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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-28 · N° 35. (28.8.1878) · p. Seite 272

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 35. (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
Seite 272 (sequence 2)
Language
German
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— 272 — j! ' %?! M - l! uns die Zeit vergeht? Deine Väter müffen doch auf allerlei gedacht haben in der langen Wüste?" Wie geistreich herablassend und christlich duldsam! Zum Entzücken der lesenden Schuljugend entpuppt sich natürlich der Jude als ein schlauer, habsüchtiger und schließlich betrügerischer Patron. Auf 11 alberne Räthselfragen im Stile des selig entschlafenen Meidinger ertheilt der pfiffige Jude mehr oder minder schnurrige oder läppische Antworten, die ihm jedes Mal eine schwere Menge Zwölfkreuzerstücke einbringen. Endlich muß der Jude selbst ein Räthsel aufgeben. „Mit vielen Complimenten und spitzbübischer Freundlichkeit fragte er: Wie kann man 2 Forellen in 3 Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne eine Forelle liegt?" Der Scharfsinn des hebräischen Reisegefährten zerschellt an seinem eigenen, etwas fadenscheinigen Witze. Er kann sein Räthsel auch nicht auflösen. Er zuckt die Achseln, dreht die Augen und sagt endlich: „Ich bin ein armer Jüd — Nichts für ungut, daß ich ein armer Jüd bin" — „Daß ich's auch nicht weiß. Hier ist mein Zwölfer." Ein Lesebuch für Simultanschulen wagt man ohne Scheu mit derartiger Lectüre zu bereichern, hofft dabei noch zuversichtlich auf diese Weise „der christlichen Duldsamkeit Vorschub zu leisten" (wohl gar auch mit der Muttermilch eingesogene, christliche Vorurtheile auszumerzen?) und man hält es kaum noch der Erwähnung werth, daß dieses Lesebuch für Schulen jeder Confession geeignet ist. Wir bewundern die Naivetät der Herausgeber, welche den Schein erregen wollen, mit ihrem Lesebuche für Simultanschulen einen Culturbeitrag geliefert zu haben im Sinne des confeffionellen Friedens und der gegenseitigen Achtung. Was die Erziehung im elterlichen Hause gut macht, verdirbt hier die Schule und sogar die Si multanschule. Wie corrumpirend müffen solche haßerzeugen den Elaborate einwirken auf das harmlose und bildsame Ge müth der christlichen und jüdischen Schüler! Die höchste Au torität des Zöglings, das in der eigenen Simultanschule eingeführte Lesebuch, predigt unbedenklich Judenhaß und Judenverachtung. Was fruchten Simultanschulen, wenn derartige Lesebücher ohne Anstand daselbst paffiren dürfen? Das heißt ja den sogen. Culturkampf in Permanenz erklären und ihn schon auf die Schulbank verpflanzen. Ob die maßgebenden Personen und Behörden, welche direct oder indirect dar Dietlein'fche Lesebuch gefördert, genaue Kenntniß von seinem Inhalte genommen haben? Wir glauben dies bezweifeln zu müffen Warum sollten sie ihre Sympathie einem Buche entziehen, das, wie die Aufschrift lehrt, zum Gebrauche für Simultanschulen hergestellt ist? Uns fällt hierbei das Leffing'sche Epigramm ein: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? „Doch wird ihn jeder lesen? —Nein. „Wir wollen weniger erhoben „Und fleißiger gelesen sein." VonSchUlbüchern ä la Dietlein läßt sich allerdings behaupten: si l„Sie würden weniger erhoben, „Wenn fleißiger gelesen sein." Dieses Buch haben wir zu unserem Befremden in den Händen jüdischer Kinder vorgefunden. Zur Verstimmung und Verhetzung der Gecküther ist Nichts geeigneter, als dieses famose „Lesekülch für Simuttänschulen." Vielleicht fühlen sich jüdische Lehrer veranlaßt, in erfolgreicher Weise auf Abwehr zu sinnen und Remedur zu schaffen. —nc— Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 18. August. (Or.-Corr.) (Nach den Reichstagswahlen.) Das waren aufregende Tage, die der Wahlen zum Reichstage! Für unsere Stadt, die sich so gern als den bewährten Hort des Liberalismus rühmen hört, in mehrfacher Hinsicht beschämend. Die diesmal höheren Orts ausgegebene Parole zur Befehdung der Partei Lasters hatte hier,? avie auch aus anderen Orten gemeldet wird, einen Kampf gegen die Partei des „Juden" Laster hervorgerufen, und ein stiller Mitarbeiter der „Schlesischen Zeitung," jenes Blattes, das seit Jahresfrist in schleichenden Artikeln eine Judenhatz vorbereitet hat, übernahm das rühmliche Amt, der Pathe des sogenannten „Neuen Wahlvereins" zu sein, eines Vereins, der unter der Devise unbedingter Ergebenheit gegen alle zu fassenden Beschlüffe der Regierung alles um sich schaarte, was ein Jntereffe an einer rückläufigen Bewegung unseres Staatslebens haben mochte. Insofern glauben wir den officiellen Versicherungen des „neuen Wahlvereins" recht gern, daß ihm ein feindseliger Schritt gegen die jüdischen Bürger Breslau's nicht im entferntesten in den Sinn gekommen sei. Ist es ihm ja auch gelungen, einige derselben für sich zu gewinnen, welche die wahrlich nicht beneidenswerthe Rolle der „Paradejuden des neuen Wahlvereins" zu spielen hatten. Wie muß diesen letzteren wohl zu Muthe gewesen sein, als sie in einer der zahlreichenVersammlungen ihres Vereins nach demHoch auf den Fürsten Bismarck plötzlich ein gleichfalls anfangs mit Beifall aufgenommenes, wenn auch unmittelbar darauf mit Entrüstung zurückgewiesenes: „Nieder mit den Juden!" vernahmen. Die „Schles. Zeit." glaubt den Urheber dieses Rufes von den liberalen Parteien gedungen; sie empfindet also doch einige Scheu vor den Consequenzen ihrer Hetzartikel. — Glauben wir der „Schles. Zeit." das Unglaubliche; aber jener aufgeklärte protestantische Geistliche, Mitglied des Protestantenvereins und Hauptwortführer des „neuen Wahlve:eins," war doch sicher nicht von den liberalen Parteien gedungen, als er öffentlich bekannte, die Christen Breslau's hätten zwar keine Veranlaffung ihren jüdischen Mitbürgern ein besonderes Vertrauensvotum zu ertheilen, aber sie wären fern von den Gesinnungen eines Jsioczy u. s. w. — Nach Jerusalem möchte der Herr Diaconus uns nicht schicken, denn wo bekäme er sonst seine Prügeljuden her? Aber Vertrauen flößen wir ihm nicht ein. Es ist charakteristisch für die jenem Verein ungehörigen Juden (es sollen deren circa vier bis fünf sein), daß sie gegen«? die Auslastungen des Geistlichen nicht protestirt haben. Um so wackerer hat sich die Hbrige Judenscyaft -Breslau's benommen, und es ist wahrlich nicht ihre Schuld, wenn der Ostbezirk unserer Stadt Dank der Agitation des allerdings jetzt kleinlaut gewordenen „neuen Wahlvereins" von dem Socialdemokraten Klaas Peter Reinders vertreten wird. Ich habe Juden, die dem äußersten Flügel der Fortschrittspartei angehören und noch vor Kurzem gegen jedes Zusammengehen mit den Nationalliberalen energisch protestirt hatten, für die Candidatur des äußerst gemäßigten Nationalliberalen Leo Molinari mit dem höchsten Eifer agitiren sehen. Das war die beste Antwort auf die Verweigerung eines gar nicht verlangten „Vertrauensvotums" des neuen Wahlvereins. Uewt diesen selbst sind fast sämmtliche auswärtigen Blätter der Meinung, daß er in Breslau Helfershelfer der Socialdemo' kratie gewesen ist. — Auch von ultramontaner Seile wurde ein Sturm auf die Juden unternommen. Jedoch nicht in der gewohnten Kampfesweise, die ja andere Parteien diesmal mit dem Ultramontanismus gemein hatten. Deutschland Hat sich aber trotz der „großen Zeit" wenig geändert. Waren früher jüdische Brunenvergifter, die Pest und anderes Unheil Herberge^ führt haben sollten, so sollen jetzt jüdische „Gesetzmacher, jüdische „Wahlenmacher," jüdische „Gründer" an den schlechten Gesetzen, an den Geschäftscalamitäten u. drgl. schuld sem Der Breslauer Ultramontanismus nun ist auf ein andres

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