Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 29. (17.7.1878)
- Date
- 1878-07-17
- Page
- Seite 226 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 226 — und Judenthum wirksam entgegen zu arbeiten?" — Der Vortrag wurde mit Beifall angehört. Eine daran zu knüpfende Resolution kam deshalb nicht zu Stande, weil der Vorsitzende meinte, es würde sich eine Discussion am besten nach Anhörung des Referats des Herrn Jacobsohn, Delegirter des isr. Gemeindebundes zu Leipzig, über beide Themata, die im innigen Zusammenhang ständen, anschließen. Durch dieses Versehen des Vorsitzenden fand über das obige Thema eine Besprechung, die, wie manche Collegen mit Recht meinten, von großem Interesse gewesen sein würde, nicht statt. Das eben erwähnte Referat des Herrn Jacobsohn, das als 3. Punkt auf der Tagesordnung stand, war durchaus vortrefflich. Herr I. sprach in l'/zstündiger Rede in glänzender Weise über die edlen Ziele und Zwecke des israel. Gemeindebundes zu Leipzig. Wir glauben dem Wunsche aller geehrten Collegen, die mit uns gegenwärtig waren, Ausdruck zu geben, wenn wir Herrn Jacobsohn hiermit ersuchen, seine vortreffliche Arbeit durch den Druck zu vervielfältigen, um sie weiteren Kreisen zugängig zu machen. In dieser Voraussetzung wollen wir auf den Inhalt der Rede nicht näher eingehen. Folgende Resolution wurde hierauf einstimmig angenommen: „Der Verein isr. Elementarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz spricht in Anschluß an das Referat des Delegirien des israel. Gemeindebundes, Herrn Jacobsohn aus Leipzig, seine lebhaftesten Sympathien für den israel. Gemeindebund und dessen Bestrebungen aus und werden die Mitglieder des Vereins Alles thun, was in ihren Kräften steht, um die Ziele des Gemeindebundes thatkräftig zu fördern." Die Tagesordnung war somit erledigt und wurde die Sitzung um 1 Uhr für den Vormittag geschlossen. (Schluß folgt.) 0. Von der Weser. (Or.Corr.) Vor einiger Zeit klagte ein Correspondent in diesen Blättern über das Streben nach Trennung der Gemeinden und Jsolirung der Individuen auf religiösem Gebiete und empfahl daher womöglich eine einheitliche Leitung für alle religiösen Bedürfniffe und culluellen Einrichtungen der Gemeinden. Einen Weg dazu heutzutage, bei den weit auseinandergehenden Anschauungen in religiöser Beziehung unter den verschiedenen Richtungen, vermögen mir aber nicht hrrauszufinden. Ein kleines Beispiel aus der Hauptstadt unserer Provinz illustrirl die Zustände ganz klar. Seitdem in der Synagoge neue Verordnungen getroffen worden, findet sich in der Gemeinde, trotzdem jene nicht gegen die Vorschrift verstoßen, eine kleine Zahl Unzufriedener; manche, wie sie sich einbilden, aus Ueberzengung, manche aber aus Gewohnheit oder aus andern Gründen. Diese Leidensbrüder hatten sich daher zusammengefunden und einen Privatgottesdienst, ein sogenanntes Minjan, eingerichtet, wo sie Sabbath Morgens ganz früh beteten — als s. g. daher auch ohne die Sabbath-Jozroth — damit ein Jeder nachher über seine Zeit nach Belieben verfügen kann, und wirklich sind manche dann in die große Synagoge gegangen. So ging es fast acht Jahre. Von den Schicksalsschlägen, die so viele Vermögende niedergeworfen, wurde auch der Mann, der das Minjan unterhielt, betroffen, und dasselbe löste sich auf. Unterdeffen aber entstand ein anderes Minjan, wo kein Jota von allen Jozroth weggelaffen wird. Daher wird dies Minjan schwach oesucht, weil Viele sich nicht darauf einlaffen wollen, eine solche Menge Jozroth, die sie nicht verdauen können, herzusagen. Die Zerstreuten jenes erstgenannten Minjans sammelten sich wieder und wollten mit dem neuen Minjanbesitzer gemeinschaftliche Sache machen, aber es war nicht möglich, eine Vereinigung zu Stande zu bringen, und alle Versuche zu einem einheitlichen Wirken scheiterten an dem starren Festhalten des Hochorthodoxen, der kein Titelchen von sämmtlichen Jozroth opfern und auch nicht zugeben will, daß so früh gebetet werden soll. Jene können aber seinem Wunsche nicht nachkomnlen, weil dies wie eine Demonstration gegen die Gemeindeeinrichtungen aussehe und sie nicht gern wegen solcher Kleinigkeiten die Einigkeit in der Gemeinde alteriren möchten. Wie die Sache sich jetzt gestalten wird, wiffen wir nicht, jedenfalls belehrt uns dies Ereigniß, wie schwer es heutzutage ist, „eine einheitliche Leitung für alle religiösen Bedürfniffe", wie jener Correspondent wünscht, zu erreichen.*) Wir wagen nicht unser unmaßgebendes Urtheil über solche Anschauungen abzugeben, sondern überlaffen eS vielmehr älteren und erfahrenern Männern. B. S. Danzig, den 9. Juli. (Or. Corr.) Ich habe Jhnen nicht früher Uber die Einführung des Rabbiners Herrn vr. C. Werner Bericht erstattet, obgleich dieselbe schon vor ca. 6 Wochen statlfand, weil ich selbst kein Freund von Berichten bin, die im ersten Freudenräusche unter dem warmen Einflüsse der Ereignisse geschrieben sind. Ehe ich Ihnen jedoch berichte, sei es mir gestaltet, etwas früher auszuholen. Unsere Gemeinde, ich meine die Altschottländer, hat sich lange Zeit gelaffen, ehe sie zur Wahl eines Rabbiners schritt, so daß bei manchem außerhalb Stehenden die Vermuthung Platz fand, die Gemeinde wolle überhaupt nicht wählen: und doch lag's nur daran, baß der Richtige nicht gekommen war. — Herr Dr. Werner war wie durch Zufall zu den letzten Herbftfeiertagen als Gastpcediger herberufen und halte schon damals in allen neun Predigten so allgemein gefallen, daß der Vorstand der Gemeinde sich veranlaßt sah, auf Drängen mehrerer Gemeinde-Mitglieder, Herrn vr. Werner zu Peßach d. I. abermals als Gaftprediger zu berufen. Hier verstand vr. W. es, die Herzen seiner Zuhörer so zu packen, daß fast die ganze Gemeinde wie Einer rief: „Dieser muß es sein und kein Anderer"; und so wurde er am 12. Mai cr. mit allen gegen zwei Stimmen zum Rabbiner und Prediger unserer Gemeinde gewählt. Von den vier andern hiesigen Gemeinden schloffen sich drei dem von uns gewählten Rabbiner an, während die vierte, allerdings bedeutendste, für sich allein einen Rabbiner, den ebenfalls als Redner bewährten Herrn vr. Gronemann, wählte. Am Abend vor dem Schabuoth.-Feste fand nun die feierliche Einführung des Herrn vr. C. Werner durch den Vorsitzenden unserer Gemeinde, Herrn Rechts-Anwalt Goldstandt, statt. Auf ergangene Einladungen waren Vertreter des Magistrats und mehrere christliche Geistliche erschienen. Herr vr. W. gab ihnen Ge egenheil, sein eminentes Rednertalent kennen zu lernen. Mehrere christliche Mitbürger unserer Stadt sind seitdem seine ständigen Zuhörer geworden und rühmen sich mit Stolz, noch nie seine Predigten versäumt zu haben. Aber auch in unseren Gemeinden hat sich sein Einfluß schon bekundet, und es scheint sich ein regeres Jntereffe für's Judenthum zu entwickeln. Ich schließe dies aus der starken Betheiligung, deren sich die von vr. Werner gegründete Religionsschule erfreut, und der er in uneigennütziger Weise all' seine Kraft widmet. Möge es unserem Rabbiner gelingen, die Herzen, die ihm so warm bei seinem Antritt entgegenschlagen, sich auch stets zu erhalten. Frankreich. Paris. HerrCrsmieux hate unter dem 1. Juli folgendes Telegramm an Herrn Waddington nach Berlin gerichtet: Der Präsident der Al liance I s raelit e Uni v ersel le spricht dem würdigen Vertreter des aller Orten für die Emanzipation wirkenden Frankreichs den innigsten Dank einer ungeheueren Bevölkerung aus. Die Verkündigung der Freiheit, der Gleichberechtigung der Bekenntnisse, die Israeliten des Orients ihren Mitbürgern gleichgestellt — welch' neuer Ruhm für Frankreich, für Waddington in der Geschichte des 19. Jahrhunderts! Gleichzeitig telegraphirte der greise Volksmann an Herrn von Saint-Vallier, der, wie er, dem Senate angehört: *) Unseres Erachtens folgt aus diesen Thatsachen, und aus hundert ähnlichen, zunächst, daß viele Köpfe, wenn einmal jeder seinen erzenen Hut aufsetzen will, schwerlich einen finden, der mehr als einem Kopfe paßt. Es folgt daraus weiter, daß es nicht leicht ist, eine einheitliche Leitung für jüdische Angelegenheiten herzustellen. Daraus folgt aber wieder, daß vernüns tige Menschen die Nothwendigkeit em« hettlicher Leitung einsehen und anstreben müssen, da es sonst, bei dem natürlichen Vorhandensein individueller Bestrebungen, zu einer Gemnnde- (und Staaten-) Bildung überhaupt nicht kommen kann. (Red.)