Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 33. (14.8.1878)
- Date
- 1878-08-14
- Page
- Seite 256 (sequence 2)
- Language
- German
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— 256 — dere Zustände kleinlich zugeschnittenen Ethik. Geistliche Hoffahrt und Unduldsamkeit waren das ursprüngliche semitische Nationalgefühl, welches die bittere Schule der Unterdrückung freilich vielfach gemildert, ja in Nathan'scke Weisheit umgewandelt hat." Zunächst bitte ich Sie mir zu glauben, daß nicht etwa persönliche Empfindlichkeit mich dazu bestimmt, dies Schreiben an Sie zu richten. Sie sprechen ja nicht vom modernen Juden und werden gewiß gern zugeben, daß des modernen Juden Nationalgefühl mit dem seiner christlichen Volksgenossen identisch ist. — Sie sprechen auch nicht von den Juden der uns unmittelbar vorhergehenden Jahrhunderte, denn das Nationalgefühl dieser hat ja „die bittere Schule der Unterdrückung vielfach gemildert, ja in Nathan'sche Weisheit umgewandelt." Es bestimmt mich demnach lediglich die wiffenschaftliche Absicht, die Jrrthümer zu berichtigen, an denen Ihre oben citirten Worte leiden, und dies um so mehr als diese Verkennung des antiken Judenthums trotz vielfach vorhandener Mittel einer befferen Belehrung eine weit verbreitete ist und gehässigen Gemüthern leider recht oft Anlaß giebt, Spuren dieser vermeintlichen Mängel des Alterthums noch nach Jahrtausenden an den Nachkommen zu — entdecken. Und nun — zur Sache: Woher haben Sie, Hr. Prof., den Satz, daß die Juden alle übrigen Völker als Götzendiener verabscheuen? Zwar liegt es in dem eifersüchtigen Streben nach möglicher Reinhaltung des monistischen Gottesbegriffs, den Götzendienst als Beleidigung des Gott-Königs wie einen Gräuel zu verabscheuen, aber vor einer Verabscheuung der Götzendiener wird das Volk schon früh gewarnt. Ich verweise Sie auf Gesetze, wie 5. B. Mos. 23,8: „Du sollst den Jdumäer nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder; Du sollst den Aegypter nicht verabscheuen, denn du bist ein Fremdling in seinem Lande gewesen." Selbst das Verbot der Vermischung mit Götzendienern durch die Ehe wird in dems. Buch 7,4 mit der dadurch drohenden Gefahr der Verleitung zum Götzendienst begründet. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Die Juden, sagen Sie, betrachten nicht nur sich als das auserwählte Volk und verabscheuen die anderen Völker, sondern es däucht ihnen „jede gegen jene verübte Gewaltthat erlaubt und wird ihnen ausdrücklich durch Priestermund geboten." Obwohl ich mir schmeichle die Bibel ziemlich genau zu können, ist mir keine Stelle gegenwärtig, die auch nur den Anlaß zu einem solchen Mißverständniß bieten könnte. Es müßten dies denn jene Stellen sein, welche das harte Verfahren gegen die Bewohner des eroberten Landes Kanaan schildern. Aber diese von der Politik der Eroberer*) gebotene Härte fällt nicht ins Gewicht gegen die große Zahl jener goldnen Lehren, welche *) Und noch mehr durch die Furcht vor der sonst unvermeidlichen und, wie die Geschichte der Israeliten zeigt, wirklich eingetretenen Jnficirung durch den Götzendienst und die abscheuliche Sittenverderbniß der Kanaaniter. Das oft besprochene Thema ist so eben wiederum besonders lichtvoll und bündig erläutert worden von vr. Herm. Adler in London, in dessen Duplik gegen Prof. Goldwin Smith im Juliheft des „Nineteenth Century" S. 136 fs.; daselbst ist zugleich eine Stelle aus einer Rede des vr. Arnold (of Rugby), eines freisinnigen englischen Theologen und Historikers, citirt, die mit Energie und Wärme die aus dem Gebote der Wegraumung der Kanaaniter abgeleiteten Angriffe auf das A. T. widerlegt. (Red.) das Recht des Fremdlings wahren und eine humane Behandlung desselben einschärfen, Lehren, durch welche der bei anderen Völkern Rechtlose unter öffentlichen Schutz gestellt wird. „Wenn ein Fremdling sich in deinem Lande aufhält, so sollst du ihn nicht kränken. Wie der Einheimische sei euch der Fremdling, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wart ihr imLandeAegppten", so lehrt 3 B. Mos. 19, 33 u. 34, und dieses Gesetz kehrt an vielen Stellen wieder. Ich sollte meinen, daß mau mehr als aus vorübergehenden Kriegsmaßregeln aus dem nationalen Gesetzbuch das Nationalgefühl eines Volkes erkennt, und wie dieses die Persönlichkeit des Fremdlings zu schützen sucht, davon haben Sie eben eine Probe gelesen. „Ohne Staatsleben, ohne Kunst und Wissenschaft," so fahren Sie fort, „gehen sie auf in einer auf kleinliche Verhältnisse zugeschnittenen Ethik." Was Sie unter dem Vorwurf „ohne Staatsleben" meinen, verstehe ich nicht und gehe deshalb darauf nicht ein; es war eben bei den Israeliten wie bei allen Völkern in der Blüthezeit ein lebhaftes, gesundes, zur Zeit des Verfalls ein zerrüttetes Staatsleben, jedenfalls aber zu fast allen Zeiten ein volkstümlicheres, als das irgend eines andern der gleichzeitigen Staaten. Aber: „ohne Kunst"? Hr. Prof.! haben Sie die Psalmen noch nie gelesen, noch nie deren Poesie bewundert? daß die große Zahl der in denselben genannten musikalischen Instrumente auch auf eine hervorragende Pflege der Tonkunst schließen läßt, ist, weil nicht so sehr an der Oberfläche liegend. Ihnen gewiß entgangen. Und so läßt sich das Vorhandensein aller Künste mit Ausnahme der durch die Religion geächteten „bildenden" Kunst — und auch diese fehlt nicht ganz — Nachweisen; ähnlich steht es mit der Pflege der Wiffenschaft. Was aber nennen Sie „eine auf besondere Zustände kleinlich zugeschnittene Ethik?" Ist Ihnen unbekannt, in wieviele» Variationen das Grundprincip der Sittlichkeit, die Nächstenliebe, (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst 3. B. Mos. 19, 18) in Gesetzen und Lehren wiederkehrt? Lesen Sie beispielshalber außer den Zehngeboten das 19. Capitel des 3. Buches Mose, oder den Schluß des 22. und den Anfang des 23. im 2. B. Mos., oder im 5. Bch., Cap. 22—24 und ähnliche Stellen, und Sie werden sicher nicht mehr behaupten wollen, daß eine auf kleinliche Verhältnisse zugeschnittene Moral Gesetzen zu Grunde liege, welche unablässig einschärfen, den Armen, den Wittwen und Waisen, den Unglücklichen, den Fremdlingen, den nach der Sitte und den Rechtsanschauungen des gesammten Alterthums Rechtlosen, mit Liebe zu begegnen. — Daß das Volk Israel sich für das auserwählte Volk gehalten hat, sollte Ihnen, dem Kenner des Alterthums, nicht befremdlich erscheinen; gab es ja kein Volk, das nicht sich für auserwählt, alle anderen für Barbaren gehalten hätte. Aber können Sie mir von allen diesen Völkern auch nur eines nennen, das den höchsten Ruhm darin suchte, daß durch es „alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten", eine Vorstellung, die Sie von den ältesten Zeiten der Patriarchen (1. B. Mos. 13) bis auf die späten Zeiten der Propheten (Jes. 42,6) verfolgen können? Lasten Sie mich hier abbrechen; ich glaube das bisher Angeführte genügt, mir einen Appell von dem schlecht berichteten Prof. Du Bois-Reymond an den jetzt bester unterrich-