Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-21 · N° 34. (21.8.1878) · p. Seite 267

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 34. (21.8.1878)
Date
1878-08-21
Page
Seite 267 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9583160--3712-9583165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 267 — den. So wuchs im Stillen die Hinneigung und Liebe Rumäniens zu Rußland, die namentlich von den Rothen gepflegt wird, und die au d jetzt noch trotz aller Schimpf- und Hetzartikel der rothen Blätter gegen Rußland fortdauert. Es ist nun zu befurchten, daß der gemeinsame Judenhaß zu einem Einverständnisse zwischen Rußland und Rumänien führen wird, ein Einverständniß, das die Congreßbeschlüsse, so weit sie uns berühren, illusorisch machen könnte. Ich wünsche, daß ich mich irre; aber es wird gut sein, wenn diejenigen Kreise, die Einfluß und Macht haben und mit warmem Interesse unsere Angelegenheit verfolgen, diesem Punkte ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Es dürste hier vielleicht am Platze sein, jener oft wiederholten Beschuldigung, die rumänischen Juden seien verschieden von denen in London, Paris u. s. w., ein wenig näher zu treten. Unsere russischen und rumänischen Gegner glauben damit ihren Judenhaß zu rechtfertigen; aber sie vergessen, daß sie, um sich rein zu waschen, eigentlich beweisen müßten, daß die Juden in Rußland und Rumänieu schlechter als die Russen und Rumänen christlicher Religion seien. So lange sie diesen Beweis schuldig bleiben, bleibt das Brandmal mittelalterlicher Grausamkeit und Unduldsamkeit auf ihren Ländern hasten. Die Juden in Rumänien sind schlechter als die Juden in England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich- Ungarn u. s. w.; gut, aber sind denn die Russen und Rumänen so gut wie die Engländer, Deutschen, Franzosen u. s. w.? Stehen vielleicht Rußland, Rumänien, Serbien, Montenegro auf derselben Culturftufe wie jene Länder in West und Mitteleuropa? Wir wiederholen es, die Russen und Rumänen stünden vor uns gerechtfertigt da, wenn sie zu beweisen vermöchten, daß die Juden in diesen Ländern den Christen an Cultur und Bildung nachstehen; andernfalls müssen sie sich schon den Vorwurf der Barbarei gefallen lassen. Was im Speciellen Rumänien betrifft, so will ich das Urtheil eines Mannes, der eine Reihe von Jahren in Rumänien gelebt und lebhafte Sympathien für dieses Land und seine Bewohner hat, ansühren, daraus wird sich ergeben, wie ungerechtfertigt die Judenverfolgungen in Rumänien sind und wie der Haß gegen sie durch nichts entschuldigt werden kann. Unser Gewährsmann ist, wie gesagt, ein ausgesprochener Freund Rumäniens, er verräth dies bei jeder Gelegenheit, und noch anr Schluffe ferner Schilderung des von ihm bereisten Landes sagt er: „Wir glauben unsere Schilderung des Landes mit keinem besseren Wunsche schließen zu können, als mit dem, es möge die Zukunft Rumänien als unabhängiges Land einer segensreichern Entwickelung rntgegenführen, als dies bisher unter drückender und widernatürlicher muhamedanischer Oberhoheit geschehen konnte. *) Hören wir nun, wie sich dieser Mann über die Juden in Rumänien äußert: „Daß die Juden irr vieler Beziehung den Rumänen Wohlthäter geworden sind, ist wohl außer allem Zweifel, denn das bischen Cultur, was in» rumänischen Volke steckt, ist ihnen hauptsächlich von den vielen dort ansässigeu und eingewanderlen Israeliten eingeimpft worden. Was der Rumäne braucht, außer dem von ihm selbst Gebauten, bezieht er von diesen, und d afür ist dann alle paar Jahre einmal Judenverfolgung." * 2) Ueber den Befehl des Kriegsministers an alle Commandanten der Civil-Garde, die Juden fortan zu derselben nicht mehr etnzuberufen und die bei derselben gegenwärtig sich befiudltchen bis auf weitere Ordre sofort zu entlassen, ist in diesem Blatte bereits berichtet. Thatsächlich wurden, wie ich von utehreren Seiten höre, den jüdischen Civilgardisten die Gewehre abgenommen mit dem Bemerken, daß sie von nun ab vom Dienste dispensirt sind. Die Civil-Garde vertritt int eminenten Sinne den nationalen Theil der rumän. Armee; man entläßt die Juden, um ihnen zu zeigen, daß *) S. Rudolf Henke: Rumänien, Land und Volk. Leipziq, Otto Wregand. 1877. 2) A. a. O. S. 316. man sie nach wie vor als Ausländer ansteht. Bei der stehenden Armee befinden sich aber trotzdem zahlreiche Juden, und erst in den letzten Tagen wurden mehrere unserer Glaubensbrüder, obschon sie unter fremdländischem Schutze stehen, eingereiht, um nächstens nach drr Dobrudscha commandirt zu werden. Palästina. Jerusalem, den 27. Juni. (Or.-Corr.) Indem ich zu wiederholten Malen aus diesem Blatte ersehen habe, daß darin die hiesige, nach Bildung strebende israel. Jugend gegen deren Verfolger aus der Ungarischen und Italiener Gemeinde in Schutz genommen wird, so erlaube ich mir Weiteres in dieser Beziehung mitzutheilen. Es ist hier unlänfft eine Broschüre erschienen, verfaßt von dem früher als Neologen bekannten und jetzt als Scheinheiliger maskirten Rabbiner Marcus Weber aus Ada in Ungarn (jetzt wohnhaft in Jerusalem), unter dem Titel ^313, worin derselbe besonders gegen die hier ansässigen gebildeten israel. jungen Leute zu Felde zieht und sie in schmählicher Weise angreift. Es wird aber nicht nur gegen die männliche Jugend geschimpft und geflucht, sondern das Publicum wird noch besonders gewarnt, daß auch die Mädchen keine andere Sprache als das verdorbene Deutsch lernen sollen, da dieselben sonst, wenn sie sich später verheirathen wollen, nur gebildete Männer als Ehegatten suchen werden, und dies betrachtet Herr Weber für ein sehr großes „maUieureux^, wenn Frauen eine fremde Sprache verstehen?) Es ist nur Schade um das geduldige Papier, resp. die Druckschwärze, welche zu solchen unnützen Zwecken verbraucht worden sind. Und wahrscheinlich hat der Verfasser, Herr Weber, die hiesigen, bereits durch Abdruck von hebräischen') Zeitungen verunreinigten Buchdruckereien nicht benutzen wollen, um seine heilige Broschüre zu drucken. Er ist deshalb nach Safed gereist, woselbst dieselbe erschienen ist. Herr Weber sagt in seiner Broschüre, daß er in seiner Jugend die „Sendung Moses" gelesen habe, und demzufolge mehrere Tage nicht im Stande gewesen sei, mit reinen Gedanken seine Gebete verrichten zu können, (sic!) Herr W. behauptet, daß „die Ungarischen Gemeinde-Glieder hierorts die hervorragensten sind;" das ist schon bewiesen durch das humane (?) Verfahren des Ber Zwebner und dessen Schwager Jacob Ber; indessen ich will lieber stillschweigen, um der Ehre der heil. Stadt nicht zu nahe zu treten. Herr Weber sucht auch am Schluß seiner Broschüre die „Israel. Wochenschrift" anzugreifen, und zwar wegen der in Nr. 12 erschienenen Correspondenz betreffend Zwebner; Herr Weber aber, welcher auf die (seiner Ansicht nach) unheiligen deutschen Typen nicht schauen will, hat statt „Israel. Wochenschrift" — „Jüdisches Volksblatt" geschrieben. Der Schreiber jener Correspondenz in Nr. 12 hat wirklich den Ber Zwebner noch sehr schmeichelhaft geschildert, indem er ihn mit „Essig, Sohn des Weines", verglichen hat. Es wird aber dem Herrn Weber nicht gelingen, die hiesige Jugend, welche Bildung sucht, davon fern zu halten, sondern nur die ungarische Jugend, welche mit Entziehung der Chaluka für jede literarische Forschung bestraft wirb?) ') Herr Weber und dessen Frau, sprechen beide ein wenig französisch, aber aus „Frömmigkeit" bedienen sie sich keiner profanen Sprache (.indem nach deren Ansichten nu^ das polnische Jüdisch allein selig machen kann), sie benutzen daher nur dann das Französische, wenn sie sich zanken —. ^) Als vor einigen Monaten auf Veranlassung des Sir Moses Montefiorr die hiesige Jugend auch arabisch lernen sollten, waren es ja die Ungarn, welche dagegen aufgetreten find, und es wurde auch damals ein gemacht, daß keine hevräsichen Zeitschriften gelesen werden dürfen, nur der „Schewrs Achim" wurde zugelassen. °) Das in Jerusalem erscheinende uno der Abwehr etwaiger Angriffe gegen die Zustände tn Palästina gewidmete Blatt „Schaare Zion" bestätigt vollständig alles, was rn obenstehender Correspondenz gesagt ist. Das Blatt windet sich durch den Jainurer hindurch, so gut (oder schlecht) es eben geht. Cs wlll natürlich Montefiore kräftigst gegen die Wuth der Tollköpfe in Schutz nehmen, dabei schüttelt es wieder den Kops über die ausländischen Blätter (Jew.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.