Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-28 · N° 35. (28.8.1878) · p. Seite 275

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 35. (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
Seite 275 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9583169--3721-9583174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 275 — Herrn Twerski gesprochen und der Deputation angehörte, welche in dieser Angelegenheit nach Lemberg entsendet wurde, glaube ich mich zu einer Aufklärung verpflichtet, und zwar nicht bloß in meinem, sondern auch im Namen jener Herren, welche in Brody und Lemberg mit mir dieselbe Sache vertraten. Es war nicht Popularitütshascherei, die unser Verhalten bestimmte. Denn wir wissen, wie wandelbar Volksgunst überall, namentlich in Brody sei. Es war nicht Angst vor dem Volkszorne, denn wir hätten uns der Sitzung enziehen, oder passiv bleiben können. — Es war nicht gläubige Anhänglichkeit am Rabbi, denn keiner der Herren, welche tm Gemeinde« rathe das Wort führten, kann besten verdächtigt werden. Es war blos die Ueberzeugung, daß die Anwesenheit des Rabbi der Stadt pekuniären Vortheil, ohne moralischen Nachtheil, bringe, daß die Zeit, für das vorgeschrittene Brody wenigstens, vorüber sei, wo ein Rabbi eine ganze Bevölkerung verfinstern und die aussteigende Kultur zurückstauen könne, daß die Zeit vorüber sei, wo man einen harmlosen, alten Mann, der aus einem Staate der Willkühr in einen Rechtsstaat flüchtete, polizeilich Hetzen könne, bloß deshalb, weil ein zahlreicher Anhang an seinem Rathe hängt, endlich daß wenn ein Graf Goluchowski, der für die gulizische Volksbildung ungleich mehr geleistet als jämmtliche jüdische Communen Galiziens, es nicht verschmähete, sein Schloß einem Rabbi zu öffnen, es auch nicht der Brodyer Gemeinde verübelt werden darf, im Interesse der Erwerbsktusten einen Mann in ihrem Bereiche zu dulden, der in Zeiten allgemeiner Stagnation und bitterer Noth, einiges Leben, einigen Broderwerb und viele wohlhabende Fremde in die Stadt brachte, deren fast gesummte Bevölkerung einmüthig für sein Verbleiben, sowohl aus Humanitären Gründen, als aus egoistischen Zwecken eiutrat. Hochachtend Herzberg-Fränkel. Brody, am 31. Juli 1878. Budapest, Ende Juli. (Or.-Corr.) Vor einigen Wochen verschied der Bezirksrabbiner in Kajür-Siöfok-Enying, Gabriel Dessauer, dessen Namen und Wirken weit über die engen Marken seiner Ortschaften hinaus in ganz Ungarn rühmlich erklang. Die hres. Blätter brachten ausführliche Nekrologe. Eines, das auch das wohlgetroffene Bildniß des als Rabbiner und Schriftsteller ausgezeichneten Mannes gab, schreibt über ihn: „Der Mann, dessen Bild die heutige Nummer ziert, war der rühmlichst bekannte Gelehrte, der es, wie selten Einer verstanden hat, das Nützliche mit dem Schönen in harmonischen Einklang zu bringen, als Schüler des *1212 DÜP! echte Religiösität mit zeitgemäßer Bildung zu vereinen und in seinen Gemeinden vom Jahre 1840 durch volle 38 Jahre segensreich zu wirken. Seine trefflichen gottesdienstlichen Vorträge, welche sich in den angesehensten Gemernden wie Pest, Ofen, Neutra, Preßburg, Papa, Naab, Weßprim u. s. w., des größten Beifalls erfreuten, sowie deffen herausgegebenen Werke: (Preßburg 1838) Jlpl 21'8 bv 'TIK'ni DlJPin 1) T* 2) Slriel, Erläuterungen talmud. Allegorien (Pest 1859), 3) möT 'W ein Seitenstück zu H. Wessely's mKBfi (in Frankel's Monatsschrift günstig besprochen) u. A. sicher.t ihm einen unsterblichen Namen. An seinem Sarge sprachen der Rabbiner aus Palota, der Gemeindevorsteher Herr Sal. Heimannn, und der älteste Sohn des Verstorbenen, der als Verfasser des Spruchlexicon und Uebersetzer des und Raschi bekannte Julius Dessauer. Dieser nebst seinem jüngern Bruder vr. Moritz Deffauer, Rabbiner in Cöthen, waren von den Gemeinden zur Abhaltung eines feierlichen Trauergottesdienstes am 17. Tamus eingeladen. Es war ein erhebender, imposanter Akt der Pietät, zu welchem Deputationen von Nah und Fern erschienen waren. Auch der lutherische Geistliche und der christl. Gutsbesitzer verweilten von Anfang bis zu Ende im Tempel. Der Letzteren wegen sprach Dr. Moritz Deffauer, obgleich schon 17 Jahre in Deutschland lebend, auch einige zündende Worte in ungarischer Sprache, indem er unter Zugrundelegung der Schriftstelle (s. Könige 19,13) den Verblichenen als einen friedlichen, ruhig wirkenden und schaffenden Mann zeichnete, der seine Gemeinden Gott nicht unter Zank und Streit, in Sturm und Feuer suchen lehrte.*) Hierauf bestieg Herr Julius Dessauer die schwarz drapirte Kanzel und entwarf in erschütternden Worten ein Lebensbild des gottseligen Vaters, des allverehrten Rabbiners, dessen Tod alle Anwesenden, gegen Ende der Predigt zur Erde sich niederlassend, betrauerten, mährend der Cantor mit klangvoller Stimme das LI mol« rachamim vortrug. Holland. Arnheim. (Or.-Corr.) Die Feier des hiesigen Synagogen-Jubiläums entsprach vollständig den großen Vorbereitungen, über die in diesem Blatte schon berichtet ward. Freitag 9. Aug. fand unter großer Betheiligung die Feier statt. Die Herren Rabbiner Berenstein aus dem Haag und Dr. Frank aus Cöln hielten Festreden, überdies sprach Herr Waternau von hier, Rector einer städtischen Lehranstalt beim Beginn der Feier ein Begrüßungswort. Zugegen waren von der Behörde, der Präsident des holländischen Abgeordnetenhauses, der Präsident des hohen Rathes von Gelderland, militärische und politische Behörden, außerdem Geistliche sämmtlicher Confeffionen und andere Behörden. Um die Weihe des Festes zu erhöhen, hatte man auch den vortrefflichen Obercantor von Amsterdam, Herrn Heyman, kommen lassen, der durch seinen erhebenden Gesang nicht wenig zur Erhöhung der feierlichen Stimmung beitrug. Ein besonderes Textbuch mit zu dieser Feier verfaßten Gesängen, hebräische Gesänge wechselten mit Psalmenvorträgen ab. Beim Sabbathgottesdienst sprach vor der Thoravorlesung Herr Oberrabb. Berenstein noch ein kurzes Wort, in welchem er besonders seinen deutschen Eollegen in freundlichen Worten begrüßte, während Herr Dr. Frank nach der Thoravorlesung, auf besonderes Verlangen des Gemeindevorstandes, noch einmal die Kanzel bestieg. Es war ein erhebender Moment, als dieser, noch in der Vollblüthe der Jahre stehend, den greisen würdigen Ooerrabbiner Berenstein, den Mann, der ^ununterbrochen durch ein halbes Jahrhundert hindurch im Dienste der Religion und des conseroativen Judenthums steht, anredete und den Trostgedanken des 1L2N2 ro*tf auch in dem glücklichen Verhältniffe suchte, das obwaltet zwischen den im Amte ergrauten Rabbinen und den jüngeren. Berenstein gehört zu jenen frommen Rabbinen, die ohne Stolz und Ueberhebung, frei von jedem Fanatismus und von Verdächtigung, frei von jeder Verleumdung und niederer Gesinnung, so manchem Rabbinen des In- und Auslandes als Vorbild dienen könnte. — Samstag Nachmittag wurden, aus Anlaß des Jubiläums, den fleißigen Schülern und Schülerinnen der Gemeindeschule, welche unter der Leitung des Herrn Frankfurter und des Herrn Klein recht Tüchtiges leistet, werthvolle Prämien zuerkannt und hier war es wiederum das Vorstandsmitglied Herr A. E. Cohen, der sich um die Schule recht verdient gemacht hat. Man hört es selten in Deutschland, daß Männer, die durch ihren Beruf in vielfacher Berührung mit hochangesehenen Nichtisraeliten kon»men, das Gestandniß ablegen, wie es Herr Cohen in seiner Ansprache an die Kinder gethan, „er verkehre am liebsten mit Juden und unter Juden." Unerwähnt dürfen aber auch die Männer nicht bleiben, die um das Gelingen der ganzen Feier sich besondere Verdienste erworben haben, wir meinen den Vorsitzenden der Festcommission, Hrn. D. E. Kalker und den hochachtbaren Vorsitzeuden des Gemeindevorstandes, Hrn. Wolf, die mit Umsicht und Ausdauer das ganze geleitet haben. Die weltlichen Vergnügungen, die am Samstag Abend und Sonntag den Festtheilnehmern geboten wurden, übergehen wir- Noch lange aber werden die Festklänge nachtönen, bei allen Denen, die an dieser so geistig erhebenden und gemütherfreuenden Feier theilgenommen; aus Amsterdam, Rotterdam und anderen Hauptstädten waren viele Theilnehmer erschienen und nahmen die besten Eindrücke mit nach Hause. *) Da die Trauerrede, wie wir hören, im Druck erscheinen wird so enthalten wir uns jedes Auszuges.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.