Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 32. (7.8.1878)
- Date
- 1878-08-07
- Page
- Seite 249 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583142--3692-9583145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 249 — ju Herzen dringenden Worte zur Wahrheit werden, zum Heile unserer Gemeinde und ihrer Institutionen, zur Ehre ihres Eeelenhirten und zur Beruhigung (?) des „Mainzer". Dessau. (Or.-Corr.) Wie merkwürdig oft der Zufall spielt, haben drei jüdische Greise vor einiger Zeit (am 1. März c.) zu ihrer Freude erfahren sollen. Fast fünfzig Jahre waren vergangen, seitdem ste, theils ihrer Neigung, theils den bestimmenden LandeSgesetzen folgend, zusammen in einem gewerblichen Berufe (als Gerber) in einer und derselben Werkstatt, und zwar der Eine, Herr Jacob Berg zu Frankfurt a. 0., geboren 1802 in Cünrin, als Meister, der Zweite, Herr Philipp Tuchma nn zu Dessau, 1811 in Uhlfeld im Bayerschen geboren, als Geselle, und der Dritte, Herr Meier Asch zu Berlin, geboren 1812 in Arnswalde. alsLehrlin g in jugendlicher Kraft rüstig und unverdrossen arbeiteten. Der damals den Juden in der wohlwollendsten Weise wieder übergebene Boden deS Handwerks ward auch hier für Meister, Geselle und Lehrling ein goldener und zwar nicht nur durch Bermehrung der materiellen Güter, sondern hauptsächlich auch durch Gewinnung des besten Gutes, der Gesundheit, der sich alle drei Herren, wenn sie auch jetzt auf anderem Felde, aber immerhin noch, wie mir vorzugsweise von Herrn Tuchmann bekannt ist, für gewerbliche Zwecke thätig sind, erfreuen und mit der göttlichen Hilfe noch viele Jahre erfreuen mögen. —u— AuS Bayern, im Juli. (Or. Corr.) Wir waren am .24. d. in der angenehmen Lage, an der Münchener Hochschule einer im Ganzen zwar seltenen Feier, aber erfreulicher Weise in der letzten Zeit bereits mehrfach stattgefundenen akademischen Feierlichkeit beizuwohnen. Der bisherige AnwaltSconcipient und geprüfte RechtSpractikant vr. Hur. utr. Heinrich Harburger aus Bayreuth verlheidigte nämlich öffentlich vor der versammelten Juristenfacultät, nachdem er vorher eine Probevorlesung gehalten hatte, einzelnen Mitgliedern der Facultät gegenüber behufs Erlangung der venia le^encki an der Münchener Hochschule die von ihm aufgestellten Streit« sähe. Wir berichten hierüber nicht deswegen, weil der Habilitant seiner Aufgabe in vorzüglicher Weise gerecht wurde, nicht deswegen, weil derselbe ein Jude ist, denn der Münchener Hochschule und insbesondere der Juristenfacultät gehören bereits niedrere Juden als Privatdocenlen an, und dieselben nehmen wegen ihrer wiffenschastlichen Leistungen und um ihrer Persönlichkeit willen eine geachtete Stellung ein, wir berichten über die Feier nur deswegen, weil wir hervorheben wollten, daß der Decan der Juristenfacultät, nachdem er dem Habilitanten seine Anerkennung über seine Leistungen ausgesprochen hatte, seiner und der Facultät Freude darüber Ausdruck verlieh, daß im Gegensätze zu den meisten anderen Juristenfaculrätrn die zu München in den letzten Jahren eine größere Anzahl von Privatdocenlen zu ihren Mitgliedern zählte und dabei ganz besonders betonte, daß die hierüber empfundene Äenugthuung eine um so berechtigtere sei, als die Stellung dellnioersitätslehrerS weder besondere äußere Ehren einbringe, noch gerade immer eine gesicherte materielle Existenz gewähre Umsomehr sei eS anzuerkennen, wenn junge Männer und gerade solche von so außerordentlichen Talenten mit Hinwegs,tzung über äußere und materielle Vortheile um der Wissenschaft willen und nur allein aus Liebe zur Wiffenschaft den Beruf des Unlversitätslehrers wählen. Bedenkt man nun. daß die Münchener Juristenfacultät bis 1674 längere Zeit hindurch keinen Privatdocenten mehr aufzuweisen hatte, daß aber unter den neun Privatdocenlen, die sich seitdem daselbst habilitirten, einschließlich d«S Di-. Harburger drei Juten mit), denn fürwahr muß man unS zugestehen, daß den in der Preffe unS jüngst zugefügten Schmähungen gegenüber eme glänzendere Genugthuung, als die Worte des DecanS der Juristenfacultät jedenfalls unabsichtlich sie enthielten, unS nicht hätte werden können. Daran, daß zur Aufnahme deS Vr. Harburger in die Facultät die erforderliche Allerhöchste Genehmigung ertheilt werde, ist nach Lage der Sache nicht zu zweifeln. München. In Beziehung auf die Artikel der „Sudd Pr.", welche in der Wahlbewegung eine feindselige Stimmung gegen die Juden zu bringen strebten und den Versuch einer Rechtfertigung des Redacteurs vr. Cajus Möller, anläßlich einer Versammlung des liberalen Wahlausschuffes, gibt die „Voss. Zeit." den betreffenden Paffus aus dem Referat der „Münchener neuesten Nachr.", welches in unserem vor. Blatte in der Correspoudenz München mitgetheile ist, wieder und fügt dann noch folgende Sätze hinzu, welche Herrn Möller näher charakterisiren. Die „Süddeutsch».- Presse" und ihr vorgenannter Redacteur betreiben noch eine andere Hetze mit Leidenschaft, die auf die wirklich liberalen Abgeordneten Bayerns und des ganzen Deutschlands. Zu unserem Bedauern müssen wir constatiren, daß Hetzartikel des Herrn Möller, der bei den Wahlen von 1874 als Redacteur der „Spener'schen Ztg" die Fortschrittspartei mit den gröbsten Schmähungen verfolgte, gegen den Abg. Herz noch in den letzten Tagen selbst in den Blättern Aufnahme gefunden haben, die im gegenwärtigen Kampfe aufrichtig auf der liberalen Seite stehen. Die Erklärung des Herrn Möller, daß er bei seinen Juden- Artikeln „Berliner Zustände", specielle Verhältnisse der hiesigen Presse im Auge gehabt habe, sieht ganz wie eine Ausflucht aus, um der Verantwortung in München zu entgehen. Aus Hessen. (Entgegnung.) Nr. 26 des „Israelit" enthält eine mit G. Unterzeichnete Necension über das im Reg.- Bez. Cassel eingesührte, für isr. Schulen von Herrn vr. Stein zu Cassel umgearbeitete, deutsche Lesebuch des Hess. Volksschullehrervereins. Es würde diele Necension, objektiv aufgefaßt, nur anzuerkennen sein, da jedes der Oeffentlichkeit übergebene Buch sich eine sachgemäße Kritik gefallen lassen muß. Allein eine Vertheidigung der auf das Buch selbst gerichteten Ausstellungen ist nicht unsere Sache, wir überlassen das Herrn vr. Stein selbst. Hätte der Herr Recensent aber, bevor er sein voreiliges Urtheil der Oeffentlichkeit übergab, die wenigen Groschen Fahrgeld von seinem so nahegelegenen Wohnorte zu unserer Versammlung angewendet, so hätte er zur Beruhigung und Belehrung, wenn diese bei seinem eingewurzelten Vorurtheile überhaupt noch möglich ist, durch das Referat des Herrn vr. Stein die vielfach vorgebrachten äußern und innern Gründe anerkennen und wie der jn 1X^0 |!2X ims sagen müssen. Wir glauben darum kaum, daß es dem Herrn G. um eine wirkliche und ehrliche Kritik zur etwaigen späteren, besseren Ausstattung des Bucyes zu thun war, glauben vielmehr mit Sicherheit annehmen zu können, daß das Bttch ihnr nur eine willkommene Handhabe war, um seine giftigen Pfeile auf das bei ihm und leinem Anhänge so verrufene Casseler Lehrerseminar loszuschießen. Die Worte des Herrn G.: „Leider stammt ein großer Theil der in Bebra versammelten Lehrer aus dem Seminare zu Cassel, an dessen Spitze Herr vr. Stein steht" — zeigen ja klar genug, wo des Pudels Kern zu suchen und zu finden ist. Wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, und unsere Feder nicht in Gift und Galle tauchen, aber fragen müssen wir doch Herrn G., wie er zu solchem ungerechtfertigten Urtheil sich versteigen konnte? Als frommer Jehudi, für den er seinen Worten nach gellen möchte, sollte er doch vor Allem die Worte unserer Weisen beherzigen, die so oft und eindringlich ermahnen, vorsichtig in seinem Urtheile zu sein. Welche schmerzliche Erfahrungen hat denn der Herr G. gemacht, die ihm ein „Leider" über das Casseler Lehrerseminar auspressen und ihn veranlassen, so unbarmherzig über diese älteste israelitische Lehrerbildungsanstalt in Deutschland, sowie über die Lehrer, die aus derselben hervorgegangen sind, den Stab zu brechen!? — Der Herr G. wird uns doch nicht widersprechen können, wenn wir behaupten, daß die Wirksamkeit eines Seminars auf die Lehrer übergeht und die Wirksamkeit der Letzteren sich der Schule und durch diese der Bevölkerung mitlheilt. Deshalb möge er einmal, wenn er anders kann, vorurtheilslos und gerecht sich umschauen im lieben deutschen Vaterlande und Parallelen