Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 31. (31.7.1878)
- Date
- 1878-07-31
- Page
- Seite 241 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 241 Hause geeilt, wo sie noch den Jünger Aeskulaps an dein Krankenlager ihres Kindes traf, die äußersten und vergeblichsten Anstrengungen machend, um dem Würgengel seine Beute abzujagen. „Nun Herr Dr., wie meinen S'e? was glauben Sie? ist Hülfe möglich?" fragte sie. „Ich thue und laste Nichts von alldem, was meine Wissenschaft mir vorschreibt und meine Praxis mich lehrt." „Aber haben wir nur noch was zu hoffen?" „Gott möge unsere Bemühungen durch den Erfolg lohnen." „S»e pflegten sonst bestimmt zu antworten, nun suchen Eie mir auszuweichen, ich bitte Sie, verhehlen Sie mir den Zustand des Kindes nicht, ich soll, ich will besten Tod nicht überleben." Sie sprach dies in einem so bestimmten Tone, mit solchem Gesichtsausdruck, daß es dem I)r. ernstlich Besorgniß einflößte, sie könnte sich ein Leid anlhun, er suchte sie zu besänftigen, sprach ihr Mnlh zu und appellirte, als alldies nicht zu wirken schien, an ihren gesunden Menschenverstand. Sie aber meinte, daß, wenn man hierüber den Verstand nicht verliere, man auch keinen zu verlieren habe. Dem Manne der Heilkunde wurde ei schwül zu Muthe; sein Beruf verlangte ihn auch anderwärts sehr dringend, und doch konnte er es nicht über sich bringen, diese Mutter in diesem Zustande bei ihrem dem Erstickungstode entgegeneilenden Kinde allein zu lasten. Bckur Eholim, Krankenbesuch, ist zwar eine jüdische Cardinaltugend, von allen Juden ohne Unterschied der Denkungsart mit gleichem Eiser und gleichem Opfermuthe geübt, allein dieses Haus wurde wie in Contumaz erklärt, daher von Jeden gemieden; man fürchtet nicht mit Unrecht, man könnte, durch den Besuch diese epidemische Krankheit, die schon so viele Opfer gefordert, weiter verschleppen. Aus seiner Verlegenheit wurde der Arzt jedoch dadurch geristen, daß der Bote des Wunderrabbi niit den wunderlichen Heilmitteln das Zimmer betrat, nnd so fand er den Augenblick für günstig, aus dem Hause zu entschlüpfen. Auf der Gaste angelangt, umgaben ihn Juden wie Christen, jeder fragte theilnahmsvoll Nach dem Zustande des Kindes, dort erfuhr der Doclor, wohin Alles sich begab, uin den göttlichen Beistand zu erflehen. Auch er richtete seine Schritte dahin. Dort sah sich wohl Jeder verwundert nach ihm um, denn er pflegte nur am Neujahrs- und Versöhnungstage die Synagoge zu besnchen. Er aber durchschritt die Menge, ging geradezu auf dem Wunderrabbi zu und sprach: „Rabbi, lassen Sie recht beherzte Männer und Frauen auffordern, sich zur Frau Rutsche zu begeben, denn der Knabe kann nur noch wenige Minuten leben, die Frau ist in einer derartigen Versastung, daß ich ernstlich besorgen muß, sie könne sich ein Leid anlhun, man muß darauf bedacht sein, sie von dort zu entfernen" Also gab Dr. M. dem Rabbi nachdrücklich zu verstehen. „Ist der Schammesch dort nicht gewesen?" fragte der Wundermann in seiner Verstocktheit. „Ich habe ihn dort gesehen, aber um des Himmels Willen verkästen Sie sich auf keine Wunder, und verlieren Cie keine Ze,t, nur noch der Mutter tbut menschlicher Beistand noth," erklärte unzweideutig der Doctor und entfernte sich. Rabbi Hillel schüttelte den Kopf, ihm konnte es gar nicht einleuchten, daß seine außerordentlichen Mittel so wir- I kungSloS bleiben könnten. Er forderte daher nochmals auf, gew'ste Kapitel aus dem Pialmbuche herzusagen, er selbst machte den Vorbeter. Dann begab sich unter Wundermann, begleitet von den frömmsten der Gemeinde in das Haus, auf weichem daS Schicksal so schwer lastete. Sie hatten die Thüre noch nicht recht geöffnet, als der Knabe kaum vernehmbar zum letztenmal „Mutier" rief, sie sah ihn »ach der Gegend zeigen. wo der Arhem nicht mehr durchdrrngen wollte, sie sah und wußte genug, ne wußte, daß ihr K>nd stirbt, em Schrei deS Entsetzens entfuhr ihrem Munde und sie stürzte wie entseelt zu Boden. In dtesem Augenblicke trat der Wunderrabbi hinzu, berührte mit seinem Meerjchaumstock den Knaben, der aber kein Lebenszeichen mehr von sich geben wollte. Hätte dieser Mann es so gemacht, wie jener Wnndermann der Bibel, ich meine, hätte er sich auf den Knaben hingestreckt, Auge auf Auge und Mund auf Mund gelegt, es wäre daun gewiß das eingetreten, was gar kein Wunder ist, der Rabbi wäre — von der Diphterilis angesteckt worden. Aber auch der Doctor kam zur rechten Zeit, seinen Anstrengungen gelang es, die beweinenswerthe Mutter wieder ins Leben zu rufen. A. S. Weiß mann. Kanitz, am 4. Juli. (Or.-Corr.) (Jstoczy und Schneider Joch an an.) Wie einst Haman in Susan, hat neulich Jstoczy in Pest es versucht, die Juden an den Pranger zu stellen, um sie als eine gemeinschädliche, für den Müilärdienst untaugliche Nation zu brandmarken. ^Da wir es unsererseits nicht der Mühe werth finden, die hämischen Behauptungen, die albernen thörichten Ansichten und boshaften Verleumdungen dieses bornirten modernen Hamans zu widerlegen, so wollen wir nur einer Episode aus der Zeit des berühmten Prager Oberrabbi Ezechiel Landau gedenken, weil sie darnach angethan ist, als Charakteristik unseres modernen Haman betrachtet zu werden. Als R. Ezechiel Landau sein hochwichtiges Amt in Prag antrat, wurde ihm ein überaus würdevoller Empfang bereitet. Alles jubelte dem frommen und hochgelehrten Rabbi entgegen, und man wetteiferte mit einander, um dem theuren Lehrer Huldigungen darzubringen. Rur ein einziges unwistendes harmloses Schneiderlein, im Prager Ghetto unter dem Namen „Jochanan Schneider" bekannt, machte hierin eine Ausnahme und schimpfte auf den neuen Rabbi recht wacker los. Es schimpfte und schimpfte so lange, bis endlich der Rabbi hievon in Kenntniß gesetzt wurde. Dieser ließ sich das Schneiderlein holen und sprach ihn also an: „Ich habe gehört, daß Du gegen meine Ernennung zum hiesigen Ooerrabbiner demonstrativ aufgetreten und daher auch unablässig bemüht bist, mich zu verunglimpfen. Hast Du etwa an meinem Benehmen, an meiner Verfahrungsweise oder überhaupt an meiner religiösen Richtung etwas Trdelnswerthes gefunden? Bin ich Dir vielleicht zu wenig gelehrt, zu wenig kenntmßreich? Sprich Dich frei und offen aus, wenn Du etwas auszusetzen hast, und ich will Dir hiefür dankbar sein, denn ich halte mich nicht für vollkommen makellos, da kein Sterblicher hienieden unfehlbar ist." — „Großer Rabbi!" entgegnete Jochanan Schneider, „wie kann es Euch nur in den Sinn kommen, daß ich, der Unbedeutendste und Unwissendste in der Gemeinde, mit der religiösen Richtung, wie mit der allgemein anerkannten hohen Gelehrsamkeit eines R. Ezechiel Landau nicht zufrieden bin. Mir war es einzig und allein darum zu thun, mich bemerkbar zu machen. Da aber mir weder geistige noch materielle Mittel zu Gebote standen, so blieb mir nichts Anderes übrig, als den felost mir verhaßten Weg einzuschlagen. Wie hättet Ihr sonst, großer Rabbi, von der Existenz eines armen „Jochanan Schneider" erfahren?" Der Rabbi lachte herzlich und sprach: „Es freut mich sehr, auch Dich kennen gelernt zu haben." — Auch Herrn Jstoczy, der um jeden Preis zu einer, wenn auch nur traurigen Berühmtheit gelangen wollte, können die ungarischen Juden zurufen: Es freut uns sehr, auch Dich kennen gelernt zu haben. Ad vocem R. Ezechiel Landau können wir nicht umhin, hier einen Passus aus seiner im Jahre 1789 an die jüdischen Soldaten gehaltene Ansprache zu reproduciren. Derselbe lautet: „Im Uebrigen seid Gott treu im Herzen. Weichet in keinem Falle vom Glauben Eurer Väter und dienet unserem allergnädigsten Landesfürsten mit gutem Willen und rastloser Thätigkeit. Erwerbet Euch und unserer ganzen Nation Dank und Ehre, damit man sehe, daß auch unsere bisher unterdrückte Nation ihren Landesfürsten und ihre Obrigkeiten liebe und im Falle der Noth ihr Leben aufzuopfern bereit sei. Ich hoffe, daß wir durch Euch, die ihr Euch, wie es jeden Unterthan geziemt, pflichrgetreu aufführt, auch noch jener Fesseln entledigt werden, die uns zum Theile