Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 30. (24.7.1878)
- Date
- 1878-07-24
- Page
- Seite 235 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583124--3676-9583129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 235 — Nun schlich sich in ihr Haus der unersättliche Tod in Gestalt von Diphteri.is ein, er bedurfte nur weniger Wochen, um ihren reichen Ehesegen wegzuraffen und ihren noch gebliebenen ältesten Sobn aus das Siechbette zu werfen, Ihr der sronunen Beschaulichkeit und dem Klausleben geweihter Mann sandte inbrünstige Gebete für die Erhaltung dieses letzten Sproffen zum Himmel, während sie wie festgebannt an deffen Krankenlager stand und ihn mit ängstlicher Sorgfalt wartete. Es war Donnerstag 10 Uhr Morgens, als Dr. Maramorsch seine Visite abstattete, er untersuchte den Kehlkopf des Kindes, die unglückliche und beweinenswerthe Mutter sah ihn unverwandt an, sie wollte in seiner Miene das Schicksal ihres Kindes lesen; sie sah ihn erblaffen und wurde todtenbleich. — „Herr Doclor", schrie sie voll Angst und Verzweiflung, „Herr Doclor, wie finden sie den Zustand meines Kindes?" I)r. M. vermochte nicht zu antworten, grenzenloses Mitleid erstickte seine Stimme, er sucht sich zu überwinden, die arme Mutter verstand diesen Vorgang in seinem Innern, sie wußte genug, sie wußte, daß nur noch bei Gott Hilfe möglich sei. Ehe der Arzt ihr noch etwas sagen konnte, mar sie verschwunden, war zum Wunderrabbi, zum Vermittler zwischen Gott und Menschen und Uebermittler des Gebets geeilt; es war dies kein Anderer und Geringerer als unser Reb Hillel. Sie war zu ihm geeilt um ihn durch einen Pidjon (Lösegeld) im Betrage von 18 ft. ö. W zu veranlaffen, ihr das Kind durch die Wunder des Gebetes am Leben zu erhalten. Reb Hillel saß gerade bei Tische, die Brodkrume im Salz um- und seine Augen gen Himmel verdrehend, sich gewaltig uil Titchgebel schaukelnd, als die unglückliche Rutsche Reb Jtzigs beinahe stürmisch hereintrat. „Rabbi! heiliger Rabbi! mein Jtzigleben, wein geliebtes Kind — mein einziges — von acht Kindern nun einziges — letztes Kind — ist gefährlich — ist zum Sterben krank — es «st vorvei — beten Eie, helfen Sie, thun Sie Wunder, Rabbi! daß mein Jtzigleben, mein einziges, letztes Kind mir erhalten bleibe", so flehte die unglückliche Mutter den Wundermann schluchzend an und legte den Pidjon auf den Tisch. Reb Hillel murmelte nunmehr, sich noch immer schaukelnd, mit gen Himmel verdrehten Augen, den Schluß der Segentforniel vor sich, biß dann in die Brodkrume, kauete sie langsam wie mit Andacht und kehrte sich nicht zu der betrübten Frau, die wie auf Kohlen dastand. „Die frevelnden Egypter haben unser auserwähltes Volk geknechtet, haben die Nachkommen unserer heiligen Urahnen, unsere ganze Nation ausrotten wollen, und doch war die härteste der zehu Plagen blos das Hinraffen der Erstgeborenen, mir wurden in kürzester Frist sieben weggerafft, wenngleich ich meine Hände zu Gott erheben und betheuern kann, baß ich mir keiner Sünde bewußt bin", fügte sie als Motiv, den Rabbi zur Fürbitte auszuniuntern, bei. „Auch Hiob mar fromm und rechtschaffen, bei alledem. Sie ließ den 3tabbi nicht ausreden und unterbrach ihn folgendermaßen: „Hiob hatte nicht Zeit zu beten, ihm wurden vollendete Hiobsposten hinlerbrachl. Wir aber haben Zeit, den 3tathschl»tß (G'iardin) Gottes durch Gebet rückgängig zu machen, und wahrlich, wir haben sie nicht vernachläfflgt; mern Mann betet unaufhörlich, auch ich bete. Mischen Sie, heiliger 3tabbi, Ihr Gebet mit dem unseligen, Gott wird Sie und uns durch Sie erhören." „Ich werde schon beten, aber die Werke Gottes dürfen nicht nach dem Auffaffen des sündhaften menschlichen Verständebeurlheüt werden. Uebrigens sind auch Sie nicht so ganz sündcnfrei, es sind Dinge zu meinen Ohren gedrungen . . ." und er schockte sich an. Verschiedenes ihr vorzuhal en. „Hören Sie Rabbi", unterbrach ihn 3iutsche hastig, „Sie sollen für mein Ktnd nicht beten. Ein Mensch, den so ungeheures Unglück b:s tief in's Herz hinein kühl lasten kann, eu» Mensch, der im Angesichte solchen Jammers ähnliche Gegenstände zu berühren keinen Anstand nimmt, der soll nicht beten, zu Gott nicht beten. Ein Gebet auso kühlem Herzen, ausgestoßen durch solch schwatzhaften Mund, kann nur den Zorn Gottes herausfordern." Sprach's und enteilte noch rascher als sie gekommen. Der Wunderrabbi verdrehete die Augen abermals nach oben, als wollte er beim Himmel Trost für diese derbe Lektion luchen, da unterbrach Meilech Dajan, der Zeuge dieses Drama's war, das Schweigen, indem er dem Rabbi zu begütigen suchte. „Nehmen Sie es nicht so genau mit dieser so schwer geprüften Frau, ein so herbes Unglück soll Niemandem begegnen! Von 8 Kindern 7 verlieren und das achte auf dem Todtenbette liegen sehen, das verursacht einen Schmerz, groß, weit und tief wie das Meer. Bei solchem Schmerze und mit solcher Wunde in der Brust entfahren ganz andere Worte dem Munde, wie man sonst reden möchte. Man kann anders nicht sagen, Rutsche Reb Jtzigs ist eine Zadekelh, die weit und breit zu suchen ist. Mag sie auch was vom Temperament ihres Vaters haben. Er war etwas rasch. Es ist schon 30 Jahre her, ich erinnere mich besten aber, als wäre es noch heute, da war bei uns der Sandizer Zadik, Rabbi Chaiml, (seine Verdienste mögen uns beistehen) zu Gast. Beim Vespermahl (Scholausch Sudos) trug er einen sehr scharfsinnigen Chiluk über die Talmudstelle “np'i'D vor, da unterbrach ihm der Vater dieser unglücklichen Mutter, R. Jtzig, und rief ohne Scheu: „Der Sinn der Talmudstelle ist ein ganz Anderer." Der Sandizer Zadik ließ sich aber nicht aufhallen, sondern führte seine Chiluck in scharfsinnigster haarspaltendster Weise weiter. Rabbi Jtzig aber unterbrach ihn nochmals: „Nein, sagte er, der richtige einfache Smn ist nicht so." — Als der Sandizer darauf nicht achten wollte, schrie R. Jtzig „falsch! falsch!" und singt „Jom seh". Wir waren alle schier außer uns wegen dieser Dreistigkeit, wir fürchteten einen Wulhausbruch von Seiten der Chassidim, allein der Sandizer hieß ihn gewähren lasten und zeigte ihm später noch mehr Geneigtheit als zuvor. Und so, 3iabbi, grollen auch Sie dieser Frau nicht und beten Sie zu Gott für das Leben ihres letztgebliebenen Kindes. (Schluß folgt.) Donaufürstenthümer. Stimmen über die Congreßbeschlüsse bezüglich der Freiheit der Culte. — Wir theilen im Folgenden auszüglich die Urtheile zweier der bedeutendsten österreich. Journale, des „Pest. Lloyd" und der „3t. Fr. Pr.", über die die Gleichberechtigung der Culte aussprechenden Beschlüsse des Berliner Congrcstes mit. Während der erstere voll dankender Anerkennung für dieselben ist, weist letztere auf die Lücken in den gefaßten Beschlüsten hin. Der „Pest. Lloyd" schreibt u. A.: „Es mar eine dankenswerlhe Thal des Congrestes, daß er jenem Staate, den er neu geschaffen, und jenen Ländern, welchen er bas kostbare Gut der Selbstständlgkeit und Unabhängigkeit geschenkt, die Pflicht auserlegle, die Prinzipien der Gleichstellung Aller vor dem Gesetze und der Gleichberechtigung aller Religionsgenostenschaften, gegen die bisher gerade in den Balkanländern so viel gesündigt wurde, zur Durchführung zu bringen. Das gesammte Europa hat sich dafür eingesetzt, daß in 3tumänien, Serbien und Bulgarien die religiöse Gleichberechtigung anerkannt und geachtet werde. Das Gebot Europa's wird in jenen Ländern vor- I nehmlich den Mohamedanern und Juden jene Gleichheit gewähren, die sie bisher entbehren mußten, die so vielfach Grund zu berechtigten Klagen und Beschwerden gegeben hat. Die Anregung hiezu ging von denr Vertreter Englands, Lord Salisbury, aus. Er war es, der den Artikel 22 des Vertrags von San Slesano in einer Welse modifizirte, welche das ausschließliche rustische Protektorat über Die Christen des Orients beseitigte, dagegen für sie den viel wirksameren Schutz der Gesetze ins Leben rief. Sein Antrag, der nunnlehr bereits einen Theil des Berliner Frieden-Vertrags bildet, und der sich der eifrigen Unterstützung Frankreichs und Oesterreich Ungarns zu erfreuen hatte, hat ungefähr folgenden Inhalt: „Alle Bewohner des ottomanischen Reiches, welcher Religion immer, genießen alle Gleichheit vor dem Gesetze. Sie