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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-09-04 · N° 36. (4.9.1878) · p. Seite 285

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 36. (4.9.1878)
Date
1878-09-04
Page
Seite 285 (sequence 7)
Language
German
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— 285 — Männer, welche Abraham auf ihre Schulter nahmen und den Leblosen in das Haus seines Vaters brachten.- * * * In dem Hause, wo kurz vorher die Hochzeitsgäste geweilt hatten, saß am Bette der kranken, vielleicht sterbenden Sidonie ihre Mutter, während der Banquier allein in seinem Gemache heftigen Schrittes auf und niedergeht. „Ich bin verloren," sagteer, „die letzte Hoffnung ist vorbei, diese plötzliche Krankheit Sidoniens hat alle meine Berechnung zu Schanden gemacht. Ich muß von hier stiehen, ich kann den Anblick all derUngtücklichen nicht ertragen,die vertrauensvoll ihr Hab und Gut mir anvertraut haben. Ich muß fort." „Du mußt hier bleiben, Du mußt zeigen, daß Du ein Mann von Ehre bist," sagte plötzlich eine Stimme, — es war die Gattin des Banquiers, die leise eingetreten war. „Du mußt dem Unglücke die Stirne bieten, wie Du es dem Glücke gethan hast." „Welche Sprache führst Du plötzlich?" „Im Glücke bedurftest Du nicht meines Rathes, meines Trostes, drum war ich still, sah und hörte nur ohne zu sprechen, doch jetzt ist es ein Anderes." „Was willst Du damit sagen, was kannst Du von den Geschäften misten?" „Was ich wissen kann! Mehr als Du glaubst! Schau diese Ringe um die Augen, weißt Du woher sie kommen? Bon schlaflosen Nächten. Du glaubst, ich weiß und versteh' nichts vom Geschäfte, Du selbst hast mir jedoch alle Vorkommnisse, alle Unglttcksfälle erzählt. Ja, Du, staune nur, Nachts wälztest Du Dich unruhig, von schweren Träumen gequält, auf Deinem Lager umher, und redetest im Schlafe, und ich erfuhr daraus, daß Dein Ruiu unabwendbar sei. Und dennoch schwieg ich bei Tag, denn ich konnte nicht helfen. Das Unglück ist über unser Haus gekommen und ein neuer Schlag hat uns getroffen " „Ist Sidonie todt?" „Nein, Gott sei es gedankt, doch Alphons . . ." „Was ist mit ihm, diesem Unglücklichen?" „Er hat sich von hier entfernt, nachdem er sich meines Schmuckes und des Bargeldes bemächtiget hat." Der Banquier war in seinen Lehnstuhl gesunken, rathlos und nur die fürchterliche Geschäftskatastrophe vor Augen. „Du mußt jetzt daran denken, Ordnung zu machen. Du mußt dem Gerichte Mittheilung von Deiner Insolvenz zukommen lasten, schnell aber, ehe es zu spät ist." „Niemals kann ich das thun, niemals!" „Und dennoch mußt Du es, weil Du ein Ehrenmann bleiben sollst. Komm laß uns beten zu Gott, dem Lenker aller Schicksale, daß er Dir Kraft gebe." „Bete Du. ich kaun nicht, was nützt das Gebet, wo Thatkraft erforderlich ist!" „Es ist der Seele heilsam, schüttet lindernden Balsam in die gequälte, zeristene Brust des Unglücklichen. Sieh Moses, wir haben 25 Jahre das Glück miteinander getheilt, jetzt wollen wir auch das Unglück standhaft miteinander tragen." „Wie? verstehe ich recht. Du wolltest mjr in's Elend folgen?" „Bin ich nicht Dein Weib?" fragte sie einfach. „O! mein Gott, mein Gott, ich glaubte verzweifeln zu müsten und diese Frau, die still duldend jahrelang an meiner Seite weilte, sie wird mir plötzlich zum rettenden Engel. Ja Du hast Recht, ich werde meine Insolvenz vor Gericht erklären . . . ." „Und jetzt Moses, laß ich Dich allein, allein mit Deinen Gedanken, um Dich vorzubereiten auf das Schwere, das Dir und uns noch bevorsteht, allein, um Deinen Gott zu finden, den Gott, den Du so lange vergessen hast." Und die Frau des Banquiers verließ das Gemach, um wreder die Pflege ihrer kranken Tochter zu übernehmen, die in tollen Fieberphaniasien schwer darniederlag. Man hatte fie festlich geschmückt, hatte ihr den langen weißen Brautschleier rm Haare befestiget, und Sidonie ließ Alles mit sich ruhig geschehen, kein Wort war ihren bleichen Lippen entschlüpft. Und als sich nun Sidonie mit den Gästen aus dem Gemache begeben wollte, da begannen plötzlich ihr die Füße den Dienst zu versagen und ohnmächtig war sie zusammengebrochen. (Fortsetzung folgt.) Die Verbündeten.*) Zu Noah's Arche hin eilt athemlos. Inmitten anderen Gezüchts, die Lüge. Sie fällt auf's Knie und stammelt: „gält' es blos Mein armes nacktes Leben, o ich trüge Verlangen nicht, gerettet noch zu werden; Doch ohne mich, wie gab' es Heil auf Erden!" „Wo ist, sag' an" — so herrscht sie Noah an — „Wo ist wohl dein Genoß, dein Ehemann? Für alte Jungfern, für den Hagestolz Ist nicht gewachsen traun der Arche Holz, Stur den Gepaarten öffnet sich die Pforte. So trolle dich hinweg von diesem Orte!" Sie hinkt davon mit unterdrücktem Fluche, Macht sich nach Gleichgesinnten auf die Suche. Man weiß es männiglich wie schöne Seelen Sich stets begegnen ohne je zu fehlen. Bald trifft sie einen Wicht gemeinen Wesens, Sie macht mit ihm nicht so viel Federlesens; Sie zwinkert mit verliebtem Blick ihn an, Hängt sich an seinen Arm: „Du bist mein Mann, Viellieber Frevelmuth," beginnt die Lüge, „Mich schrecken nimmer deine wilden Züge, Gefällst mir so, mehr als ich sagen kann." „Laß los", brummt dieser, „Jungfer Schminketopf, Du Hinkebein, laß los, du bist von Sinnen. Was hältst du mich für einen blöden Tropf, Ich sollte eine alte Metze minnen?" „Aus Liebe nicht", sagt sie, „zum Vortheil blos Nimm hin mich doch, ich bitt', sei mein Genoß! Denn Rettung gibt' s, die Arche ist nicht weit, Dort finden Unterkunft wir nur selbzweit. Mit mir in liebesinnigem Verein, Soll dein balo alle Macht und Größe sein. Schlag Männchen ein! Wir müssen uns schon sputen. Die Frommen sino geborgen und die Guten, Wie sollten wir der Welt verloren gehen!" „So — einverstanden," schnarrt der Frevelmuth, Heimtückisch lachend, „Lüge! Laß doch sehen, Was ist, was gilt dein mitgebrachtes Gut?" „Was ich erwerb' mit listenreichem Sinne Sei dein — die Lüge schwyrt's — Dir zum Gewinne Will rastlos ich erschleichen und erraffen, Für dich nur sollen meine Ränke schaffen." Das Bündniß ist geschloffen. Hand in Hand So zieh'n sie hin der Arche zugewandt. Das Paar nimmt Noah auf, und als die Fluth Verlief, da kamen Lüg' und Frevelmuth Wohl als die ersten auf das trock'ne Land. Gerettet will Frau Lüge nunmehr lösen Das in,der Roth geschloff'ne Eheband. Doch Frevelmuth rust höhnisch: „Holdes Wesen, Ich gebe deinen Schwur Dir nicht zurück: Es bleibt an mich gebunden dein Geschick!" Er packt dabei sie an mit rauher Faust, Daß ihr vor seinem Blick und Griffe graust. Gezwungen so, doch oft aus freiem Hange Zieht mit dem Frevelmuth an einem Strange Die Lüge. Ach was hilft ihr all ihr Klagen, Die keinen ernsten Widerstand darf wagen. Was sie erschleicht, erlistet, kömint zu Gute Nur ihrem Ehgespons. dem Frevelmuthe. Der hält sie fest bei ihrem eignen Worte, Mit dem sie ihni, was sie erwirbt, verschrieben. So treiben sie's seither an jedem Orte; So war es und so ist es auch geblieben. — Vielleicht — zu hoffen wär' es zwar vermessen. — Daß man daran was ändert in Congressen. Und dieser vorsündfluthliche Vertrag, Er gilt im gleichen Falle heutzutag. Die Lüge schasst nur für den Frevelmuth. Gerade wie in jener Fabul.i, So gab im heißen Kampf Rumänia Auch für den Russen hin ihr Gut und Blut Und muß zum Danke noch mit schwerem Herzen Das schöne Bessarabien verschmerzen. Brünn, Juli 1878. vr. B. Placzek. *) Frei nach einer morgenländischen Sage.

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