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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-08-07 · N° 32. (7.8.1878) · p. Seite 253

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 32. (7.8.1878)
Date
1878-08-07
Page
Seite 253 (sequence 7)
Language
German
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— 253 — züglich der Juden zur Wahrheit zu machen. (Wir werden in nächster Nr über diesen Punkt eine Original-Correspondenz auS «Bukarest" bringen. Red.) Feuilleton. Bankier und «Handelsjude. Eine Erzählung nus dem Leben — von Ad. v. Zemlin-zty. (Fortsetzung) «Du lügst, mein Sohn ist kein Dieb. M e in Sohn nicht. Der Dieb ist ein Anderer. Du nennst ihn Dieb und Deine bleichen Wangen, Deine zitternden Lippen sagen es mir zu deutlich, daß Du es weißt, daß dem nicht so ist, doch Gottes Allmacht ist groß, und der Schuldige wird gefunden werden." «Bis dahin mußt Du Dich gedulden," sagte der Ban» quier, «bis dahin bleibt er der Dieb." «Er ist eS nicht, Vater, er nicht!" rief plötzlich Sidonie mit geröthetem Antlitze, «zu lange habe ich schon diese Verläumdungen und ungerechten Anklagen mit angehört." Der Banquier furchte die Stirn. «Was hast Du hier zu sprechen?!" fragte er, «dem Mädchen geziemt eS nicht, in solch leidenschaftlich erregter Stimmung für Jemanden zu plaidiren. Wer ist er denn eigentlich?" «Er ist Dein Neffe, der Sohn Deines Bruders." «Gehe auf Dein Zimmer, und bleibe dort bis ich Dich rufen werde." «Du weißt Vater, noch niemals habe ich Dir den Gehorsam versagt, war Dir stetein folgsames Kind, noch niemals habe ich mich gegen Deinen Willen aufgelehnt, der mir stets Befehl gewesen, doch heute muß ich eS thun, heute bin ich hiezu gezwungen, um Dich zurückzuhalten eine Ungerechtigkeit zu begehen, welche Du dann später bereuen müßtest, wenn eS zu spät geworden. Heute muß ich eS, um die Ehre unseres Hauses zu wahren, für die Niemand eintritt, als ich, das Mädchen." «Die Ehre unsere- HauseS, thörichteS Mädchen, was verstehst Du davon." «O! doch, bin ich auch ein Mädchen und lhöricht, wie Du eben sagtest, so weiß ich dennoch, daß die Ehre unsereS Hauses durch solch ein grelleschreiende- Unrecht, welcheman begeht, indem man einen Unschuldigen durch diesen ehrlosen Verdacht schänden will, besteckt und in den Koth gezerrt wird." «Und wer sagt Dir, daß er unschuldig ist?" «Mein Herz," sagte Sidonie einfach. «Drin Herz? ei, waich heute nicht noch Allehören werde; also Dein Herz spricht zu Gunste.l dieses . . ." «Stille Vater, sprich dies häßliche Wort nicht wieder aus." «Genug sage ich, geh jetzt aumeinen Augen, wir werden später noch davon sprechen." «Ist denn Niemand hier der mir Hilst," schluchzte Sidonie, «stndest denn Du, Alphon-, nicht ein Wort zu sagen zu seiner Vertheidigung.!" «Was soll ich sprechen, wo doch die Beweise so klar gegen ihn vorliegen." «v! Du bist erbärmlich, so recht erbärmlich AlphonS." rief Sidonie mit zitternder Stimme, «Du darfst am allerwenigsten ein Berdammung-urtheil über ihn sprechen. Du nicht, nur zu viele Streiche Deine- Leichtsinnehat. er wieder gut zu machen gesucht, ja selbst noch gestern.- D! mein Gott, welche schreckliche Ahnung kommt mir plötzlich. Alphonrede, rede ehe ezu spät wird, noch kannst Du Alles ändern, noch kann die Wrhrheit retten. AlphonS gestehe, daß Du geltem im Spielhause gewesen, gestehe eein, sprich AlphonS, Du weißt cs, nicht wahr. Du weißt eS. wer den Diebstahl begangen hat!?" AlphonS war bleich geworden, doch seine Lippen blieben geschlossen. _ »schafft mir die Tolle vom Halse," rief der Banquier zornig, «und auch diesen Mann, der Rechenschaft von mir begehren will, weil sein Sohn mich beraubt hat. Ich will allein sein." «Vater versündige Dich nicht, er ist Dein Bruder," rief Sidonie nochmals. «Gleichviel, fort mit Euch Allen!" Doch Rebb Beer hörte diesen Befehl nicht mehr. Mit weit aufgerissenen Augen stand er in einer Ecke de- Gemaches an die Wand gelehnt und seine bleichen zitternden Lippen flüsterten immer und immer wieder die Worte «mein Sohn, niein armer Sohn." Und sanft legte sich die kleine Hand Sidonien's auf den Arm degebrochenen armen Mannes, und schweigend, alwenn es sich von selbst verstehe, schritten sie zusammen aus dem Gemache und schritten hinab über die Stiegen und zum Hause hinaus. Und auf der Straße angelangt, da schien plötzlich die Starrheit, von der Rebb Jonathan Beer gefangen gewesen, zu weichen, und heiße, heiße Thränen rannen nieder in seinen Bart. Und Sidonie gab ihm bis zu seinem Hause das Geleite, dann kehrte sie wieder in das Elternhaus zurück. 7. Vater und Tochter. Die jüd. Feiertage sind längst vorüber, das rothbraune Gelaube der Bäume ist schon längst abgefallen, in alle Winde verweht, und frischgefallener Schnee bedeckt das Geäste der Bäume, überdeckt Wiesen und Fluren, eine starre Eisdecke hat sich über den Mainstrom gelagert und noch immer befindet sich Abraham im Gefängniß. Und Tag für Tag kann man den «Handelsjuden" sehen, wie er vor dem Stadtgefängniffe auf und nieder geht, mit glanzlosen verweinten Augen das Gebäude anstarrt, hinter deffen Mauern sein Liebling sich besindet. Und wenn man an ihn die Frage richtet, weshalb er sich so sehr der schneidenden Kälte aussetzt, warum er nicht lieber zu Hause in der warmen Stube bleibt, da schüttelt er nur wehmülhig leise mit dem Kopfe und mit monotoner Stimme antwortet er dann, indem er auf das Gebäude deutet: «mein Sohn, mein armer Sohn." Und sehr oft konnte man auch ein bleiche-, feingekleidetes Mädchen an seiner Seite sehen, die zärtlich seinen Arm umschlungen hielt und ihn nach Hause geleitete. Es war Sidonie, die Tochter des Banquiers. Und öfters kam eS auch vor, daß der Banquier diese Beiden auf seinem Wege traf, und dann riß er mit Ungestüm das Mädchen von der Seite seines Bruders, und dieser lächelte dann und legte seine Hand wie segnend auf das Haupt der schönen Mädchen- und flüsterte: «mein Sohn, meinarmerSohn." — — — — — — — Böse Zeiten waren über das Haus de- «Hofjuden" hereingebrochen, böse Zeiten aber auch über das Haude- «Handelsjuden." Seit jenem unglücklichen Roschhaschanah hatte sich der Baron Königstein fast ganz von seiner Familie abgesondert und nur zu Mittag erschien er bei Tische, schweigend, sinster. Keiner von der Familie wagte eS, dies unheimliche, drückende Schweigen zu unterbrechen, und so verging ein Tag nach dem anderen, und jeder Tag machte dies Beisammensein unerträglicher, machte es jedem der Anwesenden zur unendlichen Qual. Gleich einem Alp lag es Jedem auf der Brust, und Niemand konnte Erleichterung verschaffen. Die Ereigniffe waren auf den Banquier hereingestürmt, ahnungslos, doch überwältigend und drohten ihn zu erdrücken. Dieses Falliffement, an welchem der Banquier mit einem großen Theile seine- Vermögens betheiligt gewesen, war enicht allein waihn gewaltig niederdrückte, was seine geistige Spannkraft erschlaffen machte, auch nicht jener bisher unaufgeklärte, räthselhafte Diebstahl in seinem Hause, dessen!» willen Abraham im Gefängnisse saß. (Forts, folgt.)

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