lücke in unserer Gemeinde entstanden, die nicht leicht ausgesüllt werden kann; die Thränen der Wlttwen und Waisen, welchen er stets hilfreich mit Rath und Thal zur Seite stand, werden noch lange um den Biedermann fließen. Eyre und Segen seinem Andenken! Stanislau, 10. August. Montag den 5. d. M. bei Eröffnung der Schwurgerichts Verhandlungen spielte sich vor den Schranken des hiesigen Gerichtshofes ein seltsamer Fall ab: Der Sachverhalt ist folgender: Anton Stubski passirte mit seinem Gespann am 23. December 1877 die Ueberfahrt des Dniesters bei Ostra, welche David Robinson in Pacht hielt. Nachdem die Übersetzung des Flusses durch den damals herrschenden starken Eisgang erschwert war, wollte der Förster den Pächter hierfür verantwortlich machen und brachte ihn unter einer Fluth von Beleidigungen derart in Zorn, daß auch Robinson ähnliche Jnvecliven dem Förster zzurückschleuderte. Stubski, in seiner Schlachzizen-Ehre sich von einem armen Juden verletzt fühlend, erwiderte ihm: „Warte, du aussätziger Jude, ich werde dir gleich zeigen, wie man in. leckt", begab sich kaltblütig zu seinem vor dem Hause des Pächters befindlichen Schlitten, ergriff seine doppelläufige Flinte und verfolgte den in sein Haus sich flüchtenden Juden bis an die Schwelle, wo Letzterer, von der Kugel des Stubski rücklings ereilt, bewußtlos blutend niederftel und in einigen Stunden seinen Geist aufgab. Bei der Bildung der Geschwornenbank wurde von der Ausschließung der jüdischen Geschworenen, die gerade bei der jetzigen Cadenz in der Geschwornenliste zahlreicher als die christlichenGeschwornen vertreten sind, uneingeschränkter Gebrauch gemacht, so daß neun Christen und drei Israeliten bei dieser Verhandlung fungirten. Drei christliche Zeugen, welche bei diesem Vorfälle anwesend waren, haben unter Eid das Factum bestätigt. Der Angeklagte vertheidigt sich damit, daß er wegen der ihm von einem Juden zu Theil gewordenen Beleidigung außer sich ka m und diese Thal in bewußtlosem Zustande vollbrachte, während die Gerichtsärzte die Möglichkeit einer solchen Alterirung schon mit dem Hinweise ausschließen, daß das Ergreifen des Gewehres und die Verfolgung des Juden doch allenfalls ein Bewußtsein der That voraussetzen lassen. Daß übrigens Stubski ein Mensch sei, der mit kaltem Blute zu einer solchen That fähig ist, entnehmen wir aus den bei der Verhandlung verlesenen Protocollen über den Angeklagten, daß derselbe schon zweimal von seiner Waffe ungesetzlichen Gebrauch machte und hierfür von dem Gerichte in Tarnopol auch abgestraft wurde. Die den Geschwornen vom Gerichtshof gestellten Fragen lauteten: 1. Ist der Angeklagte des verübten Mordes an David Robinsohn schuldig oder nicht? 2. Ist der Angeklagte des verübten Todtschlagesan David Robinsohn schuldig oder nicht? Nach kurzer Berathung haben die Geschwornen die erste Frage einstimmig, die zweite mit acht gegen vier Stimm verneint!! Der Mörder ist sonach freigesprochen! (Ein Wahrspruch der Geschworenen soll nicht kritisirt werden — fürwahr, dieser entzieht sich jeder Kritik! Red.> Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die „Nordo. Allg. Ztg." schreibt officiös: „Nachdem durch den in Berlin abgehaltenen Friedenscongreß die Anstände in Bezug aus die „Judenfrage" in Rumänien beseitigt worden sind, dürfte die zwischen Deutschland und Rumänien abgeschlossene Handelsconvention, diese für den Handelsverkehr so wichtige Angelegenheit, einer gesetzlichen Regelung durch eine Vorlage an den Reichstag in seiner nächstjährigen Session entgegengefüytl werden. Berlin. Der hier seit 1872 bestehenden und aus Privatmitteln erhaltenen Hochschule für die Wissenschaft des In»

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