Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 37. (11.9.1878)
- Date
- 1878-09-11
- Page
- Seite 289 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 289 — Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n, Mußt nicht Knopf am Kirchthurm sein. Wir wollen blos die Name» der beiden Naturforscher gegenüberstellen, Zöllner und Schleiden. So groß der Unterschied der Wissenschaftlichkeit zwischen ihnen ist, ebenso groß ist der Unterschied der Humanität, wie denn überhaupt Wissenschaftlichkeit und Humanität Hand in Hand gehen. Berichte uub Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 6. Sept. (Or.-Corr.) Die in Nr. 35 Ihres Blattes gegebene Erklärung, erst nach Eingang ^des ofsiciellen Berichts Mittheilungen über die Sitzungen, der von der All. Jsr. Univ. berufenen Reunion, machen zu wollen, war gewiß sehr correct. Es ist nur zu bedauern, daß andere jüdische Blätter nicht dieselbe Enthaltsamkeit geübt, und sich dazu hergeben, Berichte zu bringen, welche dieThatsachen vollständig gefälscht darstellen und deren Tendenz sich gar zu leicht verräth. Gestatten Sie mir nun einen Punkt klar zu stellen, welcher die Reorganisation der Alliance betrisst. Die von einer hiesigen jüdischen Zeitung gebrachte Angabe, daß solche verworfen worden, ist falsch. In der Commisiion, welche zu diesem Zwecke gebildet worden, wurde in der ersten Sitzung kein Resultat erzielt, in der zweiten Sitzung war der Antrag mit einer Stimme Majorität verworfen worden; dieser Beschluß ward aber für ungiltig erklärt, weil die Commisiion Nicht zur festgesetzten Zeit getagt hatte und nicht alle dazu gehörigen Mitglieder von der Veränderung in Kenntniß gesetzt waren, wodurch sie an der Theilnahme der Berathung verhindert worden. Es ward die Sache vielmehr nochmals in die Commisiion verwiesen und hier erklärte Herr Leven tm Namen des Central-Comitss (nicht als persönl. Antrag, wie die hies. jüd. Pr. berichtet), daß dieses mit der Reorganisation einverstanden und einen Plan ausarbeiten werde, wonach dem Hauptcomits eine größere Selbstständigkeit gewährt werden soll. Diese Erklärung ward mit allgemeinem Beifall ausgenommen und ohne jede Debatte angenommen. Nur eine Stimme erhob sich gegen diese, im Namen des Central-Concktd abgegebene, Erklärung und diese Stimme war die des Herrn Dr. Landsberg in Liegnitz. Was nun speciell die Comitss in Deutschland betrifft, so wurde von den hervorragendsten Mitgliedern des Central- Comit6s in Paris anerkannt, daß eine Gruppirung derselben um mehrere oder einen Centralpunkt in Deutschland mit zu gewährender Selbstständigkeit in allen inner» Angelegenheiten, ebenso wünschenswerth als nothwendig sei. Daß ober solche wieder im Central-ComitS in Paris die leitende Spitze haben muffen, ist von keiner Seite in Frage gestellt worden. Es wird nun Sache der größeren ComitLs in Deutschland sein, sich zu einer solchen Organisation zu vereinigen und demgemäß einen Statutentwurf zn vereinbaren, welchem die Zustimmung des Central-Comilös nicht fehlen wird. Es werden solchen, welche päpstlicher als der Papst oder bester, französischer als die Franzosen sein wollen, von keiner Seite Hindernisse in den Weg gelegt werden; mögen sie aber nicht Diejenigen, welche nn eigenen Interesse der Alliance und einer besseren Wirksamkeit derselben in Deutschland, eine Decentralisation und bessere Organisation erstreben, nicht mit unwürdigen und falschen Anschuldigungen bekämpfen. M. Gottschalk Lewy. - ^rein für Ausbildung jüd. Relrgionslehrer m der Provinz Posen bat sich constituirt. In den Vorstand wurden gewählt die Herren: Ad. Kantorowicz und Israel Friedländer in Posen, I. D. Lasker aus Gnesen, Jac. Hamburger aus Schmiegel, S. Daniel aus Krotoschln, S t»l l m a n n aus Rawitsch, G a l e w s k i aus Lisia und Gol dring ausJarotschin. Nach dem angenommenen Statut (das wir bereits früher veröffentlicht) soll in 1«dem Orte der Provinz Posen, an welchem sich ein Lehrer-Semmar und eine Präparandie befindet, je ein jüd. RelrgionSlehre gestellt werden, der mit dem Ortsrabbmer den l"d. Seminaristen und Präparanden den Unterricht in den hebr. und jud. Religionswissenschaften zu ertheilen hat. Die dazu SauaUjtsirtctt sollen auch zu Cantoren.herangebildet werden. Aus der Veremskaffe erhalten fleißige Candidaten Stipendien. * Von der Oder, 2 Sept. (Or.-Corr.) Vor Jahr und Tag brachte die Wochenschrift (Lit.-Blatt Nr. 25 und 26 von 1877) einen Briefwechsel zwischen den Herren Sacher M a s o ch und F. M i e s e s in Leipzig, worin Ersterer sich gegen den von Letzterem erhobenen Vorwurf der Voreingenommenheit gegen Juden rechtfertigte. Sacher-Masoch hat in seinen vielfach im Osten spielenden Romanen und Novellen das zahl- und einflußreiche jüdische Volkselement nicht außer Acht lasten können; er zeigt sich als Kenner jüdischer Sitte, Anschauung, Sprachweise u. s. w.; und er hat, wie Natur und Leben das mit sich bringen, edle und unedle Juden geschildert. Brave und Lumpe. Es ist nach meiner Meinung thöricht, es anders zu erwarten oder zu verlangen. Inzwischen ist eine neue Novellen-Sammlung von ihm erschienen, welche „Judengeschichten" betitelt ist und demgemäß ganz speziell einen Beitrag zu des Verfassers Ansichten über Juden und Judenthum, zwar nicht im allgemeinen, aber doch in Galizien, liefert. — Eine von diesen Geschichten heißt „Pints chew und Mintschew". Die beiden Titelhelden sind ein Schneider und ein Fuhrmann, beide natürlich Juden, beide talmudkundige und talmudliebende Leute, Disputirgeister von der Wiege bis zum Grabe, ebenso Gegner von Jugend an bis ans Ende, dabei aber doch unzertrennlich, stets mit einander zankend und mit Talmudstellen einander bekämpfend, und dann wieder Freude und Leid, den letzten Bissen und den letzten Kreuzer mit einander theilend. Mintschew ist eine Art von „Reformer", ein aufgeklärter Talmudist, Pintschew ist ein Orthodoxer; dieser schimpft jenen einen „Posche", jener nennt diesen einen Esel, der nichts vom Talmud verstehe. — Die Belesenheit und Gewandtheit, welche Sacher-Masoch entwickelt, indem er seine Disputanten mit Talmud- und Midraschstellen um sich werfen, Fangball spielen läßt, ist erstaunlich; ob ihm Jemand diese Quellenkunde ermittelt, oder ob er sie aus Übersetzungen und Streitschriften selbst zusammen getragen Hat, gilt gleich, denn als Christ hat er freilich den Talmud nicht im Original studirt oder gar seine Jugendjahre in eine Cheder oder Bethamidrasch verlebt. — Weiter auf den Inhalt der erwähnten Novelle oder der ganzen Sammlung einzugehen, ist hier nicht am Platze, ich will sie nicht loben, nicht tadeln, gewiß hat auch mancher Leser das Buch selbst schon in Händen gehabt. Hier genügt es, eine kleine Stelle aus dem Schluffe jener Novelle zu citiren, man wird dann wenigstens nicht mehr darüber in Zweifel sein, ob Herr Sacher-Masoch Juden und Judenthum auch von der besten Seite aufzufassen und zu schildern versteht. Nachdem nämlich Mintschew und Pintschew von dem Verfasser durch ihre Jünglings- und Mannesjahre begleitet worden sind, erzählt er, wie sie allmählich verarmen und erwerbsunfähig werden, und fährt dann wörtlich so fort r „Es ging noch ein paar Jahre, aber endlich kamen sie doch ganz herunter, Mintschew so gut wie Pintschew. Der Erstere besaß nicht einmal eine Peitsche mehr, sondern nur den Stiel einer solchen, und der Letztere war nicht mehr im Stande, einen guten Stich zu machen. Nicht einmal die Bauernweiber wollten mehr seine Meisterwerte tragen. So recht schlecht ging es den Beiden nur kurze Zeit — o lange sie noch stolz waren und ihre Armuth zu verbergen suchten. In dem Augenblicke, wo sie dieselbe eingestanden, war es auch schon vorüber mit ihrem Elend. Ein Jude kann niemals Hungers sterben und er wird auch nie in die Lage kommen, zu betteln. Als während der Debatte über die Judenbill im enA*