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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-28 · N° 35. (28.8.1878) · p. Seite 274

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 35. (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
Seite 274 (sequence 4)
Language
German
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274 — vermag nicht guter Wille und eiserne Energie! Selbstverständlich konnte die genügende Summe nicht während einer Badesaison aufgebracht werden. Diese Sammlungen mußten wiederholentlich vorgenommen werden, vr. Rosin kehrte alljährlich nach Norderney wieder (mit Ausnahme des Jahres 1869, in welchem Herr Levy aus Hamburg in edler Weise eine ansehnliche Summe gesammelt hat) und recrutirte aus den neuen Curgästen auch neue Comitsmitglieder, und nahm in selbstloser Bereitwilligkeit auch neue Sammlungen vor. Dies wiederholte sich bis zum Jahre 1874. In diesem Jahre bildete sich ein definitives Comit6 aus acht Mitgliedern unter dem Vorsitze des durch seine Wohlthütigkeit und Opserfähigkeit bekannten Herrn Hirsch Oppenheimer aus Hannover. Diesem Comitä ist es gelungen, die genügende Summe für den Synagogenbau aufzubringen, der nun auch wirklich anfangs dieses Jahres begonnen und Ende Juli vollendet worden ist. Das Einweil ungsfest, bei welchem nur zwei Mitglieder des Comites, Herr vr. Rosin und Herr Bargebuhr aus Harburg (Herr Levy aus Hamburg wurde durch einen Trauerfall in seiner Familie vor dem Feste abberufen) zugegen waren, ist von diesen mit geradezu bewunderungswürdiger Selbstverläugnung und Mühe in kürzester Zeit ins Werk gesetzt worden. Aber es war ihnen auch vergönnt, einen Tag der erhebendsten Festlichkeiten zu veranstalten, welcher die Anerkennung aller Anwesenden in hohem Grade zu Theil wurde und welche einen ergreifenden Eindruck auf olle Versammelten ausübte und für sie von bleibender Erinnerung sein wird. Aber die Freude Aller sollte noch erhöht werden durch die seltene Ehre und hohe Auszeichnung der Anwesenheit Sr. Excellenz des Herrn Justizministers Leonhardt, des Herrn Landrost aus Aurich, des Herrn Kreishauptmann aus Norden, des Herrn Badecommissar u. m. a., welche der Einladung von Seiten des Comit6 gefolgt waren. Um 11 Uhr Vormittag versammelten sich die hohen Gäste vor dem Portal der Synagoge, woselbst von dem wackern und um die Synagoge hochverdienten Comit6mitgliede, Herrn Bargebuhr, in kurzer Ansprache der Schlüssel dem Landrost zur Eröffnung des Gotteshauses übergeben worden ist. Dieser erschloß das Gotteshaus mit etwa folgenden Worten: „Im Name« Sr. Majestät des Kaisers und Königs übergebe ich dieses Haus seiner Bestimmung, welches berufen ist, die Herzen zu reinigen und zu läutern." Nachdem die hohen Gäste auf die für sie bestimmten Ehrenplätze geführt worden waren, wurden die Thorarollen in feierlichem Zuge in die Synagoge gebracht, wobei der Chor abwechselnd mit dem Cantor Herrn Hoffmann aus Hannover das übliche 'fl 828 in exacter und gelungener Weise vortrug. (Es ist diese Leistung des Chores um so mehr anzuerkennen, als es von hier zur Kur anwesenden Personen erst gebildet und eingeübt worden ist.) Hierauf sprach Herr vr. Rosin ein aus dem Herzen kommendes und zu Herzen dringendes Dank- und Weihgebet, in welchem er erinnernd an all die Schwierigkeiten, welche sich dem Aufbau entgegengestellt haben, den tiefen Dank gegen Gott aussprach, der in seiner Gnade das Werk hatte gedeihen lassen und zugleich in innigem Gebete den ferner» Beistand Gottes für das Haus herabflehte. Als darauf die Thorarollen unter Chorgesang in die heilige Lade gebracht worden waren, bestieg Herr vr. Prager aus Hannover die Kanzel. In der Einleitung wies der Redner auf die Aehnlichkeit der Stimmung und Verhältnisse hin, unter denen diese Synagoge gebaut und eingeweiht worden ist mit jener zur Zeit des Baues des zweiten Tempels. Der Redner ging dann auf die Betrachtung der Bestimmung und Bedeutung de- Gotteshauses über. Diese ergab sich an der Hand eines Midrasch als eine dreifache, als Gotteshaus, als Bethaus und als Sammlungshaus. Die letztere Bedeutung komme vor Allem diesem Gotteshause zu, in welchem Israeliten aus den verschiedensten Orten sich sammeln, es gehört der Gesammtheit, nicht einer einzelnen Gemeinde, die ja in Norderney nicht existirt. Nachdem Redner seine treffliche Predigt, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck gemacht, mit einem ergreifenden Gebet beendigt hatte, sprach Herr vr. Rosin das Gebet für König und Vaterland, welches die erste Andacht in diesem Hause bildete. Ein Gesang bildete den Schluß der ganzen erhebenden Feier, welcher die anwesenden hohen Gäste in höchst befriedigender Weise ihre Anerkennung zollten. Oesterreich. Krakau, 20. August. (Or.-Corr.) Geht er oder geht er nicht? Er geht nicht. Der hiesige Rabbiner Schreiber erhielt den Antrag von den Schomre-hadat in Pest, zu ihnen als Rabbiner zu kommen und ihre Fahne, da sie vermeinen einen göttlichen Kamps zu führen, vor ihnen herzutragen. _ Er geht nicht; er will nicht gehen zu einer Partei, die weder eine Gemeinde, noch einen gesetzlichen Verein bildet, sondern nur aus zersprengten Gliedern besteht, die keinen Halt und keinen Boden haben. Die Neligionslehrerstelle an den Mittelschulen ist nun von der orthodoxen Hauptgemsinde dem Rabbiner vr. Duschak verliehen und von der hohen Regierung mit der Weisung bestätigt worden, daß er die polnische Sprache sich eigen mache, um in wenigen Jahren die Religion in dieser Sprache vortragen zu können. Dem Rabbiner Schreiber wurden 400 fl. bewilligt, um diesen so wichtigen Religionsunterricht für die Mittelschulen ohne Kampf durchzubringen. Die Gemeinde geht nun auch daran, eine Schule für den hebräischen Unterricht zu gründen, der hier über alle Vorstellung im Argen liegt. Die Kinder der Fortschrittspartei können nicht hebräisch beten, die Kinder der Stillstands- und Rückstandspartei haben von hebräischer Grammatik, die hier noch zu den Büchern der Minim gehört, keinen Begriff; allein dieser wichtige Gegenstand ruft die Opposition der Chassidim so hervor, daß an eine Realisirung noch lange nicht zu denken ist. Vergangene Woche trug man die Vorsteherin des Waisenhauses, die sich um dieses Institut unverwerkliche Verdienste erwarb, natürlich ohne Sang und Klang, aber leider auch ohne jedes Zeichen einer Ehrenbezeugung, zu Grabe, ein trauriges Zeichen der rückschreitenden Zeit. — Am 18. d. M. wurde im hiesigen Tempel der Geburtstag des Kaisers festlich gefeiert, ein kräftiger Männer-Gesangverein schloß sich dem Chore an. Die Predigt, zu welcher auch die Orthodoxen strömten, lehnte die Gelegenheitsrede an den Anfang des Wochenabschnittes : „Siehe, ich gebe vor Euch heute deu Segen." — Der Gemeindetag in Lemberg stößt auf heftige Opposition. Hier in Krakau ist auch die Fortschrittspartei kühl bis zum Herzen, weil man wenig Aussicht auf Erfolg hat, und weil das Wort Seminar in Galizien ein Schreckenswort. Herr vr. Duschak wäre der Einladung zum Gemeindetage gefolgt, doch hielt man ihn hier davon ab. Brody. Ein aus Rußland ausgewiesener Wunderrabbi hatte sich nach Galizien gewendet, und sich, nachdem sein Geschäft in Lemberg nicht gedeihen wollte, in Brody niedergelassen. Er fand Zulauf und machte viel Geld, aber die aufgeklärten Juden (so sagt man) machten die Behörde aufmerksam, und der Zaddik wurde auch aus Brody verwiesen. Darüber entstand aber unter den Gläubigen sowohl, wie unter denjenigen, welche von dem Fremdenzufluß Nutzen zogen, so gewaltige Aufregung, daß sich eine Deputation zu dem Statthalter begab und die Zurücknahme des Ausweisungsdekrets bewirkte. Es versteht sich, daß die Herren in Brody wegen dieser Schwäche und Nachgiebigkeit gegen den Abergläubischen vielfach verspottet wurden. In Nr. 16 des „Lemb. Israel." erschien nun folgende Rechtfertigung, die mir, als einen kleinen Beitrag zur Zeit- und Culturgeschichte, ohne weiteren Commentar hier mittheilen. „Herr Redacteur! In Nr. 15 des „Israelit" stellen Sie Betrachtungen über den Rabbi in Brody an und wundern sich, daß sich Männer gefunden, die seinem Verbleiben in in unserer Stadt das Wort gesprochen haben, dafür bei der Statthalterei eingetreten sind und sich so der Maffe unterordneten. Da ich im Gemeinderathe gegen die Ausweisung des

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