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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-24 · N° 30. (24.7.1878) · p. Seite 232

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 30. (24.7.1878)
Date
1878-07-24
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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M -^4- ,r: __V. ¥35 — 232 — archimedische Punkt gegeben, von wo aus das dahinsiechende altersschwache galiz. Judenthum in ein neues Reich geistigen Schaffens und Aufbauens gehoben wird. Der Verein Schomer Israel hat somit seine Mission, welche bis nun von den einzelnen Gliedern gehegt wurde, auf die sichere Schulter der Cultusgemeinden gelegt, um fürderhin diesem hohen civilisatorischen Berufe die breiteste Basis im Herzen und im Geiste des ganzen galiz. Israel zu geben. Dieses thut er inmitten des Kampfes resp. des Gekläffes einiger jüdischen National. . . .*), welche sich Dorsche Schalom nennen. Der Verein unter seinem muthigen und politisch klugen Präsidenten, Dr. Emil Byk, raffte sich auf, mitten in dem dunklen Treiben der Stockftnsterliuge ein Werk des Lichtes und der Bildung zu in auguriren. Hier mögen nun in aller Kürze die Verhandlungsgegenstände und deren Resultate angeführt werden. Die Programmpunkte waren folgende: a) Statut des Gemeindetages, b) Antrag wegen der Revindizirung des ostgal. Schulfonds, c) Antrag wegen Entwerfung eines Musterstatuts, d) Antrag wegen Errichtung eines Rabbinerseminars. Die in Rede stehenden Programmpunkte und Entwürfe wurden den Theilnehmern des Gemeindetages einige Tage vor dem anberaumten Termine des Gemeindetages zugesendet. Wer die Stagnation und den Jndrfferentismus in unfern Gemeinden kennt, wird die zagende Stimmung begreifen, welche man noch am 18. vor dem Eintreffen des Wiener Zuges empfand. Die braven Herren aus Westgalizien kamen (die Krakauer Gemeinde glänzte durch ihre Abwesenheit) und repräsentirten die Anwesenden 26 große Gemeinden mit einer Volkszahl von nahe 200,000 Seelen. Gegen 12 Uhr bestieg Herr Dr. Byk die Tribüne und begrüßte die Erschienenen Namens des Vereines Schomer Israel in einer sehr beifällig aufgenommenen Rede. Er wies auf die Nützlichkeit des Zusammenhaltens der Juden hin und hat auf die wichtigen Aufgaben, welche das Judenthum zu lösen hat und schlug den Rabb. Löwenstein zum Alterspräsidenten vor. Dieser setzt in längerer Rede die Bedeutung des Momentes aus einander und weift auf die Geschichte der Juden in Polen hin, welche schon eine ähnliche Institution (den Waad) hatten, die sich sehr zum Vortheile eingebürgert hatte. Mit dem Hochrufe auf Se. Majestät den Kaiser ließ er dann die Wahlen der Präsidenten und der Schriftführer vornehmen. Die Wahl zum Präsidenten fiel auf Herrn Rachmiel Mieses, welcher durch vierzig Jahre das Amt eines Cultusvorstehers bekleidet und die Herren Dr. Emil Byk und Salomon Wicselburg, Cultusvorsteher aus Kolomea zu Vorsteherstellvertretern. Da ersterer die auf ihn gefallene Wahl ablehnte, wurde Herr Dr. Gottlieb an dessen Stelle zum Präsidentenstellvertreter gewählt und Herr Alex Schorr und Dr. Sokal zu Schriftführern. Herr Dr. Gottlieb eröffnele nun die officielle Sitzung mit einer polnischen Ansprache und ließ die edle Nation der Polen, welche die Juden, die aus Deutschland vor der Wuth des Fanatismus flüchteten, gastlich ausgenommen und sie niemals, bis zur Zeit der Einbuße ihrer staatlichen Unabhängigkeit, verfolgt hatten, hochleben. Es folgte die Eintragung in die vier Sectionen analog den vier Programmpunklen und die Sitzung wurde geschlossen. Abends wurden die Gäste zum Herrn Dr. Byk geladen, woselbst die Delegirten gegenseitig sich kennen lernten. Am 19. Plenarversammlung.**) *) Das hier fehlende Wort im Manuscr. unleserlich. Die Dorsche Schalom (oder galizisch: Schalem) wollen angeblich mit den Polen fraternisiren. Auch die ungarischen Orthodoxen haben die ungarische Sprache für „koscher" erklärt, entweder ungarisch oder Jargon, richtiges Deutsch ist ihnen ein Greuel. (Red.) **) Wir ergänzen hier, nach den im „Lemb. Jsr." erschienenen Protocollen, daß u. a. ein Begrüßungsschreiben der Israel. Allianz zu Wien verlesen wurde, weiches auf unfern Leitartikel in Nr. 18 „Ein Hülferuf für Galizien" durch wörtliche Anführung und weitere Erörterung einzelner Sä^e ausdrücklich Bezug nimmt. Daß die Wochenschrift nicht citirt und nur die Wendung gebraucht ist: „man ruft uns Herr Dr. Byk refericte nun über das Statut des Gemeindetages und wurde das Elaborat mit nur wenigen Modificationen angenommen. Der Gemeindetag wird somit für die ersten Jahre das Organ der vereinigten Gemeinden, und wird dann dem Gemeindebunde Platz machen. Der zweite Gegenstand war das Referat des Lemberger Cultusvocstehers und Comitdmitgliedes Herrn Dr. Mansch über die Revindizirung des ostgal. Schulfonds. Der Vortrag über diesen hochwichtigen Gegenstand hat das Auditorium eine halbe bis 3/t Stunde in größter Spannung gehalten. Denn es war ein Stück Geschichte eines ganzen Jahrhunderts (welches noch nirgends gedruckt erschien), und das ern Bild von der eigenthümlichen Denk- und Handlungsweise in diesem Zeitalter liefert, wie sie schwere Opfer an Geld und Ehre brachten, um ihre Kinder dem Schulunterrichte zu entziehen. Zum bessern Verständniß der geehrten Leser wollen wir einige Worte der Erläuterung über diesen ostgal. Schulfond hinzufügen. Dr. Mansch erzählt hierüber Folgendes: Als der große und 'edle Monarch Kaiser Joseph II. die Regierung antral, suchte er auch die jüdischen Verhältnisse zu ordnen und erließ die Tolecanzedikte und die josefin. Judenordnung. Um aber die Juden auch geistig zu heben und sie würdig zu machen, als Bürger in der Gesellschaft aufzutreten, ließ er Schulen anlegen und zwar Judenschulen. Noch herrschte damals unter der Bevölkerung großes Vorurtheil und Haß gegen Juden, so daß es nicht rathsam schien, jüd. Schüler gemeinschaftlich mit den christlichen dieselben Schulen besuchen zu lassen. Zur Erhaltung dieser Schulen wurden nun die Juden herangezogen und hatten einen besondern Zuschlag zu jedem einzelnen Steuergulden zu zahlen. Nun waren bereits Schulen angelegt, Lehrer systennsirt, nur Schüler fehlten. Diesem sollte der Schulzwang abhelfen, allein auch dieses Mittel hielt gegenüber dem Raffinement unserer lieben Brüder aus dem 18. Jahrhunderte nicht Stand. Die Lehrer der Schulen bereicherten sich in nie dagewesener Weise. In Lemberg z. B. baute sich ein derartiges Individuum ein bis jetzt noch bewundertes Haus von 3 Stockwerken mit 3 herrschen Fronten in einer Länge von je 40—50 Klafter und 10 Klafter Breite. Man zahlte nämlich den Lehrern mit schweren Dukaten, damit sie Zeugniß gaben, daß die betreffenden Schüler für den Schulbesuch zu dumm, daß sie aussätzig oder mit ähnlichen Körpergebrechen behaftet seien, oder oaß sie die Schule besucht hätten u. s. w. Mit bem Hinscheiden des großen Monarchen wurde dieser Schacher noch unverschämter und hat erst sein Ende erreicht, als eine Stalthaltereicommission zur Untersuchung in die Schulbezirke geschickt und die schreckliche Corruplion der Lehrer constatirt wurde. Die jüd. Schulen wurden nun im Jahre 1808 geschlossen und blieb dazumal der Cassenrest von 235,000 fl. C.-M. Diese Gelder wurden jährlich um 28,000 fl. vermehrt, und so blieb es bis ins Jahr 1848, wo alle Judensteuern aufgehoben wurden. Dieses Geld hat bereits öftere Bewerber gehabt, in den früheren Jahrzehnten hatte man dieses Capital dem galizffchchristlichen Normalschulfond einverleibt.*) Die Aenderung ist das Verdienst des Grafen Goluchonski, welcher bei all' ferner Judeirfeindlichkeit doch für Bildung unter den Juden war und nicht selten Enqueten berief und Reisen unternahm, um Schulen anzulegen. (Schluß folgt.) Berichte und Correspondeuzen. Deutschland. Ruhrort, 20. Juni. (C o n f e r e n z - B e r i ch t.) (Schluß.) Die Nachmittagssitzung war den freien Besprechungen gewidzu, man sagt uns" — finden wir in diesem Zusammenhangs gerechtfertigt, rechnen es uns jedoch zur Ehre, daß unsere Worte Seitens oer Allianz Beachtung gefunden haben. (Red.) *) In Berlin haben die Reformer jüdische Fonds christlichen Anstalten zukommen lassen, in Ungarn wollten die Orthodoxen^den Schulfonds beliebigen Zwecken opfern, damit nur keine „Schule" zu Stande komme. Die Extreme begegnen einander. (Red.) ß. n 191

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