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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-28 · N° 35. (28.8.1878) · p. Seite 277

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 35. (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
Seite 277 (sequence 7)
Language
German
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— 277 — Petersburg. Der junge Baron David Ginzburg hat von seinem Rechte, sich durch Lösegeld vom Militärdienst zu befreien, keinen Gebrauch gemacht; er trat als Freiwilliger bei den Ulahnen ein. (Herr G. bewies sich auch jüngst als Freund und Förderer der jüdischen Literatur — wie „Hameliz" berichtet.) Serbien feiert am 22. August das Fest der Unabhängigkeit; die Proclamation des Fürsten Milan enthält den Passus, daß er die von dem Congreß beschlossene Gleichstellung der Juden genau ausführen werde. Rumänien. Cogalniczeanu wird die europäischen Höfe bereisen, um Aenderung an der Judenclausel des Berliner Vertrages zu erwirken, man wolle die Juden nur allmählich gleichstellen. Einige Juden sollten vorläufig zu Mitgliedern der demnächst zusammentretenden Kammer ernannt werden. Feuilleton. Bankier und .Handelsjude. Eine Erziihltmg aus dem Leben von Ad. v. Zemlinszty. (Fortsetzung.) „Wenn ich todt bin, nicht wahr, das wolltest Du sagen?" „Nun ja, Du weißt ja doch, daß die Menschen nicht ewig leben können." „Dies Vermögen, welches Du nach meinem Tode zu erben gedenkst, existirt nicht mehr, ich bin zu Grunde gerichtet." „Dann hast Du mich betrogen, Vater!" rief Alphons zornig, >,dann steht es Dir schlecht an, noch weiter den Banquier zu spielen; im Gegentheil, Du mußt zusammenraffen, was Du noch in der Caffa vorfindest, was Du noch schnell realisiren kannst, und mußt das Weite suchen, an irgend einen anderen Ort, wo man Dich nicht kennt, neu zu arbeiten beginnen. Bist ja noch kräftig genug, versuche es wieder von vorne, es muß Dir gelingen, damit ich nicht etwa statt Geld nur Schulden erbe." „Und wenn ich Deinem Rath folgen würde, was würde dann aus Dir, mit was würdest denn Du^Deinen Lebensunterhalt verdienen?" „Ich? komische Frage, ich würde durchaus nichts Neues anfangen, sondern so fortleben wie bisher. Zum Geld verdienen wirst ja doch Du allein ausreichen." Das Gesicht des Banquiers war dunkelroth geworden, mit einer raschen Bewegung ergriff er die Reitpeitsche, welche sein Sohn auf den Tisch geworfen hatte, ein Hieb, und blutig durchzog eine Schramme das Gesicht des ungerathenen Sohnes. Alphons stieß einen Schmerzensruf aus und wollte sich rücksichtslos auf seinen Vater stürzen, doch dieser hatte abermals die Peitsche zum Schlage erhoben. „Dieb!" donnerte ihm der Banquier entgegen, „nicht weiter. Hinaus aus diesem Gemache, und nimmer betrete mehr das Haus Deiner Eltern. Ich sage mich los von Dir, Du ehrloses Ungeheuer. Also auch mich willst Du zum Diebe machen, sowie Du es bereits geworden bist. Nieder auf Deine Knie und gestehe —. Doch nein es bedarf nicht erst Deines Geständnisses, die Beweise sind ja vorhanden." „Dieser Ring hier," und der Banquier zog einen Goldreifen mit grünem Steine aus der Tasche, „dieserjRing gehört Dir, ich hatte selbst Dir ihn gegeben, ich habe ihn in jener Unglücksnacht im Caffazimmer gesunden. Diese Wechsel hier," und abermals griff der Banquier in die Tasche und zog einige Papiere hervor, „sind mit meiner Unterschrift versehen, die Du nachgeahmt. Deinetwegen wurde ein Unglücklicher gebrandmarket, deinetwegen muß Deine arme Schwester ihr Lebensglück opfern damit ich im Stande bin, das Defizit zu decken, welches durch, Deine Schandthat entstanden ist. Fort jetzt!" Und mit gebietender Handbewegung zeigte der Banquier nach der Thüre. „Und diese Schramme in meinem Gesichte, sie soll Dir theuer zu stehen kommen," schrie Alphons wüthend und verließ das Gemach. „Was soll ich jetzt, was soll ich?" jammerte der Banquier schluchzend und verbarg sein Antlitz in beide Hände. 9. Frei! Auch im Hause des Rebb Jonathan Beer gab es gar trübe, traurige Tage. Theilnahmslos, stumpfsinnig saß der Hausvater immer in seinem Sorgenstuhle und schaute zur Decke empor, ohne mit den Anwesenden zu sprechen. Aengstlich blickte seine Frau zeitweilig zu ihm hinüber oder begann ein gleichgiltiges Gespräch anzuknüpfen, ohne jedoch jemals eine Erwiederung zu vernehmen. So war es auch eines Abends, drei Tage nach den Ereignissen, welche sich im Hause des Banquiers zugetragen hatten. Nur unvollkommen erleuchtete die räucherige Oellampe das kleine Gemach und Niemand bemerkte daher auch die Gestalt, die im Rahmen der Thüre stand und zagend die Hände zur Bitte gefaltet die Wohnstube betrat. „Wer kommt zu uns?" fragte die Hausfrau und breitete schirmend ihre Hände über die Augen, um besser sehen zu können. „Wer ist's?" fragte sie. „Ich bin's, Mutter!" gab die Gestalt mit zitternder Stimme zur Antwort. „Heiliger Gott! Abraham! Abraham!" und die Mutter schloß den Angekommenen an ihre Brust und herzte und küßte ihn, und Rebb Jonathan Beer war ebenfalls aufgesprungen und plötzlich war die Stumpfheit, welche seine Sinne umfangen gehalten hatte, gewichen, als er die Stimme seines Sohnes vernommen hatte. Er drängte sanft seine Frau zur Seite und freudeschluchzend nahm er den Kopf seines armen Lieblings zwischen seine beiden Hände und küßte ihn immer und immer wieder. „Bist Du krank, Abraham?" fragte die Mutter, nachdem sich der Freudensturm gelegt hatte, „Du siehst leidend aus." „Sei unbesorgt Mutter, ich habe Fieber bekommen, doch glaube ich bald wieder ganz gesund zu sein." „Wie kommt es Abraham," fragte der Vater, daß man Dich so plötzlich freigelaffen?" „Onkel Königstem hatte, wie ich erfahren, eine Unteredung mit dem Gerichtspräsidenten gehabt, die mehrere Stunden gedauert haben soll und in Folge welcher ich heute für frei und schuldlos erklärt wurde." „Gott möge es ihm vergelten." „Er hat seine Pflicht gethan," sagte Rebb Jonathan Beer finster, „seine Pflicht nur, und diese vielleicht später, als es sein sollte. Doch sage mir, wer hat das Verbrechen begangen." „Ich weiß es nicht," sagte Abraham zu Boden blickend. „Aber ich weiß es, Abraham, ich weiß es, für wen Du leiden mußtest, und auch Du hast es gewußt und geschwiegen. Aber wehe ihnen, sie sollen es mir vergelten, alle diese Leiden, mein armer, armer Sohn." Und in kindlicher Freude küßte der Alte seinen Sohn immer und immer wieder. „Sage mir Abraham, wie kamst Du an jenem unglückseligen Abend in's Spielhaus." „Höre Vater, eines Tages will ich es dir erzählen, heute bitte ich Dich mir die Antwort zu erlaffen. Ich bin müde und abgespannt, ich glaube Ruhe wird mir wohl thun, wird mir frische Kräfte geben. Gute Nacht." Und die beiden Alten geleiteten den Sohn zur Ruhe, und zum ersten Male schlief Abraham wieder seit Monaten im elterlichen Hause. Doch nicht erquickend, nicht stärkend sollte dieser Schlaf sein. Ein wilder Schrei machte die Eltern in der Nacht von ihrem Lager auffahren und als sie nach Abraham sahen, fanden sie diesen mit fteberglühendem Antlitze irre Worte ohne Zusammenhang ausstoßend. Er war jetzt „frei", doch ein böses Fieber hatte ihn neuerdings gefangen genommen. (Fortsetzung folgt.)

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