Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 37. (11.9.1878)
- Date
- 1878-09-11
- Page
- Seite 290 (sequence 4)
- Language
- German
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lischen Oberhause einer der Pairs an den Primas der englischen Hochkirche, den Erzbischof von Canterbury, die Frage richtete, ob es wahr sei, daß die Juden eine andere Moral hätten, als die Christen, erwiderte dieser: „Die Juden haben dieselbe Moral, wie wir, nur daß sie dieselbe befolgen und wir nicht." Von den polnischen Juden gilt dieser Ausspruch wenigstens im vollsten Umfange. Bei ihnen ist das oberste Moralprinzip, das Gesetz der Nächstenliebe, lebendig wie bei keinem anderen Volke und in keiner anderen Kirche. So fanden denn auch Pintschew und Minlschew Hülfe im reichsten Maße — und nicht von oben herab mit Verachtung gepaart und mit Eitelkeit verbrämt, sondern echte, bescheidene, liebreiche Hülfe, die nicht viel Worte macht. Besonders lud man sie gern in vornehmen jüdischen Häusern zum Speisen ein, und zwar immer Beide znsammen, denn sie konnten nicht einander gegenüber am Tische sitzen, ohne sofort einen Streit über irgend eine Talmudfrage zu beginnen, und die jüdischen Aristokraten schätzen den Geist und das Wissen höher, als alles Andere, und hören lieber über den Talmud disputiren, als etwa eine halbangekleidete Sängerin eine Arie trillern oder einen unverschämten Komiker ein blödsinniges Couplet vortragen." Wenn man nun diese Schilderung übertrieben und schönfärbend nennen möchte, so kann sie der Verfaffer leicht damit rechtfertigen, daß er seine Novelle um ein paar Jahrzehnte zurückdatirt. Heutzutage stehen die da geschilderten „jüdischen Aristokraten" allerdings auch in Galizien schon auf dem Aussterbeetat, während sie in Deutschland u. s. w. selbst fossil nicht mehr zu finden sind. Aber daran ist jedenfalls Herr Sacher-Masoch ganz unschuldig. Coblenz, 4. September. (Or.-Corr) Wenn es — was ja keinem Zweifel unterliegt — Aufgabe des Rabbiners ist, in seiner Gemeinde für Festigung der drei Säulen: Thora, Abodah und Gemilluth-Chaffadim nach Kräften zu sorgen, so muß man sagen, daß unser Rabbiner Herr 0r. Lewin in der Thal bemüht ist, auf diesen Gebieten eine ersprießliche Wirksamkeit zu entfalten. Er hat die Regelung des jüd. Religionsunterrichts, die Ueberwachung der Schechita und die Bildung eines Armenvereins in Angriff genommen. Auf den Antrag des Gemeindevorstandes hat das Provinzialschulcollegium sich gern bereit erklärt, dem jüd. Religionsunterricht eine Stelle im Lehrplan des Gymnasiums einzuräumen; doch hat die Vorfrage dieser Behörde: ob und wieviel die Gemeinde zur Honorirung des jüd. Religionslehrers beitragen wolle? — ein wenig srappirt. (Wohl mit Unrecht; denn es kann ja in keinem Falle dem Provinzialschulcollegium zugemuthet werden, die Kosten des jüd. Rel.-Lehrers ganz und gar auf den Gymnasialetat zu übernehmen. Die Gemeinde, die den Lehrer zu präsentiren hat, hat zunächst denselben mit einem bestimmten Gehalte anzu« stellen, aus der Gymnasialkasse kann nur eine im Verhültniß zur Anzahl der am Gymnasium zu ertheilenden Slunden stehende Remuneration geleistet werden. Aus der Frage des Provinzialschulcollegiums scheint hervorzugehen, daß der Vorstand die Anstellung eines jüd. Rel.-Lehrers von diesem gefordert hätte. Red.) Oesterreich. Aus Ungarn, 15. August. (Or.-Corr.) In den jüdischen Gemeinden Ungarns will es noch immer nicht zur Ruhe kommen, und zwar regt es sich jetzt gewaltig in orthodoxen Kreisen, die Gemeinden sind endlich müde geworden der Bevormundung der sogenannten orthodoxen Durchführungscommiffion in Pest, deren allgewaltiger Präses. Ignatz Reich, wie ein Pascha strenges Regiment führen möchte, und die ganze Judenheit im gesegneten Ungarlande unter seinen Hut bringen will. Gegen die Herrschaft der Allgewaltigen in Pest erhob sich in der jüngsten Zeit der Vorstand der Gemeinde in Ujhely, und erließ ein Rundschreiben an die orthodoxen Juden in Ungarn, worin bittere Klage gegen das Pester Cosnitä geführt wird; es wurde, heißt es in demselben, das in edelster Absicht zu Stande gebrachte Werk unserer jüdischen Koryphäen mißverstanden, mißdeutet und zu gemeinen Zwecken ausgebeutet. Die orthodoxe Judenheit zerfällt, die Gemeinden werden gewaltthätig zerhauen, es giebt heute schon orthodoxconstituirte, orthodox unconstituirte, -s^LO-constituirle, "IIQO-nichtconstituirte und status-yao-Gemeinden, wir sind schon dahin gekommen, daß oft in ein und demselben Orte drei jüdische Gemeinden bestehen, die anstatt sich gegenseitig in der Aufrechthaltung ihrer religiösen und Humanitären Institutionen zu unterstützen, sich reiben und völlig aufreiben, und es giebt manche unsaubere Charaktere, welche dieses schüren, es benützen, um im Trüben fischen zu können, da doch auch ein kleines Kapitälchen, der jüdische Schulfond, dieses goldene Kalb, in den Tanz sich mischt. Das Rundschreiben führt dann weiter aus, die gesetzestreuen Juden dürfen nicht länger angesichts dieses unseligen Treibens schweigen, es müffe endlich das Gebühren der Pester öffentlich verdammt werden, der Kampf gegen solche Unthaten müffe ausgenommen werden, und um zum Ziele zu gelangen, fordert es die Gemeinden auf, Delegirte nach der Landeshauptstadt zu exmittiren, welche über eine neue Ordnung der jüdischen Angelegenheiten berathen sollen. Dieses Rundschreiben traf den Chef der orthodoxen Partei in Ungarn, Ignatz Reich, wie ein Blitz aus heilerem Himmel, er konnte mit Betrübniß ausrufen: „Auch du, mein Brutus", denn die Ujhelyer Gemeinde gehört zu den orthodoxesten Gemeinden, ihr Vorstand stand immer in den vordersten Reihen der Kämpfenden, wo es galt, für die Sache der seinerzeit so kampflustigen Schomre-hadath einzutreten, an dem unseligen Werk der Spaltung und Zerklüftung der jüd. Gemeinden Ungarns hat er redlich und unredlich mitgeardeitet, die Pester Durchführungscommiffion ist zum Theil auch seine Schöpfung, und jetzt erhebt er sich so ganz unverhofft schwingt die Knute mit solcher Wucht gegen die alte getreue Garde. Man kann aus diesem plötzlichen energischen Auftreten des Vorstandes in Ujhely erkennen, welche tolle Wirihschaft im Centrum der Orthodoxen in Ungarn, in Pest herrscht, man entschließt sich ja nur mit Widerstreben, das eigene Werk in die Luft zu sprengen. Ob die Ujhelyer mit ihrem Rundschreiben den gewünschten Erfolg erzielen werden, wird die Zukunft lehren, aber einen neuen Kampf hat es heraufbeschworen, und als erster Streiter für Herrn Ignatz Reich betrat den Kampfplatz der Rabbiner in Husth. Dem Ujhelyer Rundschreiben ließ er seinerseits einen offenen Brief an die Gemeinden auf dem Fuße folgen, in welchem er vor allem das Lob des Herrn Ignatz Reich singt. Als einen Beweis für die Biederkeit seiner Handlungen führt der Husther Rabbiner an, Gott habe durch Rabbi Ignatz Reich viele Wunder gethan, welche laut zu seinen Gunsten sprechen, denn *npnj6 kd'3 n"3pn NVv *6l- Gegen solche sonnenklare Beweise wird wohl Niemand zu sprechen wagen, Wunderthaten schlagen jeden Zweifel nieder, vor einem Wundermann muß sich Alles beugen. Welches die Wunder sind, unterläßt der Husther Rabbiner anzngeben, aber viele □''Di ronn) find es, das sagt er seinen Glaubensbrüdern, und btefe werden gewiß hoch und heilig daran glauben. In vielen ungar.-jüdischen Gemeinden findet man in den Vorhallen der Synagogen eine Almosenbüchse mit der Ueberschrift „Rabbi Meier Baalneß-Büchse", die Getreuen des Herrn Ignatz Reich sollten nach den Worten des Husther Rabbiner in ihren Betyäusern eine Rabbi Ignatz Reich-Büchse anbringen, die Ujhelyer versichern ja, daß man in den frommen Kreisen in Pest es auf das goldene Kalb abgesehen hat. Der Husther Rabbiner preist in seinem Schreiben auch die sogenannte „Constituicung", nach welcher jede Gemeinde, ober wie er sich bezeichnender ausdrückl, jede Secte (hdi rü nach Gutdünken verfahren kann, die Zersplitterung des Judenthums ist es also, was frommen Männern solche unbändige Freude macht. In diesem Punkte haben es in der That die ungarischen Juden weit gebracht. In Miskolz, wo durch lange Zeit Hader und Zank zwischen Neologen und