Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 28. (10.7.1878)
- Date
- 1878-07-10
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
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— 220 — wie Gebäude auf das Schändlichste zugerichtet worden. Das Armenhaus und Spital wurden ebenfalls überfallen und die Kranken, ohne Unterschied und Ausnahme, geschlagen und auf die Straße geworfen. Mißhandelt wurden auch solche Juden, die in christlichen Straßen wohnen und nur den Namen Jude tragen. Die Exceffe dauerten bis gegen Abend, in einer Stadt, wo beinahe 30,000 Menschen wohnen und ein Gouverneur residirt. Abends kamen die Bauern aus der ganzen Umgegend mit ihren polnischen Gewehren, Sensen, um die Juden zu massakriren; erst dann ergriff die Behörde Vorsichtsmaßregeln. Die Ursache soll folgende gewesen sein. Wie bekannt, haben die Juden in jeder Stadt in Polen einen Eruw, schon 'eit vielen hundert Jahren.*) In letzterer Zeit haben die russtschen Beamten in der Kalischer Gegend dies nicht leiden wollen, und der Pöbel, als er dies erfuhr, hat den Eruw oft vernichtet, um die Juden zu kränken. In vielen kleinen Städten, z B. Wartu, Zdunska-Wola, kam es schon früher darüber zu kleinen Exceffen und Schlägereien, auch in Kalisch war der Eruw schon öfter zerstört. An jenem unglückseligen Tage soll der Rabbiner Wache gestellt haben, darauf wurde unter den Katholiken vor der Prozession das falsche Gerücht verbreitet, die Juden hätten die Altäre zerstört .Man sagt allgemein, daß katholische Geistliche den Pöbel aufgehetzt haben, und für das Vorhandensein eines vorher überlegten Planes spricht auch der Umstand, daß nicht geraubt und geplündert worden ist, dadurch soll die Verantwortlichkeit vermindert werden. Noch bis heute darf sich kein Jude auf der Straße zeigen, ohne mißhandelt zu werden, obwohl Militärposten auf der Straße stehen. Also wir geben unser Blut, dienen im Militär, soviele Juden haben im letzten Kriege ihr Leben gelaffen, und doch sind wir unseres Lebens nicht sicher. Wird die Regierung jetzt nicht mit strengen Strafen Vorgehen, so wird sich das Uebel weiter verbreiten, und wir haben z. B. auch in Warschau Schlimmes zu erwarten. Die Polen haben, wie ich Ihnen s. Z. gemeldet habe, auch hier am vorigen Jom Kippur Unheil gebrütet und es ist ein Wort, welches man in Polen oft hören kann: »Wir werden die Ruffen nicht anders los, wenn wir nicht früher der Juden uns entledigen." Und der Jom Kippur kommt ja wieder! Sehr viel Schuld tragen auch die Aufhetzungen in der polni- Preffe, und es ist unbegreiflich, daß die Juden in ihrer Dummheit diese Blätter noch unterstützen. Wie ich höre, haben die Juden in Kalisch vor zwei Jahren sich über die dortigen Zeitungen beschwert, ohne Gehör zu finden. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch etwas über den General Totleben, den man bekanntlich zu einem Juden stempeln will (vergl. meine frühere Cocreip.) mittheilen Derselbe war kaum zum Obercommandirenden in San Stefano ernannt worden, als er alle jüdischen Kaufleute und Lieferanten von der Armee wegtrieb! — Es ist hier auch ein Gesetz in der jüd. Recrutenangelegenheit erschienen. In der Provinz sind oft zur Revision wahre Skelette gekommen, von Armuth und Hunger abgezehrt und natürlich unbrauchbar. Da soll man denn aus anderen Familien Ersatzmänner nehmen, auch aus solchen, in denen nur ein Sohn vorhanden ist. Dies Gesetz gilt nur für Juden. Donaufürfterrthümer. Der Congreß und die Stellung derJuden in Bulgarien und Rumänien. H. SR. Dr. Neumann, *) Es ist bekanntlich auch in anderen Blättern angegeben, daß der Eruw-Draht einen Anlaß zu den Excessen gegeben habe. Man hat diese unschuldigen Drähte Jahrhunderte lang in Ruhe gelassen, wenn auch dann und wann aus Uebermuth oder Bosheit zerstört. Wenn jetzt systematisch dagegen aufgewiegelt wird, so erkennt man die Methode in der Sache. Man denke an die Agitationen gegen die Schechita, die ja im Mittelalter uno in der Neuzeit stets ungestört geübt wurde, bis man hier und da in der Agitation dagegen ein Mittel entdeckte, die Juden zu quälen. (Red) Präsident des Comit6s von Berlin, und H. Ghmrth. l)r. Kristeller, Präsident des rumänischen Comit6s von Berlin, sowie H. Baron v. Bleichröder thun in Gemeinschaft mit den Delegirten des C.-Comit6s die wirksamsten Schritte zu Gunsten der Israeliten des Orients. Der Rath der Anglo-Jewish- Association und die israelitische Alliance zu Wien wollen außer ihrem Beitritt zu dem Memorandum des C.-Comit6s auch Noten an ihre respectioen Regierungen richten, und ebenso werden die Comitss der Alliance in Italien bei ihrer Landesregierung wirken. Darüber, daß die Alliance durch ihr Memorandum einen vollständigen Erfolg erlangt hat, und daß der Congreß die Gleichstellung aller Culte für Rumänien, Bulgarien rc. auf das allerbestimmtefte decretirt hat, stimmen die Nachrichten aller Zeitungen überein. Nach den Berichten der deutschen Blätter hat Oesterreich den betr. Antrag eingebracht und Frankreich ihn unter tützt; wie dem sei, er ist angenommen, wie man annehmen darf, ohne jeglichen Widerspruch, also auch von Rußland. Daß sich dies dadurch mit sich selbst in Widerspruch setzt, kann uns natürlich nur zu hoher Befriedigung gereichen. Die „Berl. Börfen-Zeit." vom 2. Juli schreibt darüber: In der gestrigen Sitzung des Co ng ress es ist die Selbstständigkeit Rumäniens mit Stimmeneinhelligkeit anerkannt, daran aber die ausdrückliche Bedingung einer vollständigen und ausnahmslosen Gleichstellung aller Culte geknüpft worden, eine Bedingung, welche nach Lage der Sache wesentlich den Juden in Rumänien zu Gute kommt und denselben für die Folge also unter Anderem auch die Erwerbung von Grundeigenthum aller Art gestattet. Es wird hinzugefügt, daß namentlich Fürst Bismarck persönlich sich für die Stipulirung dieser Bedingungen in sehr warmer Weise in der gestrigen Sitzung ausgesprochen hat. Die hier anwesenden Mitglieder der Alliance Jsraelite gehen mit der Absicht um, in formeller Weise eine Dankadresse dafür zu Händen des Reichskanzlers zu erlassen. Es mag trotz des erreichten Erfolges noch nachträglich von Interesse sein, einige Auszüge aus Zeitungen, diese Angelegenheit betreffend, zu bringen. „Daily-Telegraph" vom 17. Juni druckt ein Schreiben von Lionel von Rothschild an Lord Beaconsfield, die orientalische Judenfrage betreffend, sowie die Antwort Beaconsfield ab und bemerkt dann in einem besonderen Artikel: „Die sentimentalen Vertheidiger der orientalischen Christen, deren selbstgeschaffene Aufgabe es seit einiger Zeit gewesen ist, für die Ansprüche der edlen Serben und Rumänen in die Trompete zu stoßen, mögen es sehr schwer finden, das Betragen dieser halbbarbarischen Staaten gegen ihre jüdischen Landsleute zu rechtfertigen. (Folgt eine Aufzählung der Bedrückungen und Schrndthaten gegen die Juden). Solche nichtswürdige Handlungen der Grausamkeit und Unterdrückung sind ganz unprovozirt, sind gar nicht zu entschuldigen, und bei der jetzigen Lage der Dinge im Orient sind sie ganz unerklärlich. In dem Augenblick, wo diese beiden Staaten Freiheit nnd religiöse Gleichberechtigung fordern und die Hülfe Europas zur Erlangung solcher Rechte nachsuchen, sind sie darauf aus, einen Theil ihrer Landsleute mit Vorsatz und Ueberlegung zu mißhandeln, gegen welche durchaus nichts vorgebracht werden kann, als daß sie Juden sind. Es in der That Zeit, daß solche entehrende und unmenschliche Dinge ein Ende nehmen." „Pall Mall Gazelle" vom 20. Juni schreibt: „Die Juden bitten blos um die Erlaubniß zu leben, und dennoch findet diese bescheidene Bitte viel weniger thätige Fürsprache bei unseren englischen Humanitätsfreunden in sechsMonaten als sie auf die griechischen Bitten in jeder Woche verwenden Die Griechenaber verlangen Vergrößerung ihres Landes und noch vieles Andere." Dann heißt es an einer anderen Stelle: „Es ist in der That eine Aufgabe des Congresses, dafür zu sorgen, daß Rumänien, welches Billigkeit sucht, auch Billigkeit übe; und daß Serbien, welches bedeutend mehr begehrt, als seine bloßen Rechte als Staat, veranlaßt werde, wenigstens