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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-09-04 · N° 36. (4.9.1878) · p. Seite 282

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 36. (4.9.1878)
Date
1878-09-04
Page
Seite 282 (sequence 4)
Language
German
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282 — werben. Vor längerer Zeit mußte der Brieger Vorstand die Uebernahme dieses Amtes seinem Schächter untersagen und in diesen Tagen wurde ein oberschlesischer Rabbiner aiigefragt, ob es einem jüdischen Schächter religionsgesetzlich gestattet sei, die Trichinenschau bei Schw.inen zu übernehmen Jener Rabbiner war gewiß in eigenthümlicher Verlegenheit; denn über diese interessante sprechen sich weder die noch die DWnx in ihrem gelehrten Responsen aus. Wenn das so weiter geht, wird eine gewandts Person bald die Aufgabe bewältigen, am Sabbath und am Sonntag Glöckner und Kirchendiener zu sein. Difficile est satiram non scribere. Hann. Münden, 23. August. (Oc-Corr.) Am 14. d. M. feierte die hiesige israelitische Gemeinde ein schönes Fest, es war dies die Einweihung der Synagoge, welche bei dem ftattgehabten Brande vom 2.—3. Februar d. I. sehr beschädigt worden war. Unter der Leitung des Herrn Baumeister Ronneke, sowie des Vorstandes der Synagogengenieinde, Herrn Stegmann, war die Restauration ausgeführt und prangte die Synagoge in ihrem schönsten Schmucke. Nachdem der Cantor Herr N. H. Hatz als Beginn der Feier eine Solo-Piöce (Lla towu), begleitet von der Musik des Orchesteroereins, mit seiner sonoren Tenorstimme vorgetragen, wurde die Thora, begleitet von 2 Greisen und 17 weißgekleideten Kindern mit Kränzen, unter den Klängen der Musik und des Gesanges in das Heiliglhum gebracht. Hierauf intonirte der Cantor wieder eine Solo-Piöce (uvnucho jomar) und wurde hiernach eine Cantate mit Musikbegleitung gesungen. Dann folgte die Predigt des Landrabbiners Herrn Dr. Guttmann aus Hildesheim , ein rhetorisches Meisterwerk, welche so recht vom Herzen kam und zu Herzen drang. Dieselbe wurde stenographirt. Die Theilnahme der Einwohner Mündens war eine große, selbstredend waren auch die Spitzen der Behörde erschienen, welche am Schlüsse der Feier dem Herrn Dr. Guttmann für seine begeisterte, schwungvolle Rede und dem Vorstande und dem Cantor für das herrliche Arrangement ihren Dank und ihre Anerkennung nicht versagen konnten. Die Gesang-Piöcen waren größtentheils Compositionen des Herrn Hatz, dessen Name als Herausgeber der traditionellen Sy»agogengesänge nicht ganz fremd ist. Ein Festball vereinigte die Festtheilnehmer von Nah und Fern bis zum andern Morgen in schönster Harmonie. — Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß der hiesige Orchesterverein in freundlicher und liebenswürdiger Weise die Ausführung des musikalischen Theils des Festes in der Synagoge übernommen halte, wofür demselben der Dank der israelischen Gemeinde hiermit ausgesprochen werden soll. * München 25. Aug. (Or.-Corr.) Die hiesige und die sonstige süd-deutsche klerikale Presse hat in Judenhetzerei seit Jahr und Tag alles Mögliche und noch etwas darüber hinaus geleistet, die norddeutsche hat ihr redlich nachzusireben sich bemüht, und die feudal-pietistische, die christlich-soziale u. s. w. haben wieder an ihrem Theile recht Namhaftes in dieser Richtung aufzuweisen. Dennoch hat dieser Tage das „Vaterland" allen Blättern ähnlicher oder gesinnungsverwandter Richtung den Rang abgelaufen und — der Große ist ja gerade auch im Kleinen groß — das „Vaterland" bedurfte zu seiner großartigen Leistung nur weniger Zeilen oder Worte. — Wie bekannt, sind in voriger Woche drei Berliner Touristen und zwei Führer in den schweizer Alpen verunglückt. Darüber schreibt das Vaterland: „Drei junge Juden aus Berlin, Mediziner, sind beim Bergsteigen in den Alpen verunglückt; zwei sind todt, einer schwer verwundet. Es gibt aber immer noch genug Juden." — Ob es wohl möglich ist, mehr brutalen Fanatismus, mehr rohen Haß anläßlich eines beklagenswerthen Unglückfalles kund zu geben? Das ist also die innerste Herzensregung eines gut-katholischen, eines christlichfrommen Blattes! Doch wir sind weit davon entfernt, Christenihum, christliche Liebe für solche Gemeinheit, die eines über den Tod eines Feindes jubilirenden Aschanti's würdig ist, verantwortlich zu machen. Schreiben wir es zu dem Uebrigen. Rumänien. I. F. Hamburg, 20. August. (Or. Corr.) (Schluß.) Wie Sie aus dem Citirten erseheu, haben die Ansichten der rumänischen Presse in Sache der Austragung der rumänischen Judenfrage einen raschen Umschwung zu Gunsten derselben genommen. Denn „Romanul", der erst vor wenigen Wochen die Zusammenberufung einer Constituante in Sachen der rum. Judenfrage für geradezu unmöglich hielt, weist nunmehr sogar auf deren eventuelle Notbwendigkeit hin. — Wie sich die Zeilen und Ansichten doch ändern können! — Sehr zutreffend sind die diesbezüglichen Bemerkungen der in Bukarest erscheinenden „Pressa" (Hauptorgan der Opposition der sog. „Weißen" oder „Conservativen") „Romanul", so schreibt die„Pressa", habe, als ihn die Kunde von der Seitens des Congresses beschlossenenen Gleichstellung der rumänischen Juden ereilte, förmlich wie ein feuerspeiender Berg Lava ähnliche Wuthausbrüche gegen die Juden nach allen Seiten hin geschleudert, und die gesummte radicale Presse unterstützte ihn wacker und muthig in diesem Unternehmen, lediglich zu dem Zwecke, um die Aufmerksamkeit des rumänischen Volkes von den anderweitigen zahllosen politischen Gebrechen und Mängeln der Bratiano-Rosetti-demokratischen Regierung eine Weile abzulenken; aber die allgemeine Meinung wußte bald hinter diese Taktik des Radicalismus zu kommen und nunmehr berührt die rumänische Preffe vie Judenfrage nur en passant." — Wir haben also allen Grund zu hoffen, das die Austragung der rumänischenJudensrage doch noch einen günstigenVerlauf nehmen wird, wenn auch der Mainzer „Israelit" neulich aus jener gottgefälligen Lammfrömmigkeit eure von der „Nordd. Allg. Ztg." gebrachte Corresponbenz aus Bukarest, ohne jeglichen Commentar wiedergab, wonach alle unsere Errungenschaften am Berliner Congresse in Frage gestellt werden.*) Ich theile Ihnen bei dieser Gelegenheit mit, daß die am 15. und 17. Juli A. Sr. zu Darohoi stattgefundene Schwurgerichtsverhandlung in Sachen der Cunara-Darabaner Affaire, in Folge Nichterfüllung mehrerer Formalitäten w i eder verschoben werden mußte. Die begonnenen Verhandlungen gaben „Romanul" Veranlassung zu einigen spöttelnden Bemerkungen (allerdings im gelinden Tone) gegen die Juden. Er schreibt: „Am 15. Juli um 11 Uhr Vormittags, seufzte der Saal des Geschworenhofes unter der Last des zuströmenden Publikums. Es war Sonnabend, und die Juden nahmen alle Plätze in Beschlag; sie waren in Festkleidern erschienen mit runden Hüten, mit bis zu den Fersen reichenden Röcken, mit gestutzten Bärten und traditionellen Löcklem. Der Saal war derart von Juden überfüllt, daß die Christen im Corridor Aufstellung nehmen mußte." Sodann erzählt „Romanul" unter Anderem von einem komischen Zwischenfall, der große Heiterkeit erregt haben soll: Ein bei der Darabaner Affaire in Mitleidenschaft gezogene, nunmehr als Kläger und Zeuge erschienene Jude, beantwortete alle Fragen der Vorsitzenden deutsch. Der Präsident ruft einen der rumänischen und deutschen Sprache kundigen Juden herbei und bestellt ihn zum Dolmetscher. Nachdem dieser den Schwur geleistet, wird der deutschsprechende Jude vom Vorsitzenden folgendermaßen befragt: „Woher bist Du?" A.: „Vom Auslande." F.: „Aber von wo?" A.: „Aus Harlau." F.: „Aber Harlau liegt ja in der Moldau!" A.: „Ich weiß es nicht." F.: „Wo ist Dein Wohnort?" A: „Darabani." F.: „Wie lange wohnst Du in Darabani?" A.: „Seit 16 Jahren." „Dann muß es mich Wunder nehmen, versetzte der Vräiident, bist im Lande geboren, wohnst in Darabani seit 16 Jahren, ohne die Landessprache zu verstehen!" Der Angeredete erwiedert dann durch seinen Dolmetscher, daß er wohl etwas runlünisch verstehe, jetzt aber in Folge seiner Erregung alles vergessen habe." — Dieser Zwischenfall gehört jedenfalls zu den Seltenheiten, da im Allgemeinen fast jeder rumänische. *) Der „Israel." hatte allerdings gen. Corresp. ohne Commentar ab qed ruckt, es ist jedoch nicht anzunehmen, daß er ihr zugest immt haben könne. (Red.)

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