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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-21 · N° 34. (21.8.1878) · p. Seite 269

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 34. (21.8.1878)
Date
1878-08-21
Page
Seite 269 (sequence 7)
Language
German
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— 269 — Feuilleton. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben — von Ad. v. Zemlinszly. (Fortsetzung.) „Ich weiß Vater, es ist ungeziemend, ja eine Sünde, gegen Gott, so mit den Eltern zu sprechen, doch der Allmächtige sieht in mein Herz und weiß, wie sehr ich Euch liebe, und darum muß ich es thun, muß ich reden, muß es heute, da wahrscheinlich keine andere Stunde hiezu hiefür paffender sein kann, in der ich all den Jammer meines Herzens auszuschütten verinag. Heute will ichvor Dich hintreten und Dich fragen: Warum befindet sich Abraham Beer, Deines Bruders Sohn, noch immer im Gefängnisse, warum befreist Du ihn nicht, um ihn seinem Vater wieder zurückzugeben, ihn, den Mann, der ob dieses gräßlichen Unglückes den Verstand verloren hat, oder solltest Du etwa noch immer an seine Schuld glauben? Warum reißt Du mich von des armen Mannes Seite, wenn Du mich mit ihm erblickst? Soll ich Dir diese Fragen beantworten, Vater? soll ich? Abraham Beer sitzt heule noch ohne Urtl eil im Gefängniffe, weil er zu edel ist, um zu gestehen, daß i ch ihn in's Spielhaus gesendet habe, um Alphons zu überwachen, weil er vielleicht ahnt, daß seine Freilassung Schande und Schmach über uns bringen würde. Ja wohl, denn würde e r frei — so müßte ein Anderer den Diebstahl begangen haben, und dieser Andere müßte seinen Platz im Gefängnisse einnehmen, und dieser andere . . „Sprich nicht weiter, Sidonie! kein Wort mehr, oder bei Gott, ich vergesse, daß Du mein Kind bist!" „O, ja wohl, vergessen! Hast Du dies nicht schon längst gethan? hast Du denn nicht in dieser Minute, in welcher Du über mein Leben-glück beschloffest, vergessen, daß ich Dein Kind. Siehst Du Vater, Niemand hat es mir gesagt, wer diesen Diebstahl begangen, und dennoch weiß ich es, ein unnennbares Etwas hat mir das Geheimniß zugeflüstert. Denkst Du denn nicht, erinnerst Du Dich denn nicht, wie Du vergebens Alphons an jenem Abend gesucht? . . ." „Schweig! Er ist doch der Dieb! Meier selbst hat es gehört, als er von Gewissensbiffen gequält mit sich sprach, sich anklagte. Er ist der Dieb und fein anderer." „So! Das sagst Du Vater! Das ist das Fundament, auf welches Du Deine Anklage gebaut hast, diese Worte deS heimtückischen lügnerischen Menschen der Abraham so haßt, wie Dich und uns Alle. Und hat Meier auch gehört, daß Abraham Gelb gestohlen hat?!" „Lächerlich, was sonst als Geld! nur Geld hat mir in der Cassa gefehlt." ,/Natürlich, Du findest Vater, daß man nichts Anderes als Geld stehlen kann, Du, der Geldmann, kann es aber denn doch nicht vielleicht etwas anderes gewesen sein? Kurz ehe er dies Haus verlassen, hatten wir miteinander gesprochen und er nahm die Ueberzeugung mit sich, daß mein Herz ihm gehöre. Ist es nicht vielleicht möglich, daß Abraham in seiner Dir nur zu bekannten Bescheidenheit sich Vorwürfe gemacht hat, daß er sein Auge zur Tochter seines Chefs erhoben habe, obwohl dieser sein Onkel ist. Schau nicht so finster auf mich nieder, ja ich liebe ihn, ich gestehe es offen und frei ohne zu zögern, ohne mich zu schämen, ich bin stolz auf ihn. Kommt das Unglück, welches über unser Haus gekonunen, etwa von ihm? etwa von mir? nein! es kommt von Deinem Sohne Frag ihn wer das Geld gestohlen, und er wird Dir frech in's Gesicht behaupten: Abraham; drohe ihm jedoch mit dem Gerichte und er wird Dir eingestehen, daß er und nur er der Dieb ist." „Er ist Dein Bruder!" „O nein, nicht mehr! Seit jener Schandthat hat er sich jeden Antheiles auf meine Liebe begeben, seit jenem Tage, an welchem man einen Unglücklichen schuldlos in's Gefängniß führte." „Sidonie, Du bist rasend, solche Behauptung aufzustellen. mit was willst Du diese schwere unnatürliche Anklage beweisen? Ich wiederhole Dir nochmals, er hat mein Vertrauen mißbraucht!" „Meine Anklage sei unnatürlich? weshalb Vater? Ist es etwa natürlich, wenn der Vater, um den schuldigen Sohn zu schonen, einen Unschuldigen zum Verbrecher stempeln will? Ist es etwa natürlich, das Herz eines Menschen zu brechen, das Glück einer Familie zu zerstören? Einen Menschen der Schande der Verzweiflung zu überantworten, ist das natürlich? und Du thust es, Du thust es Vater? O, wende Dich nicht ab von mir, wende nicht ab Dein Gesicht, ich kenne Dich ja. Sieh Vater! sieh auf den Knieen mich vor Dir liegen. Dein Herz ist gut, groß, edel, trotzdem Du glauben machst, daß eine Eisrinde dasselbe umzogen habe. Ein Wort von Dir kann beseligend auf mich wirken, kann mich zur pflichttreuesten Tochter machen, und ein Wort von Dir kann mir mein Lebensglück zertrümmert zu Füßen legen." Bittend schaute die Frau des Banquiers zu ihrem Gatten auf, flehend streckte Sidonie ihre Hände ihrem Vater entgegen. Der Banqnier war weich geworden. — Eine Thräne perlte in seinen Augen und heftig bewegt umschlang er den Kopf seines Kindes und drückte einen Kuß auf ihre bleiche Stirne. „Steh' auf mein Kind!" sagte er mit solch' milder Stimme, wie man dies noch nie von ihm gehört hatte. „Verlange von mir, was Du willst, Alles will ich Dir bewilligen, Sidonie, nur nicht, daß ich meinen Plan aufgeben soll. In längstens 4 Wochen mußt Du verheirathet sein! Ich will später, bis Du ruhiger geworden bist. Dir die Gründe mittheilen, weshalb. Das Eine sage ich Dir jetzt: es hängt davon die Ehre und das Glück der Familie ab." „EhreundGlückderFamili e," wiederholte Sidonie dumpf, „deshalb muß ich gehorchen. Mein Gott! mein Gott!" schluchzte sie und eilte zur Thüre hinaus, während ihr die Mutter langsam folgte. 8. Bater und Sohn. * Der Banquier war allein im Gemache zurückgeblieben. „Es kann nicht sein, ich darf nicht Vater sein, wie ich es wohl möchte," sagte er zu sich. Ich selbst hatte schon einigemale den Geda, ken gefaßt, Abraham und Sidonie mit einander zu verheirathen, um dadurch eine Brücke zu dem Herzen meines Bruders zu bauen. Doch darf es nicht sein. In vier Wochen muß ich Geld bekommen — viel Geld, um diese Wechsel einzulösen, die meine Unterschrift tragen und doch von mir nicht sind. Ich habe die Unterschrift erkannt, und dennoch zweifle ich noch immer, daß mein Sohn, ja wohl mein Sohn, so tief, so tief gefallen ist. Und wenn auch Sidonie Recht hätte? und sie hat — dann — dann — Die Thüre wurde geräuschvoll geöffnet. Alphons trat ein, während er eine in Händen habende Reitpeitsche nachlässig auf den Tisch warf. „Was willst Du hier?" „Ich brauche Geld, Vater, viel Geld!" „Viel Geld, so, und deshalb kommst Du zu Deinem Vater?" „Natürlich, zu wem sonst!" „Zu welchem Zweck brauchst Du Geld?" „Ich habe gespielt und verloren." „So Du hast gespielt und verloren, und das sagst Du mir, mir, der ich Dir strenge untersagt habe jemals ein Spielhaus zu besuchen um dort zu spielen." „Ich glaube, Vater, Du wirst alt und dadurch etwas schwach im Kopfe, denn sonst könntest Du Dir es an den Fingern abzählen, daß ich nicht mehr im Alter der Schuljungen stehe, denn nur diesen gegenüber ist der Ton imponirend, den Du gegen mich anschlägst. Oder bist Du es nicht etwa gewesen, der mich zum Cavalier erzogen? bist Du eS nicht gewesen der mich mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, einmal der Herr über ein großes Vermögen zu werden — wenn Du — (Forschung folgt.)

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