Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 36. (4.9.1878)
- Date
- 1878-09-04
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 284 — in ganz Preußen rühmlichst bekannten Flugblattes, betitelt: „Der jüdische Referendarius," mit Beschlag zu belegen. Es wurden natürlich die vorhandenen Exemplare verabfolgt. (Siehe Lart. in heut. Nr.) Breslau. Der Sohn des hies. Sanitätsrath Dr. Eger, der bis jetzt als Regierungsaffeffor in der Direction der oberschles. Eisenbahn beschäftigt war, ist in das König!. Handelsministerium nach Berlin berufen worden. —w— Koschmin, 18. August. (Or.-Corr.) In der heutigen Sitzung der Repräsentanten ist Herr Dr. Treit el aus Breslau als Nachfolger des Herrn Dr. Lewiu, welcher seit dem 1. Juli cr. der ehrenvollen Berufung nach Coblenz Folge leistete, zum Rabbiner der hiesiger Gemeinde gewählt worden. Der Vorstand hat, dem Repräsentantenbeschlusse beitretend, sofort die Bestätigung dieser Wahl bei der König!. Negierung nachgesucht, welche auch voraussichtlich in Kurzem erfolgen dürfte, so daß unser neuer Rabbiner noch vor den Feiertagen sein Amt antreten kann. Der Herrn Dr. Treitel vorangehende gute Ruf berechtigt uns zu der Hoffnung, in ihm einen würdigen Vertreter unseres allgemein verehrten früheren Rabbiners Herrn Dr. Lewin gefunden zu haben. 8. Solingen, den 27. August. (Or.-Corr.) Ein Herr aus Recklinghausen, welcher für den Bau einer neuen Synagoge daselbst eine Collekle veranstaltete, theilte mir bei der Gelegenheit solgenden Fall mit, den ich nicht der Oeffentlichkeit vorenthalten will, weil er einen erfreulichen Act religiöser Toleranz darthut. Nachdem nämlich der jüdischen Gemeinde Recklinghausen gestattet war, eine Collekte abzuhalten, und dies im Amtsblatt angezeigt stand, sandte Herr Amtmann Braunstein zu Fürstenberg, Amtsbezirk Wünnenberg dem Vorsteher zu R. eine von ihm gesammelte Summe für die zu bauende Synagoge. Teßlitz. Unter der Ehrenwache, der der Kaiser seinen besondern Dank aussprach, befand sich auch der Vorsteher der hies. isr. Gemeinde, Herr A. Pick. Paris. Die Rumänen haben bekanntlich dahin gestrebt, daß ihre Gelüste durch die Presse des Auslandes vertreten werden, und so haben sie namentlich auch die französischen Blätter zu beeinflussen gesucht, auch gelegentlich Broschüren in ihrem Sinne erscheinen laffen. Unter dem Titel „La Roumanie“ ist soeben wieder eine solche erschienen. Sie kommt natürlich auch auf die Jndenfrage, und es genügt zur Charakteristik derselben einige Sätze anzuführen. Es wird da behauptet, es gäbe in Rumänien keine Judenverfolgungen, man kenne dort weder ein Ghetto noch eine aufgezwungene Tracht. Wenn aber die Bevölkerung die Juden nicht leiden möge, so geschehe dies: „Weil sie eine Rolle spielen, die den Rumänen nicht gefällt; sie wollen die Rumänen zu Gunsten Rußlands enlnationaUsircn." Also diese unterdrückte Minderzahl kann ein Volk entnationalisiren und wird dies zu Gunsten eines Landes thun, welches gegen die Juden so liebenswürdig ist wie — Rußland! (Arch. I r ) Marseille. Seit langer Zeit stand an der Spitze der hiesigen israelitischen Communalschule befremdlicher Weise ein katholischer Lehrer. Dle israelitische Presse hatte schon öfter auf die Anomalie aufmerksam gemacht und, abgesehen von der aus der Hand liegenden confessionellen Unzuträglichkeit dieses Verhältnisses, auch darauf aufmerksam gemacht, daß das Avancement jür die jüdischen Lehrer in Frankreich ohnehin sehr langsam gehe, weil die Zahl der israelitischen Confeffionsschulen sehr reducirt worden ist; es müffe also auf die vorhandenen Lehrer wie auf die etwaigen Lehramts-Aspiranten sehr enttnuthigend wirken, wenn an die Spitze einer der wenigen bedenlenderen Schulen ein Lehrer von anderer Confession gestellt sei. Durch die Bemühungen des Grand-Rabbin Weyl wird nun endlich diese Sachlage geändert werden. (Arch. Isr.) Rußland. Wie der „Standart", die „Morning Post" und andere englische Blätter berichten, ist General Abramoss, das Haupt der russischen Botschaft nach Kabul, wie dies auch sein Name besagt, von israelitischer Herkunft gleich Disraeli. Der Afghanen-Prinz Dost Mohammed bemerkte einem englischen Reisenden gegenüber, der die Stammesfragen seines Geburtslandes mit ihm besprach: „Bei den herrschenden Stämmen seiner Heimath gehe die Überlieferung um, daß sie von jüdischem Ursprung seien." Sein eigenes Gesicht schien allerdings ein sprechender Beweis von semitischer Abkunft. Vielleicht ist General Abramoff von der St. Petersburger Regierung absichtlich mit Rücksicht auf jene afghanische Stammessage zur Botschaft erkoren worden. Bulgarien. In Folge der von Bulgarien an den Israeliten von Jamboli begangenen Grausamkeiten hat, nach einer Depesche aus Konstantinopel vom 27. d., der russische Kommandant von Adrianopel augeordnet, daß sich russische Truppen nach Jamboli begeben, um die Schuldigen zu bestrafen. Zwischen den russischen Truppen und den Bulgaren ist es bereits zu sernsteren Zusammenstößen gekommen, wobei die Bulgaren angeblich sechshundert Mann verloren haben sollen. — Da seitens des russischen Hauptquartiers eine weitere Ausdehnung der in Jamboli ausgebrochenen Unruhen befürchtet wird, werden-größere Verstärkungen dorthin gesandt. Feuilleton. Bankier und ^Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leblm — von Ad. v. Zemlinszky 10. Insolvent. Vier Wochen sind verflossen. Das Bethaus zu Frankfurt am Main ist festlich beleuchtet und von Besuchern überfüllt. Und drinnen unter der Chuppa harrt der Rabbi, um die Schulter den Tallis gelegt, auf das Brautpaar, welches er heute trauen soll. Und dieses Brautpaar ist Sidonie, die Tochter des Banquier Königstein, und der ihr vom Banquier erwählte Bräutigam, Jsak Heimsohn. Und draußen vor der Thüre des Bethauses, in einem Winkel verborgen, stand eine bleiche abgehärmte, von Fieberfrost gepeinigte Gestalt, Abraham Beer, an seiner Seite der „Handelsjude," sein Vater. „Komm' mein Sohn, komm' mein Abraham, Du bist noch krank, kränker als je, ich hätte Dir nicht nachgeben, Dich nicht hierher geleiten sollen, komm, nach Hause, leg' Dich zu Bette." flehte Rebb Jonathan Beer mit rührender Stimme. „O! bitte Vater, laß mich, hier, ich darfheute nicht krank sein, heute nicht," und bei diesen Worten schüttelte ihn Fieberfrost. „Komm meinKind, komm!" bat abermals der besorgteVater. „O! laß mich Vater, laß mich, noch einmal will ich ihr in's Antlitz schauen, noch einmal sie sehen, diese Lichtgestalt, diesen Engel, den Gott zur Erde gesendet.Komm jetzt Vater, komm, sie verlaffen schon das Bethaus, komm, ich muß ihr nahe sein, ich muß ihr in's Auge sehen, muß dies strahlende Licht Ihres Auges noch einmal, zum letzten Male -bevor ich sterbe-" „Was sprichst Du vom Sterben!" „Vater, Verzeihung, ich sterbe, weh mir!" Abraham brach zusammen und die zitternden Hände des Vaters konnten ihn nicht halten und er sank nieder in den Schnee. Und Niemand hörte den Wehruf eines geängstigten Vaterherzens, Niemand kümmerte sich um den „Handelsjuden", der gebeugt über den Körper seines Sohnes im Schnee kniete. Niemand kümmerte sich um den „Handelsjuden." Denn der „H o f j u d e" war es, von dem man jetzt sprach, und alle Leute, die zur Trauung gekommen, drängten sich aus dem Bethause heraus und umdrängten den Schammes, der dem Rabbiner soeben die Nachricht gebracht hatte, daß die Trauung nicht vor sich gehen könne, indem die Braut von schwerer Krankheit befallen, bewußtlos liege. „Helft Leute mir mein Kind nach Hause bringen," flehte Rebb JonathanBeer, und wirklich fanden sich nun auch bald einige