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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-31 · N° 31. (31.7.1878) · p. Seite 242

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 31. (31.7.1878)
Date
1878-07-31
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
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242 — noch drücken." So sprach ein frommer Rabbi vor ungefähr neun Decennien, zu einer Zeit, wo noch finstere Wolken des Fanatismus und des wildesten Aberglaubens den Horizont des israel. Lebens zu verdunkeln drohten, zu einer Zeit, wo Neid, Haß, Druck und Verfolgung, Intoleranz und Unduldfamkeit sich gleichsam gegen das Volk der Geschichte verschworen hatten, und heute in dem Jahrhundert des Fortschrittes, der Cultur und Civilisation, der Humanität und Menschenverbrüderung, heute, wo jeder Unbefangene es bereitwilligst zugeben muß, daß die Juden sich nicht nur auf allen Gebieten der Industrie, Kunst und Wissenschaft große Verdienste erworben, sondern auch mit den Thränen der Mütter, wie mit dem Blute der Söhne, die auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland gefallen sind, ihr Heimathsrecht erkauft haben, heute wagt es ein geistloser Jstoczy im Reichsrathe auszusprechen, daß die Juden für den Militärdienst unfähig seien. Wahrlich, eine Schmach für unser Jahrhundert, wenn solchen Subjecten ein Mandat gegeben wird. Friedländer. Rußland. Kalisch. (Nachträgliches über die Excefse.) Dem „Leipz. Tagebl." wird geschrieben: Die jüngste Judenhetze in Kalisch bildet nicht eine vereinzelte Thatsache, sondern einen Ring in der Kette einer von der panslawistischen Wühlerei geplanten allgemeinen Judenverfolgung, wie sie in Rumänien, Bulgarien längere Zeit an der Tagesordnung war. In Kutno, Dsunskavalie, Kalisch. Kiew und sogar in der Hauptstadt Conzreßpolens wird nicht nur seitens der Tagespresse die katholischgriechische Bevölkerung gegen die Juden durch alle möglichen Verdächtigungen und verläumderischen Beschuldigungen verhetzt, sondern durch Anstiftung von' gehässigen Wühlereien seitens der Popen und der Kriegspartei Attentate an Personen und Eigenthum begangen, und so Zustände asiatischer Barbarei heraufbeschworen, die ein trauriges Pendant zu dem kaum beendeten verhängnißvollen Kriege auf der Balkanhalbinsel liefern. Ein Herr von Selenski veröffentlichte unlängst eine Schrift, betitelt: „Zydzi, Niemcy i mi“ (Juden, Deutsche und wir), worin er behauptet, daß Juden und Deutsche das Land förmlich berauben und aussaugen, so daß sie die Herren Rußlands geworden und die Russen ihre Sclaven sind. Dieses Pamphlet erlebte bereits 3 Auflagen und wird massenhaft unter dem Landvolke verbreitet. Fast fämmtliche russischen Tagesblätter athmen Haß und Galle gegen Juden und überschütten diese Unschuldigen mit den gemeinsten Jnvectiven, streuen freche und verleumderische Gerüchte und Beschuldigungen aus, wie z. B. daß sie Christenblut zu Ostern brauchen, die Soldaten verhungern lassen, am Kriegsschauplatz Reichthümer erwerben, England begünstigen u. s. w. u. s. w. Auch wäre ihr „Judenmessias". Lord Beaconsfteld, der „zweite Moses", der im Namen Englands das russische Reich zu vernichten, Pharao ins Meer zu stürzen und die Egypter zu berauben strebt! Nicht ohne Grund protestirte die Judengemeinde Berditschews in den „Petersburger Nachrichten" gegen die Gemeinschaft mit dem englischen Premier aus dem jüdischen Stamm, indem sie mit Recht dadurch viel zu leiden hatte. Die von oben inspirirte Censur läßt ohne den mindesten Anstand diese aufrührerischen, eine ganze Menschenrasse begeifernden Schmähartikel und Broschüren passiren, aber mit aller drakonischen Strenge weist sie jede judenfreundliche Widerlegung und Gegenerklärung zurück! Nicht einmal das Factum der Greuelscenen in Kalisch ließ die Censur in Warschauer Zeitungen passiren! Dagegen wurde das Machwerk eines Geistlichen, Luitaslanski, worin er die Beschuldigung des Gebrauchs von Christenblut am Ostern erneuert, dem Großfürsten gewidmet und von Demselben die Dedication mit Dankschreiben angenommen, wodurch der saubere Patron größere Verbreitung seiner Schrift unter der Bevölkerung findet, durch Placate und Anheften von Ankündigungen in größeren Formaten an den Thüren der Eisenbahnwagen seine ofstcielle Widmung ausposaunt! Dagegen wurde eine r u s s i s che und eine hebräische Uebersetzung der bekannten Schrift von Prof. Schleiden: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" zur Veröffentlichung von der russischen Censur nicht zugelassen. Ueberhaupt, was nur in irgend einem ausländischen Blatte Jnvenfreundliches enthalten, wird durch den Censurstrich dem Lesepublikum entzogen. Ja selbst was zumal in Petersburg erlaubt ist, wird in Polen streng verpönt, wie z. B. der im russischen „Westnik" in Petersburg veröffentlichte judenfreundliche Artikel in den Zeitungen Warschaus nicht reproducirl werden konnte! — Wir schließen hieran Auszüge aus einem Berichte des „Petersb. Herold", der zunächst die Veranlassung der Exceffe folgendermassen darstellt: Vor ungefähr zwei Monaten waren an allen Enden der Stadt mit Bewilligung der örtlichen Administrativbehörde Telegraphenpfosten, mit Draht umzogen, errichtet worden, welche aus Ansuchen der Kalischer altjüdischen Gemeinde entstanden, die Beobachtung der mosaischen Gebräuche während des Sabbaths erleichtern und die Fiction hervorbringen sollten, als sei die mit den genannten Stangen (genannt Riffen) umgebene Stadt ein einziges großes jüdisches Haus, in welchem man ungehindert trotz des Feiertages ein-- und ausgehen, Geld bei sich tragen könne, und dergleichen mehr. Ueber die Aufstellung dieser Riffen wurde recht viel geredet und es wurde namentlich getadelt, daß man die ohnehin fanatischen Juden in ihren unzeitgemäßen Gebräuchen noch bestärke. Gerüchtweise verlautet, ein katholischer Priester hätte während des Gottesdienstes gesagt, er könne Sterbenden auf dem Lande nicht das heilige Abendmahl reichen, weil die Sacramente, durch die jüdischen Riffe, die er passiren müsse, prosanirt würden. Genug, es hatte sich der ländlichen Bevölkerung eine gewisse Aufregung bemächtigt, und in einem etwa vier Meilen entfernten Städtchen hatte man sogar nächtlicherweile die Wahrzeichen jüdischen Aberglaubens niedergehauen. Auf höheren Befehl sollten die Riffen nun vernichtet werden, und auch in der Stadt Kalisch, wo sie am längsten gestanden hatten, fand der anbrechende Morgen des 11. (23.) Juni, gerade ein Sonntag, dieselben entweder gar nicht mehr oder doch nur zerstört vor, so daß Kalisch zum Greuel der hiesigen mosaischen Bevölkerung nunmehr aufgehört hatte, ein großes jüdisches Wohnhaus zu sein. Gerüchte circulirten in der Stadt und Umgegend, als ob die Juden für die ihnen angethane Kränkung Rache nehmen und die anläßlich des Froynleichnamsfestes am Sonntagmorgen aus der städtischen Pfarrkirche stattfindende Prozession stören würden. — Was dann _ der „Pet. Her." weiter über den Ausbruch des Tumults, sagt, der durch Rufe: Die Juden zerstören unsre Altäre u d. m. herber.eführt wurde, entspricht den Berichten anderer Blätter. Auch nach dieser Darstellung sind die Juden ganz unschuldig. Daß die „Riffen" auf höheren Befehl weggeräumt worden seien, ist nicht glaublich, dann hätte man sie ja nicht bei Nacht zerstören müssen! — Endlich folge noch der Schluß aus dem Berichte eines streng katholischen Blattes, des „Kurier Poznanski", welches in seinen ersten Schilderungen gegen die Kalischer Juden Gift und Galle spie und ihnen die Schuld an allen Vorgängen zuschrieb. Durch die Thatsachen überzeugt, schreibt dasselbe nun: „Wir können heute dem Ausdrucke des Schmerzes über die Kalischer Vorgänge nur beitreten und versichern, daß die katholische Religion, daß das Gefühl eines jeden rechtlichen Bürgers jede Gewaltthat verdammt, und sich mit Verachtung von denen abwendet, welche vorsätzlich die Unwissenheit des Volkes benützend, dieses zu Ausschreitungen verleiten." — Hiermit sind auch wir zu guter letzt einverstanden und bedauern nur, daß v-an nicht ebenso bereit ist, wo nöthig, zwischen jüdischer Religion und den Thaten einzelner Juden zu unterscheiden. Donaufürstenthümer. Stimmen über die Congreßbeschlüsse bezüglich der Freiheit der Culte. (Schluß.) Die „N. F. Pr." widmet diesen Beschlüffen einen be-

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