Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 35. (28.8.1878)
- Date
- 1878-08-28
- Page
- Seite 276 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rumänien. I. F. Hamburg, 20. August. (Or.-Corr.) Gestatten Sie mir, Ihnen die Stimmung der rumänischen Journale in Betreff der Judenfrage vorzuführen. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hatten die Rumänien betreffenden Congreßbeschlüffe in der rumänischen Preffe große Bestürzung und Unwillen hervorgerufen und namentlich „Nomanul" geberdete sich wie Jemand, der aus Verzweiflung unzurechnungsfähig geworden und beeilte sich in einem Athemzuge allen sieben europäischen Großmächten jedes Gefühl für Gerechtigkeit und Ehre abzusprechen. „Romanul" und mit ihm die gesammte radicale rumänische Preffe gab zu, daß Bessarabien verloren werden könne, sobald Rußland brutale Gewalt in Anwendung bringen würde; in Betreff der Juden-Emancipation aber, behauptete „Romanul", sei die ganze Macht aller europäischen Großmächte nicht im Stande, Rumänien zu zwingen, daß es seine Constitution modificire, einer braven lebensfähigen Nation könne so was gegen ihren Willen unmöglich aufgedrungen werden! — Nun erst, nachdem einige Wochen seit Schluß des Congreffes ins Land gegangen sind, haben die kindlichen Wuthausbrüche einem weit ruhigeren Ernst Platz gemacht, und selbst der sonst in hyperliebenswürdigen Auslassungen gegen Juden so eifrige, unermüdliche alte Kämpe „Romanul" scheint bei reiflicher näherer Prüfung des Unvermeidlichen sich eines Befferen besonnen und seine ruhmredige hartnäckige Sucht, der Gewalt zu imponiren, zur Hälfte eingebüßt zu haben. Denn in seiner Nummer vom 6. d. M. erörtert „Romanul", ob der Retrocedirung Beffarabiens die Zusammenberufung einer Constituante voraufgehen müffe, und gelangt zu dem Schluffe, daß es angesichts der Rumänien vom Congreffe gewaltsam aufgedrungenen Retrocedirung überflüffig wäre, eine Constituante einzuberufen, da Rumänien machtlos sei diesem Congreßbeschluße entgegen zu treten und sich einfach, wenn's nicht anders sein kann, willig fügen müffe. Dann aber wäre die Zusammenberufung einer Constituante gefahrdrohend für die schwer erkämpfte Souveränität des Landes, da die feindlichen Elemente bei dieser Gelegenheit ihren verderblichen Einfluß geltend zu machen suchen würden. — „Wie werden wirs beginnen, fährt „Romanul" in seiner Erörterung fort, um der Zusammenberufung einer Constituante in Sachen der Judenfrage vorzubeugen, welche Frage wir, um die Constitution nicht in directer sichtbarer Weise zu verletzen, keinenfalls auf dieselbe Linie mit fremden Fragen setzen können?" — Wenn wir einen Blick auf die Institutionen desjenigen Landes, welches die Mutter des Parlamentarismus ist, werfen würden, wenn wir die von diesem Lande befolgte Procedur zu adoptiren geneigt wären, dann wäre vielleicht der Weg gefunden, Europa eine vorläufige Satisfaction zu geben, bis das Land die Nothwendigkeit fühlen würde, seinen fundamentalen Pact zu modificiren. — England hat durch eine einfache Nicht - bethätigung, die Prinzipien früherer Jahrhunderte, die in verschiedenen Acten niedergelegt waren, und deren Gesammtheit seine Gesetzgebung constituiren, abrogirt, derart alle möglichen Fortschritte realisirt und allen modernen Ideen Rechnung getragen. Falls aber die Anwendung eines ähnlichen Vorgehens mit dem System unserer Gesetzgebung unvereinbar wäre, dann natürlich wird früher oder später die Zusammenberufung einer Constituante unbedingt nothwendig sein behufs Austragung des einzigen Punktes der Congreßbestimmungen,der den Artikel 7 unserer Constitution modisicirt." (Schluß folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der neugewählte Reichstag zählt fünf jüd. Mitglieder: Lasker, Bamberger, Wolssohn, Sonnemann, Mendel. Der aufgelöste zählte deren sieben, allein! Frankenberger, der sicherlich wiedergewählt worden wäre, hatte unter Bedauern aller Liberalen — es ist dieses ihm in einer höchst anerkennenden Adreffe ausgedrückt worden — abgelehnt, und Max Hirsch mußte in Berlin, wo er Anfangs wiederaufgestellt war, dem Compromiß der Fortschrittler mit den Natioralliberalen weichen. Bonn. Gegen die Wahl des bekannten Or. Schreiber aus Elbing zum hies. Rabbiner wird, wie das gar nicht anders zu erwarten war, von einer großen Anzahl der Gemeindemitglieder bei der Regierung protestirt. Mühlhausen (Elsaß). Als ein Curiosum oder ohne Zweifel Unicum mag erwähnt werden, daß das „Israelitische Elsaß-Lothringen (1' Alsace-Lorraine Israelite) seinen Lesern die Reichstags-Candidatur des Kreis-Direktors Herrn von Stichaner für den Wahlkreis Hagenau-Weißenburg empfiehlt. Es geschieht das freilich unter der Verwahrung, daß dem Blatte die Politik ganz fern liege und es sich jeder Einmischung in nicht jüdisch-religiöse Angelegenheiten durchaus enthalte, aber — es geschieht doch, und zwar speziell mit dem Hinweise auf die gute Gesinnung des Hrn. v. Stichaner gegen die Israeliten seines Kreises (Weißenburg), so daß eS eine Pflicht der Dankbarkeit sei, wenn diese ihm ihre Stimmen geben. Das Blatt steht übrigens wohl überhaupt in näheren Beziehungen zu den Reichsbehörden. (Hr. v. Stichaner ist übrigens bei der Stichwahl, um die es sich handelte, unterlegen.) Teplitz. Der deutsche Kaiser hat dem verdienstvollen hiesigen Badearzt l)r. Ignatz Hirsch den Titel eines Königl. preuß. Sanitätsraths verliehen. W. Eibenschitz (Mähren). (Or. - Corr). Der Eibenschitzer Bezirkslehrer-Verein, der seiner großen Majorität nach aus Slaven und Katholiken besteht, hat in seiner jüngsten Generalversammlung S. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. I. Tauber in Anerkennung seines pädagogischen Wissens und seiner Verdienste um das Schulwesen in den Vorstand gewählt. Es ist dieses der erste Fall, in welchem einem Israeliten diese Ehre zu Theil wurde. Die ausnahmsweise Würdigung des Verdienstes von dieser sonst judenfeindlichen Seite verdient lobend registrirt zu werden. Pest. In den ung. Reichstag wurden die bisherigen vier isr. Abgeordneten (Wahrmann, Chorin, Mandel und Schwab) wieder- und zwei (Ludwig W e i ß - Temesvar, und Felix Mende-Pest) neugewählt. Pest. Jstoczy soll die Versicherung gegeben haben, seine judenfeindliche Gesinnung fortan aufzugeben, er habe als Beweis desien seine Zeitschrift eingehen lasten.... Die Juden des Eisenburger Comitats gaben ihm darauf hin ihre Stimme! Paris. Ueber die Verhandlungen auf der jüngsten Generalversammlung der Alliance Isr. Univ. sind uns nachträglich mehrere Berichte zugegangen; da dieselben bezüglich der Resultate nicht ganz übereinstimmen und wir überdies über den äußern Verlauf bereits berichtet haben,*) so halten wir's für das Richtigste, die authentischen Protokolle abzuwarten, welche im nächsten Bülletin der Alliance erscheinen werden. Amsterdam. Bezüglich der in Nr. 29 gebrachten Mittheilung, daß vor 20 Jahren ein orthodoxer hies. Dajan einen Kohen mit einer Chaluza getraut habe, erhallen wir von Hrn. M.' Roest die berichtigende Notiz, daß die betr. Chaluza eine Tochter jenes Dajan war und daß die Kidduschin nicht vom Vater selbst und überhaupt nicht in Amsterdam gegeben wurden. Copenhagen. Hr. Oberrabbiner Prof. vr. Wolff feiert am 8. October c. das 50jährige Jubiläum als Copenhagener Rabbiner. *) In vor. Nr. muß es gegen Schluß des Leitartikels: Gottschalk Levy (Berlin) — heißen.