Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 32. (7.8.1878)
- Date
- 1878-08-07
- Page
- Seite 251 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583142--3694-9583147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auch in einem Wirtbshaus in Gesellschaft von vier Personen bei einer Flasche Schnaps. Einer der Gesellschaft schrie: „Nach solchen Wundern, die Du mit unserer Hilfe gezeigt hast, kämst Du das Doppelte verdienen sollen; Du Diebskerl"! ES stellte sich heraus, daß diese vier Personen der_ stumm gewordene Geistliche, der vom Schlage getroffene Haustrer und das aus dem Hekdesch vertriebene Ehepaar waren. Palästina. \, Jerusalem, im Juni. (Or.-Corr.) In dem Artikel „Jerusalem" m Nr. 22 sprechen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß unsere Fanatiker den Zosephus auf den Index gesetzt haben, und Sie möchten wissen, was die Leute eigentlich gegen Dreien in Harnrsch bringen. Ich bemerke Ihnen hierüber, daß schon im „Habazeleth" 5. Jahrg. (5036) Nr. 21 6 160 Anm. hierüber Auskunft gegeben ist. Es heißt, die Bücher des Joieph den Mattithjohu hakohen haben sie deswegen unter die ketzerischen gerechnet, weil er den Nabbi Sunon ben Ganrliel einfach mit seinem Namen anfuhrt, ohne den Titel Nabbi zu gebrauchen; und da nun Schulmann, der den Josephus ins Hebräische übersetzt hat, den Titel Nabbi nicht hinzugesügt hat, so gilt ihnen dies als ein fiuchwürbiges Verbrechen, um besten Willen das Buch nicht geduldet werben dürfe. In Nr. 24 haben Sie ferner in einer Anmerkung zu meiner Correipondenz Ihre Verwunderung über die Reparaturkosten der „Blumenthal-Schule" ausgesprochen. Ich kann Ihnen dies erklären. Die Vorsteher der Schule haben das Haus nicht gebaut, sondern fertig gekauft. Niemand hatte gewußt, daß die Fundamente deS Gebäudes schlecht seien, denn an dem Abhänge des Zionberges komnil man nur sehr schwer auf guten Baugrund, weil dort tausendjähriger Schutt über einander liegt. Als dann vor drei Jahren große Regengüste eintraten, wurde das Haus baufällig und man besserte ein wenig mit Lehm nach, wie dies hier üblich ist. Die Regenguste vieles Winters aber, die seit vielen Jahren nicht ihieS Gleichen hatten, erschütterten den schwachen Bau so sehr, daß man nun genöthigt ist, b:e Fundamente mit steinernen Pfeilern zu untermauern und die Wände mit Etsenschienen zu stutzen Etwa 4 Häuser uiüsten neue Bogen und neues Pstaster haben. Dre Vorsteher der Anstalt sind als redliche Leute bekannt. 4lu»erika. 8. \V. St. Louis, 18. Juni. (Or.-Corr.) Seit langer Zeit brachte Ihr geschätztes Blatt keine Nachrichten über „unsere" ainerikanlschen Verhältitiste und Zustände, daß es wohl ein „gelegentlicher" Correspondenl wagen darf, Ihre Leser über so Mancherlei aus dem Lande der Freiheit zu unterrichten In den jüdischen Gemeinden dieses Landes herrscht gegenwärtig eine erfreulich rührige Stimmung. Bis vor wenigen Jahren waren eS die ewigen Zänkereien und Streitigkeiten der leitenbui Nabbrner, die alles Gemein- und Zusammenwirken hinderten. Die Gemeinden wurden endlich des Gezänkes müde und inaugurirten e»ne Aera des Friedens, die heute Niemand zu stören wagen darf. Der vor nahezu 5 Jahren »m Weiten gegründete Gemeindebund hat nun auch in ben großen ältlichen Gemeinden Wurzel gefaßt, und binnen Kurzen» werden die jüdischen Gemeinden dieses Landes an dem Ziele angelangt sein, »n einem Bunde zu gemeinsamer Wirk,amkeil geeinigt zu sein.*) Es läßt sich heule kaum absehen, zu welchen Neiultaten ein Zusammenwirken sämmilicher amerikanischer Gemeinden führen werde. In Anbetracht des Umstandes, baß dogmatische Unterscheidungen und Streitig, keilen vornweg ausgeschlossen sind, werden diese Nesultate jedenfalls heilsam und nütziich für Alle sein. Tie dem Gemeuidedunde zunächst vorliegende Ausgabe l,t dre Gründung einer Nabdinerschule, oder, wie es hier genannt wirb : Hebrew College. Der Modus zu einer derartigen Anstalt »,t bereits vorhanden. In Cincinnati erhal- ) Ticje Bereinigung kam am 10. Juli zu Milwaukee zu stände ten in einem sogenannten?reparntor^-1)epartrnent einige zwanzig Jünglinge im Alter von 15—20 Jahren, welche die Hochschule, ähnlich dem europäischen Ober Gymnasium, besuchen, tüchtigen Unterricht in Bibel, Mischna, Talmudlesen und jüdischer Geschichte. Die Herren L)Dr. Wise und Lilienthal leiten ohne Entgelt den Unterricht, unterstützt von zwei erfahrenen Lehrkräften. Die Mehrzahl der Schüler werden von dem Gemeindebunde — Union of American Ilebrew Congregations — vollständig und in der liberalsten Weise erhalten. Ich muß hier erwähnen, daß Seitens dieses Gemeindebundes für je einen Jüngling aus den 6 verschiedenen jüdischen Waisenhäusern der Vereinigten Staaten alljährlich ein Freiplatz — Scholarship — am künftigen College zugesicherl wurde. Auch in Nrw Z)ork existirt unter der Leitung der Herren DDr. Sam. Adler und Gottheit, Nabbiner der Tempel-Emanuel-Gemeinde, eine ähnliche Vorbereitungsschule , so daß innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Anzahl junger Leute zum Eintritte in ein Rabbiner- Seminar befähigt sein wird. Die Placirung des Seminars dürfte zu einer Streitfrage zwischen den östlichen und westlichen Gemeinden führen. Cincinnati rc , aus dem die Idee zum Gemeindebunde heroorgegangen und in besten Mitte bisher am meisten für die Zwecke destelbeu nach allen Richtungen hin geschehen, und das auch der Sitz der Execulivbehörde des Bundes ist, beansprucht das Semlnar oder College in seiner Mitte zu haben. Tie westlichen Gemeinden sind einstimmig für Cincinnati, während die Gemeinden des Ostens Newyork, die große Metropole des Landes, als Sitz für das Seminar unterstützen. Auf der im nächsten Monat in Milwaukee stattfindenden Jahresversammlung des Gemeindebundes wird die Angelegenheit endgiltig entschieden, und höchst wahrscheinlich an Cincinnati die Siegespalme zuerkanut werden. (Schluß folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Am Mittwoch wurde eine christlich-sociale Arbeiterversammlung während einer Hetzrede des Schneiders Grüneberg wider Judenthum und Juden polizeilich aufgelöst Das Einschreiten des überwachenden Polizeibeamten erfolgte in dem Moment, als Grüneberg die Juden im Verein mit den Liberalen als Verderber der Religion und Sittlichkeit, als Hochverräther und Fürsprecher der Meuchelmörder bezeichnete. Als man gestern dem Staatsanwalt Testendorf Mittheilung von diesen Vorgängen machte, erwiderte derselbe, daß er nach Eingabe der schriftlichen Denunciation keinen Anstand nehmen werde, auf Grund des § 130 des Strafgesetzbuches die Anklage gegen Grüneberg zu erheben. — Die Gemeinde-Vertretung und der Gemeinde Kirchenrath der Nazareth-K»rche haben an ihren Prediger Distelkamp ein herbes Tadelsvotum gerichtet, worin gerügt wird, daß er als Nedacteur des „Friedensboten von Nazareth" gegen die jüdischen Bewohner der Gemeinde, wie überhaupt Berlins, einen so lendentrösen, gehäffigen Ton angeschlagen habe. Die Gemeinde-Vertretung spricht nach dieser Richtung die bestimmte Erwartung aus, daß das Verhallen ihres Seelsorgers ein anderes werde. Berlin. Das Organ der christlich socialen Partei, die „Deutsche Volkswacht", das Organ des Hof- und Dompredigers Stöcker, bringt in seiner neuesten Nummer an Stelle des Leitartikels „von geschätzter Hand" einen „Bemerkenswerthen Brief", in welchem der „Alliance isradlite“ gegenüber zu einer autijüoischen Vereinigung aufgesordert wird. Der Verfaster stimmt, wie er sagt, in den heftigen vulgären Judenhaß nicht mit ern, die Judensrage ist ihm vielmehr eine Üulturfrage. Es handele sich vaber um die Befreiung von einer Fremherrschast, und hierzu gebe eS zwei Wege: „1) Man wähle — frei von jedem persönlichen Haß — keinen Juden mehr in die Geietzgebung. Man rekrulire dre deutsche NaUonalvertretung nicht durch Repräsentanten jüdischer Weltanschauungen. 2) Man revidire unsere Gesetzbücher, deren Lückenhaftigkeit den „strafiosen Verbrechen, w»e solche in unserer verjudeten