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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-14 · N° 33. (14.8.1878) · p. Seite 257

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 33. (14.8.1878)
Date
1878-08-14
Page
Seite 257 (sequence 3)
Language
German
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— 257 — leien zu ermöglichen. Ich hoffe. Sie denken jetzt über den semitischen Volk-charakter. oder wenigstenüber den jüdischen, ander- und werden eine Veranlaffung in Ihrer bekannten Wahrheitsliebe zu finden wiffe», Ihre Meinung über denfelden zu widerrufen. B re-lau, im Juni 1878. Or. Badt. Unsere Cantoren. Musik ist von jeher in J-rael gepflegt worden; es ist sogar heute noch eine entschiedene Anlage, ein ausgeprägter Sinn für Musik vorhanden. Diese Neigung für Musik machte sich auch im Gottesdienst geltend. Schon im alten Tempel wurde der Gottesdienst durch Instrumentalmusik und Gesang 1 verherrlicht, und selbst in der ungünstigen Periode desin» stern Mittelalterwird die Pflege des Synagogengesangs nicht vermißt; ja der traditionelle Eynagogengesang ist im Mittelalter wohl au-gebildet worden und hat von der Ungunst de- Zeitalters seinen elegischen Charakter angenommen Selbst bizum vorigen Jahrhundert hatte er sein künstlerische- Gepräge noch nicht ganz verloren, wo die Terzett-Vorträge von „Chasan (Baryton), Sänger (Tenor resp. Falsett) und Baß* mit ihren eigenthümlichen Coloraturen selbst Nichti-raeliten vielfach entzückten. Abgesehen aber auch von diesen Kunstheroen de- Synagogengesangs wurde derselbe in allen Gemeinden gepflegt; selbst die leidige Uebertragung von weitlichen Volk-melodien auf den ernsten Text der Synagogalhymue», welche wohl mehr von Laien als Fachmännern ausging. »st ein'Beweis für die allgemeine Pflege des SynagogengesangS. Die Neuzeit hat de» Chorgesang eingeführt, aber damit nicht die Wirkung erreicht, welche bezweckt wurde: dieGem e i n d e für den geregelten Gesang zu erziehen. Die Gesänge selbst sind zwar für diesen Zweck nicht immer geeignet gewesen, besonderaber hat auch hier der religiöse Jndifferenti-mugeschadet. Der Chorgesang wurde vernachlässigt, er zerfiel; die Gemeinde besuchte den Gottesdienst nicht und wurde den Gesängen entfremdet. Wenn man ausnahmsweise m der Synagoge erschien, betheiligie man sich nicht thätig an Gebet und Gesang, sondern blieb passiver Zuhörer. Der Einzelgesang de- Cantor-, welcher nie beteutungSlos gewesen ist, selbst nicht unter Mitwirkung de- Chors, trat dadurch um so bedeutungsvoller in den Vordergrund. Und doch geschieht zur schulgerechten Ausbildung der Cantoren sehr wenig. Die Eeminarlen bilden Lehrer au-, nebenbei erhalten diese auch einigen Unterricht für ihre Funktionen als Chasan, aber gar keinen oder keinen genügenden für den Cantorberuf. Wenn sie auch, merstentheilprivatim, etwas Musik treiben, ein Instrument, Geige oder Ctavier nolhdürflig spielen lernen, für den eigentlichen Cantorbienst mit schulgerechter Gesangvorbitdung, mit Ausbildung zum traditionellen Cantor und modernen Sänger geschieht gar Nichts oder nicht da- Genügende. Wir betonen den traditionellen Cantor nicht blos der rituellen Kenntniffe wegen, welche natürlich unentbehrlich sind, sondern auch des feelenvollen Vortrags wegen, welchen wir bei vielen Cantoren. selbst Sängern mit musikalischer Anlage und Ausbildung vermißt haben!*) Einzelne große Gemeinden find im Stande, gute Cantoren und geschulte Sänger anzustellen Wo sind diese auSgebildet worden? ES sind musikalische Genies, welche wie alle Geniehalbfertig geboren, aber selten, und wegen ihrer Seltenheit anspruchsvoll und der Mehrzahl der Gemen,den unerreichbar sind. Die kleinen Gemeinden zumal muffen zufrieden sein, wenn sie einen genügenden Kinderlehrer erhalten, den sie auch als Chasan engagiren, selbst wenn er nicht al- Cantor genügt. Es ist verfehlt, wenn w»r den Sinn für einen gehobenen Gottesdienst nicht besser *) behr wahr, »her kann da« gelehrt und gelernt werden < Wir bescheiden na«, darüber kein maßgebende« Unheil geben zu können, aber «« -ür doch auch da wohl der Spruch: „Denn ihr'« nicht fühlt" u. l. w. — vgl. üdrigen« weiter unten „Stuttgart." (Red.) zu pflegen suchen. Der Gottesdienst ist in unserer Zeit die Hauptpflegestälte deS religiösen Lebens geworden, und in den meisten Gemeinden sind die Cantoren die einzigen Träger des Gottesdienstes. In der Regel aber haben diese nur nochdürftigen Unterricht in dem einfachen Vortrage der Gebete und der Thora-Vorlesung erhalten, Cantorschulen bestehen gar nicht, oder nur privatim iinb nicht in genügender Weise. Wir wissen zwar, daß der Gesang nicht das einzige Erforderniß ist für einen gehobenen Gottesdienst, aber doch jedenfalls mit ein Hauptfaklor. Daher thun uns Cantorschulen noth in Verbin düng mit den Seminarien. vr. Rothschild. Berichte »ud Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 7 August. Hier ist dieser Tage eine Broschüre erschienen, die der judengehäffigen Strömung in unserer Hauptstadt einHalt zurufen möchte. Der Verfaffer ist der christl.Prediger F. Häufig, über besten Vortrag „Die Poesie des Sabbalh" ich in dies. Bl. seiner Zeit berichtet hatte. (Der Vortrag ist inzwischen in Druck erschienen und komme ich ein anderes Mal noch auf ihn zurück). Seine neueste Broschüre führt den Titel: Christ und Jude, Vortrag wider den Judenhaß. Mit dem Molto: Habet die Brüder lieb. — 2öir führen aus den ersten Seiten einige Stellen an: „Wenn wir die Geschichte der Judenverfolgungen in verschiedenen christlichen Ländern lesen, unter welchen die spanische eine traurige Berühmtheit erlangt hat, dann fühlen wir die herzlichste Theilnahme für das arme, mit eisernem Fuße zertretene Volk, und mit Herzweh fragen wir uns: Wie war Solches möglich? Aber zittert nicht noch in unfern Tagen etwas von diesem Haß und dieser Verachtung gegen die Juden in dem Herzen mancher sogenannten Christen nach? Hären wir nicht noch jetzt das Wort: „Ein Jude!" mit einer Betonung, in welcher eine Welt von abscheulicher Bedeutsamkeit sich kundgiebl?" „Das Volk Israel weiß ja doch jede Liebe und Freundlichkeit von Seilen der Christen wohl zu schätzen und fühlt sich wohlthuend davon berührt. Ihr Herz fühlt ebenso zart, wie das unsrige, und sie haben in ihrem Familienleben, in ihren Ehen, in dem Verhältmß der Kinder zu den Eltern Züge, die innig und zart genug sind." Im weiteren Verfolg seines Vortrages kommt der Verf. auf die thatsächliche Fälschung zurück, die Shakespeare im „Kaufmann von Venedig" vorgenommen, indem er jene „blutdürstige" Rolle einen Juden (Shylock) spielen läßt, während die üesta Roinana die ganze Psund-Fleisch-Geschichte ausdrücklich von einem christlichen Kaufmann erzählt. — Daß ein christlicher Prediger es unternimmt, feine Stimme gegen den sich allenthalben regenden Judenhaß zu erheben und seine eigenen GlaubenSgenoffen zur Liebe zu ermahnen, ist leider in unfern Tagen fast ein Wunder zu neunen. Dem Verfaffer fei für fein „Wort zur rechten Zeit" der Dank der Menschenfreunde ausgesprochen. Auch in den leitenden Kreisen deS hier erscheinenden „Etaats-Socialist" scheint sich ein Umschwung der judeuseinolichen Gesinnung zu vollbringen, und das Blatt „Die Socialiftenhetze gegen die semit. Eindringlinge" aufzugeben. ES druckt einen „offenen Brief von Gerhard v. Amyulor" ab, der die den Juden gemachten Vorwürfe der „Vaterlandslosigkeit, des Schacher- und Wuchergeistes u. drgl." nnt klaren überzeugenden Worten widerlegt. „Ich habe jüdische Soldaten persönlich in- Feuer der Schlacht geführt — ruft der Verf. aus — und kann nicht eben behaupten, daß sich diese Braven „vaterlandslos" benommen haben." Ferner: „Ich hatte es für ungerecht und unchristlich, das Judenthum als Prügelknaben für daethische Elend der Zeit heranzuziehen und kann mich der Thalsache nicht verschließen, daß eim Ber-

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