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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-07-17 · N° 29. (17.7.1878) · p. Seite 227

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 29. (17.7.1878)
Date
1878-07-17
Page
Seite 227 (sequence 6)
Language
German
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— 227 — Ihnen, werther College und Freund, meinen innigsten Glückwunsch, meinen innigsten Dank! Es lebe unser Frankreich und seine würdigen Vertreter auf dem Congreß. Darauf erhielt er umgehend Antwort: Werther Herr und College! Wie sehr ich auch in diesem Augenblicke von den Congreßarbeiten erdrückt bin, will ich keine Stunde säumen, Ihnen für Ihr Telegramm zu danken, das mir soeben zugegangen ist und tief zu Herzen gesprochen hat. Indem wir vor dem Congresse die Sache der Israeliten in Rumänien, Serbien und Bulgarien vertheidigten und ausfochten, vertraten wir die Sache der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und Livilisation Wir thaten es mit de,n Bewußtsein, eine Pflicht der Billigkeit zu ersüllen, zu welcher die Initiative zu ergreifen der Beruf unseres theuren Frankreichs, des Organs jeder liberalen und großmüthigen Sache war, und wir hatten das Glück, die Zustimmung und das einhellige Votum der Mitglieder des Eongresses zu erwirken. Die Freiheit der Bekenntnisse, die Achtung vor allen Religionen, die Gleichheit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ohne Unterschied des Glaubens, die Freiheit der Berufe, das sind große Prinzipien, welche überall zur Geltung zu bringen uns am Herzen lag und zu deren Gunsten wir zu unserer Freude allgemeine Zustimmung fanden. Nochmals Dank, theurer und ehrwüdiger College, für Ihr herzliches Telegramm und seien Sie meiner Hochachtung und Ergebenheit versichert. Berlin, 2. Juli 1878. Saint-Vallier. Rußland. Kalisch. Am Schluffe eines Berichtes über die Exceffe schreibt ein Correspondenk der „Köln. Ztg.": Man muß die Ursache des empörenden Ereigniffes hauptsächlich in der Rohheit, Unwissenheit und Verkommenheit des hiesigen Volkes suchen; ernen großen Theil der Schuld aber trägt auch der hiesige Rabbiner, ein aus Kleinpolen stammender ungebildeter, fanatischer und dem größten Dünkel ergebener Mann. Der gestrige Vorfall hat endlich die hiesigen Juden zu einem Schritte getrieben, der schon längst hätte geschehen sollen. Sie versammelten sich zu einer Sitzung, welcher der Bürgermeister der Stadt beiwohnte. Man verfaßt eine Petition an die höchste B.Hörde Rußlands, welche mit den Unterschriften der angesehensten Juden versehen, in kurzen Worten folgendermaßen lautet: „Wir endcsunterschriebene Bürger der Stadt Kalisch erbitten die Erlaubniß, die Ernws gründlich vernichten zu dürfe und ersuchen zugleich, daß der Wiederhersteller derselben, der hiesige Rabbiner Chaim Wachs, Gerühmter (den Beinamen hat sich der Rabbiner selbst beigelegt), der keiner europäischen Sprache mächtig, fanatisch und ein durchaus ungebildeter Mann ist, seines Amtes entsetzt und uns die Erlaubniß gewährt werde, ein gebildetes, aufgeklärtes, unseren Ansichten geneigtes Kirchenoberhaupt wählen zu dürfen." Wie das Gerücht verlautet, hat der Rabbiner freiwillig sein Entlaffunngsgesuch eingereicht. — In Kalisch ist der Kriegszustand erklärt worden. Auch eine Correspondenz im „Hamagid", welche in der Beziehung gewiß glaubwürdig ist. berichtet, daß der große und berühmte Gaon Wachs es durchgesetzt habe, daß die Eruw-Stangen wieder aufgerichlel worden leren, daß dies bei den Katholiken große Erditterung hervorgerufen und die nächste Ve ranlastung zum Ausbruch der Exceffe gegeben habe, besonders nachdem ein zelotischer Katholik, neben dessen Haus eine solche Stange gestellt worden, diese zerstört habe und dafür in Strafe genommen worden sei. — Sicherlich hindert der Eruw Niemand und kann keinen zu rechtfertigenden Anlaß für fanatischen Religionshaß geben, aber daß die Juden in Kalisch keine Ursache haben, sich bei dem glaudenSelfrigeil Rabbiner zu bedanken, ist auch klar. (Man erinnert sich, daß Rabb. Hirsch sich auch einmal bemüht hat, in F r a n k s u r t a. M. EruwDrähle in Form einer elektromagnetischen Uhrdrahtleuung um die Stadt ziehen zu lassen. Man denkt an den Schmied in „Vögele Magid." — Wenn aber eine Partei in Kalisch den Rabbi und den Eruw entfernt, sollte dann nicht für einen „israelitischen" jungen Mann Gelegenheit geboten sein, dort eine Separatgemeinde zu bilden?) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin Aus Anlaß der Theilnahme, welche der Fürst Bismarck bei den Congreßverhandlungen der Gleichstellung der Culte in den orientalischen Kleinstaaten, besonders aber der Verbesserung der traurigen Lage der Juden in diesen Ländern bewiesen hat, ist gestern von dem Vorstande der hiesigen jüdischen Geineinde in seinem und im 'Namen der Vertretungen der übrigen größeren jüdischen Gemeinden in Deutschland, welche sich den Bestrebungen des hiesigen jüdischen Gemeindevorstandes im Interesse der Juden in Rumänien angeschlossen hatten, an den Reichskanzler ein Dankschreiben gerichtet worden, welches folgende Sätze enthält: „Mit hochherzigstem Wohlwollen hatten Euer Durchlaucht^die gehorsamsten Bitten entgegengeitommen, welche wir und mit uns die Vertreter der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands für unsere schwerbedrängten Glaubensbrüder in Rumänien auszusprechen uns erlaubten. Das in hochderselben Aufträge von dem auswärtigen Amt an uns erlassene Antwortschreiben vom 28. Februar c. eröffnete uns eine tröstende Hoffnung und diese Hoffnung ist nunmehr verwirklicht; der Congreß der europäischen Großmächte hat die Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse im Orient verkündet und dadurch unsere Glaubensbrüder von der Schmach befreit, welche seither auf ihnen lastete. Gereicht der denkwürdige Beschluß des Eongresses uns im Interesse unserer Glaubensgemeinschaft zur hohen Genugthuung, so blicken wir als Deutsche mit freudigem Stolze auf die Großthat hin, die sich vollzogen hat in der Hauptstadt Deutschlands, in einem Areopag geleitet von dem Kanzler des deutschen Reiches. So möge es uns denn gestattet sein, Eurer Durchlaucht unseren ehrerbietigen Dank, ivwie den aller Derer entgegenzubringen, welche in den Bitten sich mit uns vereint hatten. Einfach nur und kurz im Ausdrucke ist unser Dank ein tiefsinniger, wurzelnd in der Zuversicht, daß. wo es gilt Menschlichkeit zu vertreten, Deutschland seine Stimme erhebt, die nicht überhört werden kann." Berlin. Am 29. Juni starb Herr Moritz Jacoby, der seit 1854 ununterbrochen Mitglied des Gemeindevorstandes gewesen war. Das Collegium widmet ihm einen warmen Nachruf, worin besonders seine Verdienste um die Schulverwaltung hervorgehoben werden. Berlin. Die hier weilenden Delegirten der All. Jsr. Univ. haben dem russischen Reichskanzler Fürsten Gortschakvf eine Denkschrift überreicht, worin sie um Verbesserung der Lage der Juden in Rußland bitten. Der Fürst hat die besten Aussichten auf Erfolg in Aussicht gestellt. Berlin. Seil einiger Zeit hält sich vr. Ellstälter hier auf, behufs Unterhandlungen wegen Uebernahme der Leitung des neu zu errichtenden Schatzamtes des deutschen Reiches. E., ein Israelit, ist badischer Finanznlinister. (Tagbl.) Breslau. Die von Herrn Dr. Joel bei dem Dank- und Bittgottesdienste am 5. Juli gehaltene Predigt ist in Druck erschienen. Wir wollen keine Vergleichung mit anderen aus demselben Anlaß gehaltenen anstellen, können aber nicht umhin, kurz zu sagen, daß hier auf sechs sehr splendid gedruckten Seilen (einschlietzUch eine Seite Schlußgebet) Gediegenes, Durchdachtes und Einpfundenes schön und wahr ausgesprochen ist. Dem gewaltigen Umfang der bei der Veranlassuug sich aufdrängenben Gedanken in so knapper Form Ausdruck verliehen zu haben, ist ein kleines Meisterstück. Heidelberg. Herr vr. Georg Cohn (aus Breslau), der sich vor 2 Jahren hier für deutsches Recht habilitirte, ist zum Professor an der hies. Universität ernannt worden. Teplitz. Unser greife und hochangesehene, verehrte und allbe'.iebte Kreisrabdiner, David Pick, wurde am Sabbath,

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