Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 30. (24.7.1878)
- Date
- 1878-07-24
- Page
- Seite 234 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583124--3675-9583128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 234 — Friedensliebe, Wohlthätigkeitspflege und religiöse Belehrung. Zunächst handele es sich darum, den religiösen Frieden durch Vermittelung und gegenseitige Verständigung zu erhalten, überhaupt aber für Einheit zu wirken, und gerade in unserer Stadt, wo mehrere israelitische Gemeinden bestehen, sei die Vereinigung derselben zu einer einzigen Gemeinde als höchstes unverrückbares Ziel in's Auge zu fassen. Es käme ferner darauf an, zur Förderung der Humanität und Wohlthätigkeitspflege anzuregen, welche des einträchtigen Zusammenwirkens Aller ganz besonders bedürfe und noch dadurch eine erhöhte Bedeutung habe, daß sie den gemeinsamen Boden aller Bekenntnisse darstelle. Und endlich sei durch Belehrung von der Kanzel und vor Allem durch religiösen Unterricht der Kinder Hingebung und Pflichtgefühl zu erwecken und zu beleben. Mit Psalm 138, der ebenfalls von Herrn Cantor Lippman mit wohlklingender Stimme abgesungen wurde, schloß die erhebende Feier. München, 16 Juni. (Or.-Corr.) In Nr. 28 dieses Blattes wird von den Maßnahmen berichtet, die eine jüd. Versanimlung in Breslau gegen die judenfeindliche Haltung der „Schlesischen Zeitung" getroffen hat. Der Bericht wird mit einem Appell an die Glaubensgenoffen in München begleitet, um sie zu einem ähnlichen Schritte gegen die „Süddeutsche Presse" anzuregen. Ich kann Ihnen nun mittheilen, daß auch die hiesigen Glaubensgenossen nicht unthätig geblieben sind, wenngleich die Eigenthümlichkeit der hiesigen Verhältnisse ein ähnliches Vorgehen wie in Breslau nicht rathsam erscheinen ließ. Da nämlich die Leiter der hiesigen national-liberalen Partei das Gebühren ihres Organes aufs Lebhafteste desavouiren, so konnte man es vorerst mit zahmern Mitteln versuchen. In einer jüd. Notablenversammlung wurde ein Preßausschuß mit Herrn Rabbiner Dr. Perles an der Spitze eingesetzt, der die Haltung der hiesigen Preffe dem Judenthme gegenüber zu überwachen haben wird. Ferner wurde beschlossen, daß die Juden bei der jetzt beginnenden Wahlagitation den Eintritt in den Wahlausschuß, dem der Redacteur der „Südd. Presse" Dr. Möller angehört, zu verweigern hätten, bis ihnen Genugthuung geworden ist. Diese sollte nun in öffentlicher Versammlung des Ausschusses gegeben werden und berichten die hiesigen „Neuesten Nachrichten" hierüber Folgendes: „Bei Beginn der gestrigen Versammlung des Wahlausschusses der liberalen Partei gab der 1. Schriftführer, Herr Oberappellrath Dürrschmidt, bekannt, daß mehrere in den Wahlausschuß gewählte israelitische Gesinnungsgenossen den Eintritt in denselben ablehnten, weil die hiesige „Süddeutsche Presse" in letzter Zeit den Israeliten gegenüber eine Haltung eingenommen habe, welche es ihnen vorerst unmöglich mache, zugleich mit dem Redakteur dieses Blattes Mitglieder des Ausschusses zu sein. Herr Oberappellrath Dürrschmidt betonte mit warmen Worten, daß die liberale Partei, welche die Freiheit und Gleichberechtigung aller Confessionen auf ihre Fahne geschrieben habe und an diesem Pinzipe niemals rütteln lassen werde, die fraglichen Artikel mißbillige, namentlich den letzteren, welcher eine bei uns nicht existirende „israelitische Frage" aufwarf und in einer die Israeliten verletzenden Weise besprach. Redner drückte die Hoffnung aus, daß solche Angriffe künftig vermiewürden, und den Wunsch, daß unsere israelitischen Mitbürger von diesem Ausdrucke der Gesinnungen der liberalen Partei Kenntniß nehmen und mit gleichem Eifer und gleicher Wärme wie bisher, so auch künftig an den Arbeiten und Bestrebungen der liberalen Partei Mitwirken möchten. Herr Rechtsanwalt Stenglein bemerkte hierauf, daß er von dem Redakteur der „Südd. Preffe", Hrn. Dr. Cajus Möller, welcher verhindert sei, selbst zu erscheinen, zu der Erklärung ermächtigt sei, daß er dem fraglichen Artikel keineswegs Münchener Verhältnisse zu Grunde gelegt, daß er vielmehr nur Wiener und Berliner Zustände, namentlich die der dortigen Presse im Auge gehabt habe, weshalb er bedaure, wenn Münchener Parteigenossen, die er nicht treffen noch beleidigen wollte, an diesem Artikel Anstoß genommen hätten. Der Vorsitzende Vecchoni nahm unter allgemeiner Zustimmung der Anwesenden von diesen Erklärungen Akt und sprach die Ueberzeugung aus, daß damit ein Zwischenfall, welcher in den betheiligten Kreisen Unmuth erregt habe, zu deren voller Zufriedenheit erledigt sein werde." Die vorstehende Erklärung des Herrn Dr. Cajus Möller erscheint ebenso lendenlahm wie perfid. Herr M. hält also seine nichlswürdigen Beschuldigungen den Wiener und Berliner Juden gegenüber aufrecht. Ref. hat jener Versammlung nicht beigemohnt und weiß nicht, wie die daselbst anwesenden Juden eine so geartete „Ehrenerklärung" ausgenommen haben. Wahrscheinlich haben sie von den würdigen Worten des Herrn OberappellrathDürrschmidt mit Befriedigung Act genommen, ohne sich mit Herrn Möller und seinen Sophismen weiter einzulassen. Neben der „Südd Presse", die nun von maßgebender Seile einen Wink mit dem Zaunpfahle erhalten hat, giebt es hier noch eine ganze Meute halb und ganz ultramontaner Blättchen, die mit täglich erneuerter Wuth über die Juden herfallen. Es sind dies ganz ungefährliche Kläffer, die man gewähren lassen muß. Ein Beschluß, auf solche Blätter nicht zu abonniren, wäre hier ganz überflüssig, da sie ohnehin nur in den engsten judenfeindlichen Conventikeln gelesen werden. Diese allgemeine Nichtbeachtung steigert auch die Wuth des Bissigsten unter ihnen, des „Bayerischen Landbolen" auf's Aeußerste. Da die Juden ihm nun einmal den Gefallen nicht thun wolle», in irgend einer Weise gegen ihn aufzutreten, so sieht er sich veranlaßt, seinem Publikum selbstfabricirte Briefe aufzutischen, in welche ihm angeblich die Juden bald große Summen als Bestechung anbieten, bald mit einem Attentate sein kostbares Leben bedrohen. Nun, der „Bayerische Landbote" mag ruhig sein, er wird weder von dem Golde, noch auch von dem Blei der Juden behelligt werden. Oesterreich. Aus Galizien, im Juni. (Or.-Corr.) (Cultur und Charakterbilds Kolomea ist eine ebenso stark von Juden bevölkerte wie stockorthodoxe Stadt. Von ihr kann man dreist sagen, sie glänze in Galizien durch völlige Abwesenheit des Zeitgeistes und des Fortschrittes. Hillel Lasch, auch Sixer genannt, ein wenn nicht weit und breit, aber doch wegen seinen Streitschriften „Lew Jwri" und „Maskil el Dal" bekannter Streithahn wider Cultur und Aufklärung, hat es für gut gefunden dahier ein Nest aufzuschlagen und brütet unverdrossen fort, die dem Menschen uinewohnende göttliche Vernunft als gegen Gott aufrührerisch anzuklagen und somit das Judenthum herabzuwürdigen. Sein Glaube an den Obscurantismus hat ihm übrigens thatsächlich viel geholfen; er ist Wunderrabbi geworden. Ein Pröbchen seiner Wunderthätigkeit möge der Oeffentlichkeit übergeben werden. Der Sensenmann hat dies Jahr seine Sense scharf geschliffen und hält dahier ein entsetzliches Mähen unter der aufsprossenden Generation, so daß dieser Bezirk nach zwei Dezennien kaum einen Mann zum Contigente der zur Erhaltung des Friedens nölhigen Streiter zu stellen haben wird. Rutsche Reb Jtzigs, eine echt wackere Frau, wurde leider aufs Empfindlichste heimgesucht. Sie ist ein Muster einer Escheth Chajil in Israel. Durch Tugendhaftigkeit und sprühenden Geist ihr Geschlecht überragend, entwickelt sie zudem einen Gewerbfleiß und eine Handelsthätigkeit, welche auch einen Mann zieren möchten. Noch in der ersten Hälfte des Lebens stehend, umgaben sie schon acht blühende Kinder, Knaben und Mädchen, welche sie, wie auch ihren weibischen Gemahl, der des Tages im Chassidimstübel faulenzt, wohl standesgemäß zu erhalten verstand. Zudem war ihr Haus eil» Zufluchtsort für Arme und Unglückliche. Wie in Allem zeichnete sie sich auch durch Frömmigkeit aus; am Sabbath, Neumond und während des ganzen Ellulmonats und der Bußtage sah man sie am frühesten das Bethaus besuchen und am spätesten verlassen.