Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 28. (10.7.1878)
- Date
- 1878-07-10
- Page
- Seite 221 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 221 — einen geziemenden Respect vor denjenigen individuellen Rechten zu bezeigen, welche es bisher in der Person der Juden verletzt hat. Ter Congreß hat nicht nur frühere Ungerechtigkeit abzuhelfen, sondern für die Zukunft zu sorgen. Unglücklicherweise ist nichts wahrscheinlicher, als daß — wenn der Congreß keine besonderen Vorsichtsmaßregeln trifft -- die neuen christlichen Fürstenlhümer, welche aus dem ottomanischen Reiche herausgeschnitten werden sollen, den ersten Gebrauch von ihrer Freiheit dahin machen werden, daß sie die Juden verfolgen. Die Rumänen andererseits legen sich theils auf elegisches Bitten, theils auf Drohen. Die „Rounie Llbre" schreibt in Betreff der zwei „Lebensfragen" Rumäniens, die Rückerstattung Beßarabiens und die Emancipation der Juden: „Wir werden einen harten Stand haben, aus dieser Lage zu kommen, welche uns durch die russische Diplomatie und durlch die „Alliance Jsr. Unio." bereitet worden ist." Sie hofft dann in Betreff der Juden, daß der Congreß sich „in diese innere Angelegenheit" nicht mischen werde Eine gründliche Widerlegung dieser irrigen Anschauung ist vom Berliner Comit6 der Alliance rechtzeitig erfolgt; wir haben sie in vor. Nr. unter „Berlin" gebracht. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. In der Congreßsitzung am 1. Juli wurde, wie das „Bert. Tagebi." meldet, die Unabhängigkeit Rumäniens, auf ausdrücklichen Antrag des Für st en Bismarck nur unter der Loraussetzilng ausgesprochen, daß Rumänien für sämmtliche Bewohner seines Landes die Freiheit des religiösen Bekenutniffes gewähre; ganz so wie dies zwei Tage vorher bezüglich Serbiens stipulirt u. von diesem acceptirt wurden. Berlin. Herr v Bleichröder, der auf Beranlaffung der Delegirten der Allianz, wie wir gemeldet, sich bei Fürsten Bismarck für Gleichstellung der Inden Rumäniens verwendet hatte, telegraphirte am 2. d. Mts. an die „Wiener Alltanz": „Unsere Angelegenheit gestern gut abgeschlossen, auch sürRumänien. BestenGlückwunsch von Bleichröder." Die Mitglieder des Congreffes sind von Bleichröder zu einem Souper eingeladen worden. Die Vertreter der „Alliance Jsr. Univ." beabsichtigen dem Congreffe eine Dankadreffe für die günstige Lösung der Judenfrage in Serbien und Rumänien zu votiren. Königsberg i. Pr Der Vorstand des hies. Kunstvereins hat die anfangs zugesagte Erlaubniß zur Aufstellung der Büste Joh. Jacoby's im städtischen Museum nachträglich zurückgezogen. Allensteiu (Ostpreußen). Auf Antrag des hies. GemeindevorstandeS e.theilt Herr Lehrer und Prediger Tonn den jüd. Schülern am Gymnasium den Religionsunterricht gegen ein noch festzusetzendes Honorar. Am Schabuothfeste hatte der huniane Director die jüd. Schüler vom Schulbesuche vollständig dispensirt. Krakaa. Ein in Bochnia angestellter christl. Salinenbeanlter ließ sich aus Liebe zu einem jüd. Mädchen vo» seiner Frau scheiden und durch den hies. Rabbiner in's Judenthum aufnehmen — also meldet der „Wiener Israelit": was sagt der „Mainzer Israelit" dazu? Paris. Baron Gustav v. Rothschild hat für das Rabbinerseminar, das sich bis jetzt in einem gemietheten Lokale befand, ein Haus geschenkt. Paris Die Zeitungen veröffentlichen einen aus Berlin daUrten Brief des französischen Gesandten St. Ballier an den Präsidenten der Alliance Jsraelite Universelle, Adolphe Cr6mieux: Der Graf sagt darin: „Inden« mir die Frage der Gleichstellung der Juden in Rumänien, Bulgarien und Serbien verfechten, sind «vir für die Sache der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Civilisation und der Menschlichkeit eingetreten." ' Rußland. Im Jahre 1876 traten zur ruff. Landeskirche 12,340 Personen über, darunter 450 Juden!! Kalisch. Rach der „Bresl. Zeit." haben die in Kalisch zur Johanllistransaktion anwesenden Gutsbesitzer der Umgegend im Verein mit den angesehensten Bürgern der Stadt sofort beschloffen, eine Geldsammlung zu veranstalten, um den ärineren Juden den ihnen verursachten Schaden zu vergütigen, daß dies jedoch auf Anordnung des Gouverneurs Rabukoff unterblieben ist, angeblich, weil die Behörde erst den wirklich angerichteten Schaden ermitteln will. Die Regierung erweist sich nunmehr energisch. Alle Schäden sollen ersetzt werden; zu diesem Zweck und auch um die Soldaten zu unterhalten, sind der Stadt Kalisch 80,000 Rubel Geldbuße auferlegt, einem Dorfe 40,000 Rubel, die übrigen betheiligten Dörfer haben nach Verhältniß Strafe zu tragen. Von der Geldstrafe werden nur die ausgenommen, welche dazu beitragen, den Urheber der Schreckensscenen ausfindig zu machen. Kalisch. Einem in der „Bresl. Zeit." veröffentlichten Privatbriefe entnehmen wir noch, daß 40 Schwerverwundete im Krrnkenhause darniederliegen, ferner, daß bereits 3 Wochen vorher in den Städten Blaszke, Warthu und Sdunskawole arge Excesse gegen die Juden stattgefunden hatten. Viele Geistliche hatten die Bauern schon am 20. in der Predigt aufgefordert, Sonntag am 23. ohne Kinder in Kalisch zur Procession zu erscheinen, da würden sich wichtige Dinge ereignen. Der Brief schließt wie folgt: „Als der Gouverneur von Kalisch am verfloffenen Donnerstage, zwecks Aufnahme eines Protokolls über den angerichteten Schaden, in der Synagoge daselbst erschien, konnte sich dieser hohe Beamte sammt seinen Begleitern der Thränen nicht entwehren ob dieser barbarischen Zerstörungen. An der Synagoge sowohl wie an den Lehrhäusern müffen Soldaten noch immer Wache stehen. Vielleicht, lieber Freund, gelingt es Dir. das Jntereffe der „Alliance Jsraelite" für uns wachzurufen!" London. Im „Jew. Chr" finden wir eine nicht unintereffante Notiz, betreffend Koscher Fleisch. In den letzten sechs Monaten wurden in London rituell , geschlachtet 11,940 Ochsen, darunter waren 4,128 trefa, 21,518 Schafe, darunter 7,826 trefa; 1,689 Kälber, darunter 355 trefa. Man ersieht daraus auch, welche gute Controlle über die Schechita in der Riesenstadt geführt «vird; wir zweifeln, ob sich die betreffenden Zahlen in einer anderen Stadt feststellen laffen. Die Gemeinden in Posen, welche noch „Quitten" ausstellen, denken an solche Statistik nicht. Wichtiger ist natürlich das Verhältniß deS Trefa-Viehes zum Geschlachteten überhaupt (wobei noch zu beachten ist, daß das ganz erbärmliche Vieh von vorn herein nicht zu«n Schächten hingelegt wird,) wie viel krankes Vieh wird demnach dem Eonsum durch Juden, welche ihr Speisegesetz halten, entzogen, welch eine Lebens- und Gesundheits-Versicherung liegt in unseren Religionsgesetzen! Man sehe nur jene obenstehenden Zahlen an, ein Drittel bis ein Viertel des in Consum gebrachten Viehes ist krank.! — Möchte doch auch an anderen Orten solche Statistik zpsarmnengestellt und veröffentlicht werden. Zahlen sind lehrreicher als Predigten und Strafreden. New-Uork. Der Mayor von New Dark gab jüngst in einem offiziellen Bericht folgende statistische Notizen in Betreff der Juden. Die Juden bilden zehn Prozent unserer Bevölkerung und stellen «veniger als ein Prozent zu unser» Verbrecherklaffen. Im Bellevue-Hospital sind 895 Kranke, darunter nur 1 J«»de; Charity Hospital 945 Kranke, 5 Juden; Homöopathisches Hospital 601 Kranke, kein Jude; Pflegeanstalt 1017 Insassen, kein Jude; Hart'» Island-Hospital 383 Kranke, kein Jude. (Die Juden haben ihr eigenes Mount Srnai-Hospital und mehrere andere Allstalten.) Weiter silld im City Gefängniß 485 Gefangene, 8 Juden; iin rbeitshause 1178 Jusaffen, 7 Juden; Zuchthaus 1110 Sträflinge, 12 Juden; im Armenhau e 1437 Arme, kein Jude. So sind im Ganzen unter 8000 Personen nur 33 Juden.