Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-07 · N° 32. (7.8.1878) · p. Seite 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 32. (7.8.1878)
Date
1878-08-07
Page
Seite 252 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9583142--3695-9583148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 252 — Gesellschaft (auch bei uns Germanen! (gang und gäbe geworden sind, nur Vorschub leistet." Es wird hier also unter scheinheiliger Leugnung des Judenhasses offen zurJudenverfolgung aufgefordert u. für alle Judenhaffer, die sich bisher vereinzelt vernehmen ließen, zum Sammeln geblasen. Das sind die Früchte, welche.der diesmalige von der Regierung inaugurirte Wahlkampf gegen den Liberalismus zu Tage fördert. Hier Schutzzöllner nnd Agrarier, dort Judenhaffer. Hier Klassen- und Jutereffenkampf, dort ein neuer „Culturkampf". Und alle stellen sich mit Gott für König und Vaterland unter die Aegide der Regierung, wobei sich die Christlich-Socialen mit ihrem Judenhaß noch extra in den Mantel christlicher Nächstenliebe hüllen. Welche Früchte das Nachsehen gegen die Socialdemokratie gezeitigt hat, haden wir erfahren. Was soll man nun aber dazu sagen, wenn auch nach diesen Erfahrungen jene Hetzparteien der schlimmsten Art, die sich die Aufreizung zum Klassenhaß offen zur Aufgabe stellen, behördlicherseits noch der Duldung und selbst der Protection sich rühmen dürfen? Berlin. Es ist noch nicht erwähnt morden, daß Niemand anders als Berthold Auerbach der geistige Vater der „Wilhelm-Spende" gewesen ist. Er war es auch, der den überaus schwungvollen Aufruf verfaßt hat und auf seinen Antrieb hat dann Graf Moltke und die zahlreichen übrigen Persönlichkeiten von Gewicht, deren Namen man unter dem Aufruf lesen konnte, ihre Unterschrift unter das Elaborat des Erzählers der Dorfgeschichten gesetzt. Berlin. Ein herzzerreißender Fall äußerster Noth wird uns soeben mitgetheilt. Ein junges Mädchen, die Tochter eines verstorbenen Cultusbeamten einer kleinen Synagogen - gemeinde, die hierher gezogen war und mit der Nadel kümmerlich ihr Leben fristete, wandte sich vor einigen Tagen an den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde um eine Unterstützung. Da in dem betreffenden Gesuche erwähnt war, das junge Mädchen sei krank, so wurde eine ärztliche Untersuchung im jüdischen Krankenhause veranlaßt. Dieselbe stellte heraus, nicht daß das Mädchen krank, sondern daß es durch wirklichen Hunger der Auflösung nahe geführt ist; ferner, daß anhaltende Arbeit bereits ihr Erblinden auf dem einen Auge herbeigeführt hat, während geringe Aussicht vorhanden ist, die Sehkraft des anderen zu erhalten. Der bewährte Wohlthätigkeitssinn der jüdischen Gemeinde hat natürlich sofort der dringendsten Noth der Unglücklichen gesteuert und wird auch für ihren weiteren Unterhalt Sorge tragen. Stolp, 20. Juli. Wie aus Schmolsin gemeldet wird, hat der Pastor Neumeister sich dort am Mittwoch um die Rettung eines vierzehnjährigen Mädchens aus der Gefahr des Ertrinkens in menschenfreundlicher Weise verdient gemacht. Das Mädchen, die Tochter eines jüdischen Händlers, war auf dem Bleichplatz neben dem Pfarrgarten an der Lupow beschäftigt gewesen, und als sie aus dem Fluß mit einer Gießkanne Waffer schöpfen wollte, plötzlich in denselben hineingefallen und vom Strudel fortgerissen worden. Auf ihren und anderer in der Nähe befindlichen Kinder Hülferuf eilte Herr Pastor N. aus seinem Garten herbei und sprang ihr, ohne sich lange zu besinnen, nach, bis er sie an einer tiefen Stelle mit eigener Lebensgefahr erreichte und von dort aus retten konnte Carlsbad. Wie wir aus zuverläffiger Quelle erfahren, wird auf Anregung des hiesigen Rabbiners Dr. Plaut eine Deputation namhafter Israeliten bei dem dieser Tage hier zum Curgebrauche eintreffenden Grafen Schuwaloff wegen des neuesten Ukasses, der in einer rücksichtslosen Härte selbst gegen gesetzlich militärfreie junge Leute in Rußland vorzugehen befiehlt, sowie auch wegen der Emancipation der ruffischen Juden im Allgemeinen, für welche sich Graf Sch. bereits offen, ausgesprochen hat, vorstellig werden. Pest, 28. Juli. (Or.-Corr.) Am 29. und 30. d. Mts« und am 1. August finden am hiesigen Rabbinerseminar die öffentlichen Prüfungen statt, zu denen auch der Hr. Minister sein Erscheinen zugesagt hat. Wetter a. d. Ruhr. Am 30. März l. I. feierte der hiesige Lehrer Benjamin Schüren sein 50jähriges Amtsjubiläum, wobei zur Sprache kam, daß dessen Urgroßvater, auch ein Benjamin Schüren, im Jahre 1696 die Stelle übernommen, worauf dieselbe an den Vater des Jubilars und später an diesen selbst gekommen war. So vererbte sich die Lehrerstelle fast 200 Jahre von Vater auf Sohn. Teplitz. Die durch den plötzlichen Tod unseres Rabbiners eingetretene Vacanz machte eine schleunige zeitweilige Vertretung nothwendig. Hr. Rabbiner Dr. Bloch aus Brüx ist von der Cultusrepräsentanz mit der gleichzeitigen Ausübung der Rabbinats-Functionen im hies. Rabbinatsbezirk betraut worden. — Zu dem Bericht in dies. Bl. über die Leichenfeierlichkeiten und sonstige Trauerkundgebungen um unseren gottseligen Rabbiner ist noch nahzutragen, daß selbst die Stadtbehörde ihre Theilnahme in sehr ehrender Weise an den Tag legte. Sie traf die Anordnung, daß vom Magistratsgebäude herab eine Trauerflagge wehte, sowie daß in allen Straßen, die der Leichenzug zu passiren hatte, die Laternen-Flammen brannten. In der Synagoge hielt Herr Rabbiner Dr. M a ybaum aus Saaz die Gedächtnißrede, in welcher er ein Bild von dem Schaffen und Wirken des Verstorbenen entwarf. Am Grabe hielten die Herren Rabbiner Dr. Plaut aus Karlsbad, Dr. Bloch aus Brüx und Dr. Stein aus Prag Reden tiefergreifenden Inhalts, die sich gleichwie durch schönen Gedankengang, durch Wärme und Empfindung und Sprache auszeichneten. In Felegyhaza (in Ungarn) ist am 16. ds. die Front der dort im Bau begriffenen Synagoge eingestürzt und hat alle an der Bauarbeit Beschäftigten unter dem Schutte begraben. Wie viele verunglütck sind, ließ sich bisher noch nicht feststellen, da der Bauleiter im Schrecken derart den Kopf verloren hat, daß er gar nicht anzugeben weiß, wie viele Leute am Bau beschäftigt waren. Mehrere der Verschütteten hat man bereits als Leichen hervorgezogen. Paris. Von Herrn Isidor Loeb ist eine Biographie des Herrn Albert Cohn s. A. erschienen. Die höchst intereffante Arbeit war nach und nach im „Univ. Jsr." erschienen und zwar die ersten Kapitel, welche die Jugendgeschichte und die Anfänge der Wirksamkeit in Paris enthalten, schon vor mehreren Jahren. Auch sind diese Capitel in verschiedenen Zeitschriften in deutscher Uebersetzung erschienen. Das Buch, welches 180 Seiten stark und mit dem Bildniß des Verewigten geziert ist, ist ein einfaches, zumeist aktenmäßiges, wahrheitgetreues und eben darum um so glänzenderes Andenken an die großen Verdienste des Verstorbenen. London. Die bibelfesten Freunde Lord BeaconsfieldS haben bereits richtig heransgebracht, daß schon der Prophet Sacharja (8, 28) den Einfluß B.'s beim Congreß vorausgesehen habe. „In selbigen Tagen werden 10 Männer aus allerlei Sprachen der Nationen einen jüdischen Mann beim Zipfel ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, daß Gott mit euch ist." Die zehn Sprachen sind die englische, deutsche, ungarische, italienische, türkische, ruffische, französische, rumänische, griechische und serbische. London, 1. August. Gestern ist hier Dr. Abr. Benisb, der engl. Uebers. der Bibel, und langjährige Redacteur des „Jew. Chron." im 67. Lebensjahre gestorben. Näheres in nächster Nr. Aus Belgrad Die Seffion der Skupschtina ist vorgestern durch den Fürsten geschloffen worden. Zuvor hatte die Skupschtina die Serbien betreffenden Artikel des Berliner Vertrags angenommen und zugleich die Negierung aufgefordert, auf möglichst baldige gänzliche Abschaffung der Capitulationen hinzuwirken. Die Skupschtina stimmte ferner dem Anträge der Regierung bei, den die Stellung der Juden in Serbien beschränkenden Verfassungsartikel aufzuheben. Nicht so erfreulich lauten die Nachrichten aus Rumänien, man denkt dort vorderhand gar nicht daran, die betr. Congreßbestimmung be«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.